09.03.2009 · Die Staatsanwaltschaft Kiel hat im Zuge der angeblichen Handball-Betrugsaffäre Ermittlungen gegen THW-Geschäftsführer Schwenker eingeleitet. Auch gegen den früheren Kieler Trainer Serdarusic wird ermittelt. Doch nicht nur für den THW Kiel hat der Sturm im Handball ein bedrohliches Ausmaß angenommen.
Von Rainer SeeleDie Unruhe wächst auch beim THW Kiel deutlich. So schwer wiegen inzwischen die Betrugsvorwürfe gegen den deutschen Handballmeister, dass einer seiner Gesellschafter, der frühere Zehnkampf-Olympiasieger Willi Holdorf, sagt: „Langsam kriegt man ein bisschen Bedenken.“ Das klingt norddeutsch-zurückhaltend, tatsächlich dürfte auch Holdorf jetzt in Angst und Schrecken versetzt worden sein.
Der THW steckt - mitsamt dem deutschen Handball - in einer großen Krise, die Kieler sind zudem ein Fall für die Justiz geworden. Wegen der Anschuldigungen, Schiedsrichter in der Champions League in mindestens zehn Spielen bestochen zu haben, hat die Staatsanwaltschaft Kiel eingegriffen. Sie ermittelt gegen den Kieler Manager Uwe Schwenker wegen des Verdachts der Untreue. Die Mutmaßungen darüber hätten sich erhärtet. Weil der frühere Kieler Trainer Zvonimir Serdarusic Beihilfe geleistet haben soll, will die Behörde auch seine Rolle durchleuchten.
Schwenker wurde vernommen
Am Sonntag hatten Staatsanwaltschaft und das Landeskriminalamt bereits „mehrere strafprozessuale Maßnahmen“ durchgeführt. Details wurden zwar zunächst genannt, doch wurden offensichtlich die Privatwohnungen von Schwenker und Serdarusic sowie die Geschäftsstelle des THW durchsucht. Schwenker wurde, wie es heißt, am Sonntag nach seiner Rückkehr vom Champions-League-Spiel bei Ciudad Real am Flughafen in Hamburg von Beamten vernommen. Er soll die Aussage verweigert haben.
Oberstaatsanwalt Uwe Wick sagte am Montag, dass man „mit Hochdruck“ arbeite, „es gibt einiges zu tun“. Bei Schwenker, dem Geschäftsführer der THW GmbH & Co. KG, geht es laut Wick um eine mögliche Verletzung der Vermögensbetreuungspflicht.
Fahndung nach schriftlichen Belegen
Am Sonntag hatte der THW Kiel mitgeteilt, er habe die Staatsanwaltschaft selbst eingeschaltet, um die Affäre zu klären. Außerdem wurde bekannt, dass Schwenker um Urlaub gebeten habe, um so besser gegen die angeblich „bösartigen“ Verleumdungen vorgehen zu können. Nachdem die Angelegenheit sich zugespitzt hat, wird wohl mit einer längeren Abwesenheit Schwenkers beim THW zu rechnen sein.
Die Fahnder in Kiel dürften nach Papieren forschen, die mögliche Manipulationen und Zahlungen an Referees belegen könnten. Zumindest Serdarusic soll über solche Unterlagen verfügen. Er hat das angeblich gegenüber den Rhein-Neckar-Löwen geäußert, die ihn verpflichten wollten. Löwen-Geschäftsführer Thorsten Storm bestätigte auf alle Fälle, dass Serdarusic Andeutungen über vermeintliche Kieler Verfehlungen gemacht habe. Die Gesellschafter des Mannheimer Klubs beschlossen daraufhin am 17. Februar, Serdarusic wegen des heiklen Hintergrunds nicht unter Vertrag zu nehmen.
Matheis hält sich in Saudi-Arabien aus
Zuvor schon waren sie von ihrem dänischen Sponsor Jesper Nielsen alarmiert worden, der Schwenker während der Weltmeisterschaft in Kroatien getroffen hatte. Dem „Mannheimer Morgen“ erzählte Storm dazu: „Uns wurde von Nielsen berichtet, dass Schwenker dort Manipulationen zugegeben hat.“ Die ersten Meldungen zu diesen brisanten Vorfällen waren publik geworden, nachdem Schwenker vom Löwen-Beiratsvorsitzenden Dieter Matheis schriftlich um eine Stellungnahme gebeten worden war.
Matheis nannte auch die Summe von 96.000 Euro, mit der sich der THW im Finale der Champions League 2007 das Wohlwollen der Unparteiischen erkauft haben soll. Derzeit ist Matheis nicht zur Sache zu befragen: Er hält sich in Saudi-Arabien auf.
„Der ganze Handball hat sich nicht mit Ruhm bekleckert“
Storm versucht derweil den Eindruck zu verwischen, die Mannheimer hätten ihren norddeutschen Bundesliga-Rivalen bewusst in Misskredit gebracht. „Wir haben niemanden angeklagt“, behauptete er, „für uns war der Fall auch abgeschlossen.“ Larmoyant sagte Storm weiter, ihm werde nun ständig vorgehalten, „dass ich den großen THW, das Zugpferd der Liga, schlachte. Ich habe doch nur Nachteile im Moment“. Er wies außerdem auf die Möglichkeiten der Nordbadener hin, die Kieler allein mit Finanzkraft zu überflügeln. „Wenn wir wollen, könnten wir die mit unseren wirtschaftlichen Mitteln aus dem Stand überholen.“
Mit seiner Kritik an der eigenen Branche liegt Storm zweifelsohne richtig: „In dieser Sache hat sich der ganze Handball nicht mit Ruhm bekleckert.“ Das lässt sich auch auf das Verhalten der Handball-Bundesliga (HBL) beziehen, deren Präsident Reiner Witte trotz der heftigen Turbulenzen um den THW Kiel auch am Sonntag wieder einen Schlussstrich hatte ziehen wollen - zumindest sollte das für die HBL gelten. Witte steht Schwenker nahe, es gab gemeinsame Zeiten beim TV Grambke-Bremen.
Der Sturm hat ein bedrohliches Ausmaß angenommen
Wenigstens scheint der HBL-Aufsichtsrat handeln zu wollen: Er erwägt nun, einen unabhängigen Kontrollausschuss zu installieren, der sich mit strittigen Vorkommnissen befassen soll.
Die Europäische Handball-Föderation (EHF) muss sich ebenfalls einen zögerlichen Umgang mit dem skandalträchtigen Thema ankreiden lassen. Erst jetzt will sie initiativ werden. Dabei gab es auch in Spanien Klagen über Schiebung im Handball-Europacup, Ademar Leon hatte sich vor kurzem darüber beschwert. Am Sonntagabend gewann das Team 36:32 gegen die SG Flensburg-Handewitt, es war aber bereits zuvor aus der Champions League ausgeschieden. Nun wurden EHF-Vertreter als Räuber beschimpft, außerdem kam es mit ihnen am Sonntag in Leon zu Handgreiflichkeiten. Der Sturm im Handball hat ein bedrohliches Ausmaß angenommen, nicht nur für den THW Kiel.