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Tennis-WM in London : Das Erfolgsgeheimnis des Boris Becker

Spaß, Satz und Sieg: Novak Djokovic (rechts) bereitet Boris Becker viel Freude – zum Beispiel als Faxenmacher Bild: pixathlon / Abaca

Reden ist Twitter, Siegen ist Gold: Boris Becker erlebt mit Novak Djokovic ein erfolgreiches erstes Jahr als Chefcoach. Die deutsche Tennis-Legende hat der Nummer eins einen Extraschub gegeben – nur welchen?

          Als Autor zweier Autobiographien von jeweils knapp 300 Druckseiten sowie Verfasser von mehr als 15.200 Twitter-Beiträgen steht Boris Becker nicht im Verdacht, ein Freund des Totschweigens zu sein. Fachliche Einschätzungen verbreitet Becker genauso gern wie private Einblicke, und dabei, so scheint es manchmal, arbeiten seine Finger mindestens genauso schnell wie sein Kopf.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber bei allem Mitteilungsbedürfnis in jedweder Angelegenheit versteht es die Tennislegende, die am kommenden Samstag erst ihren 47. Geburtstag feiert, bei einem Thema völlig stillzuhalten. Wie er seinen Job als Chefcoach von Novak Djokovic ausfüllt, ob er der Trainer für die Taktik oder der Mann fürs Mentale ist und wie die Zusammenarbeit überhaupt funktioniert - bei diesen Fragen schweigt Becker ebenso beredt wie beharrlich.

          Er gibt lediglich Allgemeinplätze von sich wie: „Ich bin Teil einer sehr guten Mannschaft.“ Oder: „Ich muss Ihnen nicht erklären, dass ich mich im Tennis ein bisschen auskenne und insofern meinem Spieler - und jedem Spieler auf der Welt - Tipps geben kann.“ Recht hat der Boris Becker, und weil er das Vertrauensverhältnis zu Djokovic so ernst nimmt, bleibt die Frage, warum die beiden auf ein derart erfolgreiches erstes Jahr zurückblicken.

          Sechs Titel hat der Serbe in dieser zu Ende gehenden Saison gewonnen, darunter den prestigeträchtigsten in Wimbledon, wo auch sein deutscher Mentor dreimal auf Rasen triumphierte. Nach seinem 6:1, 3:6, 6:0-Halbfinalsieg gegen den Japaner Kei Nishikori am Samstag - dem 31. Matchgewinn nacheinander unterm Hallendach - gewann Djokovic am Sonntag kampflos zum dritten Mal nacheinander die ATP World Tour Finals, weil Gegner Roger Federer das Endspiel verletzt absagen musste.

          Volle Kraft voraus: Die Becker-Faust gibt es auch in der Box noch

          Schon tags zuvor war es ihm in London gelungen, Roger Federer in der Weltrangliste auf Abstand zu halten und das Jahr als sichere Nummer eins zu beenden. Weil ihm dies zum dritten Mal binnen vier Jahren gelungen ist, kann man schon einmal weiter danach bohren, welcher Extraschub von Becker ausgegangen ist. „Er bringt eine ganze Menge ins Team ein“, hat Djokovic am Rande des Londoner ATP-Finals gegenüber dem britischen Fernsehsender BBC gesagt, „und zwar mehr, als die Leute wirklich sehen oder wahrnehmen.“

          Was die Leute sehen: Dass Becker und Djokovic auf dem Trainingsplatz viel Spaß miteinander haben. Dass Becker auf der Tribüne oft die Faust zeigt oder in die Hände klatscht, wenn der 27-Jährige drunten auf dem Platz spielt, schlägt und siegt. Und dass Becker die gemeinsamen Monate gutgetan haben, auch äußerlich, weil er sich wieder in jener Welt bewegt, in die er gehört.

          Der Tennissport, „meine große Liebe, meine Leidenschaft“: Becker und Frau Lilly beim Oktoberfest

          „Meine große Liebe, meine Leidenschaft“ sei der Tennissport, erklärte der in London lebende ewige Leimener, kurz bevor in seinem Wohnzimmer Wimbledon Djokovic zum zweiten Mal triumphierte: „Das ist wahrscheinlich etwas, das bei mir im Blut ist. Tennis fällt mir sehr leicht.“

          Was die Leute wahrnehmen: Dass Djokovic offenbar viel an seinem Aufschlag gearbeitet hat, was wohl auch auf Betreiben des vormaligen „Bum-Bum-Boris“ passiert sein dürfte. Und dass der Serbe oft stark gespielt hat in diesem Jahr, manchmal aber auch an seine alten Grenzen gestoßen ist. Von den vier Grand-Slam-Turnieren hat er nur eines gewonnen. Dabei sollte der einst so ausgebuffte Becker doch vor allem dazu beitragen, dass der Serbe gerade in entscheidenden Spielen zu Hochform aufläuft. „Als vielmaliger Champion versteht er die Herausforderung, die ich auf dem Platz durchstehen und überwinden muss“, sagt Djokovic.

          Es ist noch nicht so lange her, da trat Becker so im deutschen Fernsehen auf

          Klingt nachvollziehbar, aber wenig erhellend. Der serbische Chef und sein deutscher Chefangestellter wahren weiter ihr Erfolgsgeheimnis. „Es ist logisch, dass die Leute spekulieren“, sagte Djokovic. Wobei der Weltranglistenerste, der im Frühjahr in Indian Wells sein erstes Turnier ausgerechnet zu einem Zeitpunkt gewann, als Becker gerade unpässlich und in der Ferne war, immerhin zugegeben hat, dass der Anfang des gemeinsamen Weges etwas rumpelig verlief. „Wir mussten erst gegenseitig herausfinden, was uns glücklich macht und was ärgerlich.“

          Vergangenen Monat hat das Team Djokovic weiteren namhaften Zuwachs bekommen. Stefan heißt der Neue, der bei Novak Djokovic zusätzliche Kräfte freigesetzt hat. Zwar ist Stefan, weil erst knapp vier Wochen alt, noch nicht in der Lage, in Tennis-Fachfragen mitzubrabbeln. Doch übt er einen positiven Effekt aus auf den Herrn Papa.

          Der 17jährige Leimener: Becker gewann 1985 Wimbledon

          „Es ist eine neue Motivation, wenn man für jemanden spielt, und dieser jemand ist dein Sohn“, sagte Novak Djokovic. Direkt nach der Geburt ist der frischgebackene Vater wieder zur Arbeit gegangen, hat das Pariser Hallenturnier ohne Satzverlust gewonnen und somit seinen zwanzigsten Masters-Titel geholt. „Vielleicht sollten wir noch mehr Kinder machen“, scherzte Djokovic auch im Namen seiner Frau Jelena.

          Die Geburt seines Sohnes hat nicht nur die Familie vergrößert, sondern nebenbei die Distanz zum Konkurrenten Federer verringert. Neuerdings reden die beiden ziemlich häufig miteinander, vor allem auf Betreiben Djokovics, der sich vom vierfachen Vater einige lebenspraktische Tipps abholt: wie man eine gute Balance zwischen Beruf und Familie findet, wie man mit Frau und Kind seine Turnierreisen plant, wie man trotz Ablenkung sportlich erfolgreich bleibt.

          Im Finale der Tennis-WM triff Djokovic auf Roger Federer

          „Es ist unglaublich, dass er noch auf einem so hohem Niveau spielt mit seinen vier Kindern“, sagte Djokovic über Federer: „Hoffentlich gelingt es mir, mein Leben genauso gut zu organisieren wie er.“ Wer größeren Anteil an Djokovics jüngsten Erfolgen hat, ob Boris Becker oder Baby Stefan, bleibt ein weiteres gut gehütetes Geheimnis.

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