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Tennis : Ticken die noch richtig?

Nadals Tick: Sollte eine der Flaschen umfallen, würde der Spanier die alte Ordnung wiederherstellen Bild: picture alliance / Back Page Ima

Rafael Nadal reiht Flaschen auf, Sabine Lisicki betritt keine Linien: Tennisstars pflegen ihre Rituale und ihren Aberglauben und hoffen auf den Placebo-Effekt - auch bei den laufenden US Open.

          Wenn Rafael Nadal dieser Tage New York spielt, ist alles so wie immer. Er wird sich im weltgrößten Tennisstadion sein eigenes kleines Reich schaffen, in dem strikte Ordnung herrscht. Er wird zwei Flaschen - eine mit eisgekühltem Wasser, eine mit lauwarmem - mit ins Arthur Ashe Stadium bringen, und sobald er sich gesetzt hat, wird er aus jeder Pulle genau einen Schluck nehmen, anschließend beide vor der Bank zu seiner Linken akkurat in einer Reihe aufstellen, die Etiketten auf jene Seite des Platzes gerichtet, auf der Nadal aufschlagen oder retournieren wird.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bei jedem Seitenwechsel wird das Procedere aufs Neue beginnen. Sollte eine der Flaschen umfallen, wegen der gefürchteten New Yorker Windböen oder anderer Widrigkeiten, würde der Spanier zurück zu seiner Ruhestätte eilen und die alte Ordnung wiederherstellen. Mit Aberglauben habe sein Verhalten nichts zu tun, behauptet der Weltranglistenzweite, wohlwissend, dass sich Profikollegen darüber lustig machen, wie er seine Ticks hegt und pflegt. „Mir helfen die immer gleichen Abläufe, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren und alles andere auszublenden“, sagt Nadal.

          Beinahe jeder Tennisprofi hat seine Marotten: jedes Mal im selben Hotel wohnen, auf der Tennisanlage immer dieselbe Dusche benutzen, stets aufs Neue dieselben Socken tragen. Björn Borg hatte früher, sobald ein Grand-Slam-Turnier begann, aufgehört, sich zu rasieren. Zwischen den Ballwechseln keinesfalls die Linien zu betreten, wie es einst John McEnroe, Justine Henin und Nicolas Kiefer taten und wie es heute Sabine Lisicki praktiziert, könnte sich schlimmstenfalls zu einer Zwangsneurose auswachsen, sagt Thomas Baschab, der als Mentaltrainer Tennisprofis und andere Sportler betreut: „Wenn ein Handlungsablauf für Gelingen oder Misslingen verantwortlich gemacht wird, fehlt es dem Spieler an Eigenverantwortung und womöglich an Selbstbewusstsein.“ Dann würden Glück und Pech zu etwas, das zufällig geschieht - und nicht, was man sich selbst erarbeiten kann. Rafael Nadal bekäme also dann ein echtes Problem, wenn er glaubt zu verlieren, bloß weil eine Wasserflasche umkippt.

          Richtige Schnürsenkel

          Serena Williams, die als stärkste Tennisdame der Welt gilt, hatte mal genauso ein Psycho-Problem. Die amerikanische Weltranglistenerste, die ihre Schnürsenkel stets auf die gleiche Art bindet - eine Marotte, die auch Boris Becker zu seinen aktiven Zeiten pflegte -, ahnte schon während ihres French-Open-Finales 2007 gegen Justine Henin, dass sie verlieren würde: Sie hatte die Schnürsenkel nicht wie gewohnt gebunden, sie hatte ihre Badelatschen sowie ihren zweiten Tennisdress nicht wie üblich in ihrer Sporttasche gehabt, als sie den Platz betrat, und obendrein habe sie es versäumt, den Ball vor dem Aufschlag fünfmal aufprallen zu lassen. „Ich wusste, es war eine Fügung“, erklärte Serena Williams im Nachhinein ihre Niederlage.

          Wie Rafael Nadal, der nach seinem Comeback im Frühjahr neun von zwölf Turnieren gewann und als Mitfavorit in die nun anstehenden US Open geht, so hat auch die deutsche Fed-Cup-Spielerin Andrea Petkovic einen kleinen Flaschen-Spleen. Drei bis vier Pullen reiht die Darmstädterin neben ihrem Sitzplatz auf, die sie ein wenig abschirmen und ein Schutzrevier markieren. „Wenn die Flaschen parallel neben mir stehen, dann gibt mir diese Form Sicherheit. Vor allem, wenn ich im Match einmal unsicher bin, erscheinen sie mir wie eine Burg“, sagt Andrea Petkovic, die zusätzlich zu dem immer gleichen Ritual der Flaschenaufstellung von Turnier zu Turnier weitere Ticks entwickelt. „Wenn es beim ersten Match sonnig war und ich habe mit einer Kappe gespielt, dann behalte ich sie bis zum Schluss auf dem Kopf - selbst wenn es in Strömen regnet.“

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