28.04.2010 · Andrea Petkovic war bei der Pleite am vergangenen Wochenende gegen Frankreich die Spitzenkraft im deutschen Fed-Cup-Team. Die Darmstädterin schreibt im FAZ.NET-Tennis-Tagebuch über ihre Rolle als Nummer eins beim Duell in Frankfurt.
Von Andrea PetkovicEs war interessant zu sehen, was ein Komplettausfall des Flugverkehrs für ein Chaos verbreiten kann. Und noch interessanter war es zu sehen, wie sehr mein Beruf von gerade diesem Flugverkehr abhängt. So saß ich denn hilflos in Barcelona vor dem Bildschirm meines Laptops und versuchte Satellitenbilder zu interpretieren. Aber es nutzte alles nichts. Nach ewigen Wartereien, gestresstem Personal und noch gestressteren gestrandeten Passagieren fand ich mich auf dem Sitz eines Busses wieder, der nach schnellen 22 Stunden Fahrt gemütlich am Frankfurter Flughafen einrollte.
Die erste Fed-Cup-Woche seit meiner desaströsen Leistung in Tschechien stand an, und ich wollte es unbedingt besser machen, da kam ich auch schon einen knappen Tag zu spät an, völlig übermüdet, mit steifen Beinen - um zu erfahren, dass Sabine Lisicki, unsere Nummer eins im Team, im Fed Cup nicht starten konnte, weil sie immer noch an ihrer Sprunggelenksverletzung herumlaborierte. So war ich also die Nummer eins im Team. Abermals.
Mit Skischuh oder auf Krücken
Die Phantome aus Tschechien schienen aus den Erdspalten wieder emporzusteigen. Der Rest des Teams bestand aus Julia Görges, Tatjana Malek und Kristina Barrois. Teamchefin Barbara Rittner plus Maskottchen Sophie, ein Foxterrier, waren feste Größen in der Mannschaft, genauso wie Arzt Ulf Blecker, Physiotherapeutin Petra Winzenhöller, Konditionstrainer Mike Diehl und Co-Trainer Dirk Dier. Als Co-Co-Trainerin und Beraterin stand Anna-Lena Grönefeld dem Team während der ganzen Woche tapfer zur Seite, obwohl sie aufgrund eines Ermüdungsbruchs entweder mit Skischuh oder auf Krücken herumlief.
Dass uns durchweg attraktive Fahrer ihre Dienste zur Verfügung stellten, machte die Sache ein wenig erträglicher. Als am Freitag auch noch Sabine Lisicki ebenfalls mit Skischuh und Krücken anreiste, war das Team zwar geistig komplett, aber es war schon bitter mit anzusehen, dass beide Mädels, die uns letztes Jahr den Aufstieg ermöglicht hatten, nun humpelnd hinter uns herliefen.
Die Angst war von Tag zu Tag größer geworden
Die erste Trainingseinheit am Dienstag war der Busfahrt entsprechend ein wenig steif, ich fühlte mich eckig und wusste nicht, ob ich bis zum Wochenende sandplatzreif sein würde. Doch im Laufe der Woche rannte ich die Steifheit aus meinen Gliedern, und von Tag zu Tag wurde das Training besser, meine Bewegungen wurden geschmeidiger, und die Vorfreude auf das Wochenende wuchs. Zum ersten Mal spürte ich den Unterschied zwischen der Gemütslage, in der ich mich in Tschechien befunden hatte, und meiner jetzigen, die aufgeregt war, aber auch freudig erregt.
In Tschechien war die Angst von Tag zu Tag größer geworden, ich dachte nur noch daran, was passieren würde, wenn ich verliere - während ich in Frankfurt mit der Taktik beschäftigt war, die ich gegen die Französinnen zu spielen gedachte. Das einzige, was mich überhaupt störte, war das ständige Nasenbluten, das sich mindestens einmal am Tag bemerkbar machte.
Jede durfte sich etwas wünschen - außer mir
Ein wenig Aderlass scheint mir körperlich nicht geschadet zu haben. Dafür ärgerte es mich ungemein, dass ich beim teaminternen Tippspiel für die Champions League auf Lyon - die Franzosen! - setzte, die dann aber kläglich an den Bayern scheiterten. Kristina Barrois, unsere Fußballexpertin, hatte hier den richtigen Riecher und steckte die 70 Euro, über beide Ohren strahlend, ein. Zwar wollte sie am Ende des Wochenendes, wenn es einen glücklichen Ausgang geben sollte, alle auf ein Eis einladen - aber leider blieb uns das verwehrt.
Auch die Wunschrunde, die wir sechs Mädels am Freitag vor dem ersten Spieltag veranstalteten, blieb unerhört. Wir saßen beim Abendessen zusammen, als sich Julia Görges über die zwei Zitronenscheiben in ihrem Wasser beschwerte. Ich schnappte mir beide und hielt sie vor die Gesichter der Mädels. Jede durfte sich etwas wünschen. Außer mir, dafür musste ich die Zitrone essen - samt Schale und ohne das Gesicht zu verziehen. Dann gehen, so heißt es, Wünsche in Erfüllung. Obwohl keiner verriet, was er sich wünschte, konnte man es an jedem Gesicht erahnen. Aber scheinbar hatte ich das Gesicht beim Kauen doch verzogen.
Mit großer Entschlossenheit ins Match
Am Samstagmorgen, dem ersten Spieltag, wurde ich morgens um halb sechs wach mit einem zentnerschweren Stein im Bauch. Mir wurde schlagartig bewusst, dass, sollte ich heute verlieren, ich der Buhmann des Fed Cup auf alle Zeiten werden würde. Doch komischerweise machte mir der Gedanke keine Angst mehr. Im Gegenteil, ich fühlte mich herausgefordert, es allen zu beweisen. In allererster Linie mir selbst. Mit dieser Entschlossenheit ging ich dann auch ins Match.
Ich spielte von Anfang an hochkonzentriert, und vor allem hangelte ich mich von Punkt zu Punkt, ohne darüber nachzudenken, was danach kommen könnte. Ich spielte solide, und als ich schließlich meinen ersten Matchball gegen Pauline Parmentier, die Nummer zwei der Franzosen, verwandelte, fiel der Zentnerstein fast greifbar von meinem Herzen.
Ich sollte es mit Kristina Barrois richten
So konnte es weitergehen. Leider tat es das nicht. Zwar hatte Tatjana Malek einen super Start ins zweite Einzel des Tages erwischt, aber als Aravane Rezai ihren Rhythmus fand, wurde es immer schwerer. Am Schluss des Spiels war die Französin zu gut. Wie sie gegen Ende des Matches aufspielte, hätte mir Angst machen können, aber ich war wild entschlossen, auch diese Hürde zu meistern. Und mit dieser Einstellung ging ich am nächsten Tag ins erste Einzel gegen sie. Ich spielte einen sehr guten ersten Satz und einen soliden zweiten, womit am Ende das Ergebnis von 6:1 und 7:6 stand.
Da ich von Barbara Rittner während Julia Görges' Match ziemlich bald in die Umkleide geschickt wurde, um mich für ein mögliches Doppel bereitzuhalten, konnte ich den Zwischenstand immer nur anhand des Lärmpegels in der Umkleide einschätzen, was teilweise unerträglicher war, als selbst zuzuschauen. Schließlich konnte unsere „Jule“ die Niederlage nicht abwenden. Das entscheidende Doppel stand vor der Tür. Ich sollte es mit Kristina Barrois richten.
Ich konnte meine Tränen nicht mehr zurückhalten
Ich bin nicht gerade für meine Doppelstärke bekannt, und eine Anna-Lena Grönefeld fehlte mir in diesem Moment unsagbar - als Fels im Doppel, wie wir sie kennen. Kristina gab ihr Bestes, schlug gut auf und spielte am Netz solide, aber die Französinnen waren an diesem Tag in Topform. Die paar Minuten, die Kristina und ich brauchten, um uns aneinander zu gewöhnen, hatten Alize Cornet und Julie Coin gnadenlos ausgenutzt, um davonzuziehen.
Sie ließen uns auch nicht mehr zurück in die Partie finden. Als schließlich der Matchball verwandelt war, diesmal gegen mich, konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Zwar dachte ich mir noch kurz, die Leute sehen mich auch nur heulend, aber der Gedanken konnte es auch nicht stoppen. Die Anspannung, die Hoffnungen auf die erste Weltgruppe, alles brach in dem Moment zusammen, und mir schien es, als wären meine Bemühungen zuvor völlig umsonst gewesen.
Team-„Geist“ in der Herrenumkleide
Und doch gab es keine 20 Minuten nach einer der bittersten Niederlagen in meiner Karriere auch einen der schönsten Momente meiner Karriere. Die Szene war fast ein wenig symbolisch. Alle Teammitglieder waren nach und nach in der Umkleide eingetrudelt, bei manchen flossen Tränen, auf allen Gesichtern sah man die Enttäuschung.
Die Herrenumkleide im Frankfurter Tennisclub Palmengarten ist riesig, jedes einzelne Teammitglied hätte sich in eine Ecke verkriechen können, um seinen Gedanken nachzuhängen. Doch schweigend fand sich das Team nach wenigen Minuten im Kreis zusammen. Wir Mädchen saßen auf dem Boden, einige legten sich gegenseitig den Arm auf die Schultern, und in diesem Moment war er zu spüren: unser Team-„Geist“.