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Tennis Spiel, Satz und Wettbetrug

05.11.2007 ·  Nikolai Dawidenko steht im Verdacht, eine Partie verschoben zu haben. Der Russe beklagt, die ATP Tour verschleppe das Verfahren - und nun mehren sich die Gerüchte über vielfältige Manipulation im Tennis. Von Wolfgang Scheffler.

Von Wolfgang Scheffler
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Zumindest der Tennisprofi, der den Stein ins Rollen brachte, redet jetzt ganz offensiv. Nikolai Dawidenko begann mit einem Interview im Magazin „Focus“ eine Medienkampagne, mit der er allen Vorwürfen, an einem Wettbetrug um seine Niederlage vom 2. August im polnischen Seebad Sopot gegen den Argentinier Martin Vassallo Arguello beteiligt zu sein, entgegentritt. Nachdem der Russe auf Anraten der ATP Tour zunächst nur seine Unschuld beteuerte, beklagt der 26-jährige Weltranglistenvierte nun, dass die ATP Tour, die gemeinsame Dachorganisation von Spielern und Turnierveranstaltern, das Verfahren verschleppe.

Sein Frankfurter Anwalt, Professor Frank Immenga, spricht gar von einer „absoluten Frechheit“. Denn das Verfahren, bei dem Dawidenko bisher nicht als Beschuldigter, sondern nur als Zeuge gilt, ist noch im Vorstadium. Erst in den nächsten Tagen soll ein Schweizer „Hearing Officer“ entscheiden, ob dem Ansinnen der ATP Tour stattgegeben wird, die am 29. August dem Profi aufforderte, alle Gesprächsdaten von allen Telefonen, die auf seinen Namen registriert sind oder von ihm zwischen dem 4. Juli und 16. August benutzt wurden, der ATP Tour innerhalb von sieben Tagen zukommen zu lassen. „Abgesehen davon, dass dies fast unmöglich ist, wie zum Beispiel bei Gesprächen von Hotelzimmern, verstößt das Ansinnen gegen nationales und internationales Recht und Datenschutzbestimmungen“, sagt Immenga.

War das Insider-Wissen gar nicht notwendig?

Aber unabhängig von Verfahrensfragen fühlt sich der Russe von der ATP Tour zu Unrecht an den Pranger gestellt. Erst nach den Anschuldigungen nahm sich Dawidenko einen Manager, den Österreicher Ronnie Leitgeb. Der behauptet, dass die von der ATP Tour beauftragten Detektive von Scotland Yard nach einer dreistündigen Befragung von Dawidenko versichert hätte, es bestünde gegen seinen Klienten kein begründeter Verdacht.

Denn die Namen der Wetter, die hohe Summen auf eine Niederlage des Favoriten setzten, sind bekannt. Neun Russen hatten rund 700.000 Pfund auf den argentinischen Außenseiter gesetzt, allesamt Personen, die Dawidenko nicht kenne und zu dem sich keine Verbindung nachweisen lasse. Dawidenko weist zu dem darauf hin, dass es für Wetten auf einen Sieg Vassallo Arguellos nicht einmal Insider-Wissen notwendig gewesen sei. Denn seine später als Ermüdungsbruch diagnostizierte Fußverletzung sei vielen bekannt gewesen.

„Der ist kein Zocker, der ist eher sparsam“

Er ist, wie die Fernsehaufzeichnungen zeigen, vor seiner Aufgabe im dritten Satz während des Matches dreimal auf dem Platz von einem Physiotherapeuten behandelt worden. „Für einen Top-Ten-Spieler wie Dawidenko gibt es einfach keinen Anreiz, sich an Wettbetrug zu beteiligen“, sagt Leitgeb, „schon gar nicht in Sopot, wo Nikolai als Titelverteidiger ein hohes Antrittsgeld kassierte, wo er bei einem abermaligen Gewinn einen hohen Bonus kassiert hätte und zudem auch noch 2008 vertraglich einen Start zugesichert hat.“

Auch wenn Leitgeb an Dawidenkos Unschuld fest glaubt („Der ist kein Zocker, war noch nie in einem Kasino, der ist eher sparsam.“) hält er Wetten im Tennis für „ein Megaproblem“. Denn anders als bei Pferderennen oder Mannschaftssportarten seien die Information über den körperlichen Zustand der Akteure für viele leicht zugänglich. Leitgeb, als langjähriger Manager des ehemaligen österreichischen Weltranglistenersten Thomas Muster mit den Gepflogenheiten im Profitennis bestens vertraut, glaubt, dass Wettanbieter Trainer und vielleicht auch Spieler, die in der Weltrangliste zwischen 100 und 150 rangieren, mit einem Tageshonorar von etwa 300 Euro für Informationen belohnen – Tipps, die sie für die Festsetzung ihrer Quoten benötigen.

ATP Tour liegt eine Liste mit 140 Matches vor

„Das Problem Wetten kann man im Tennis nicht in den Griff bekommen. Das sind alles Privatunternehmen. Wie will man das verbieten? Und außerdem haben Sportwetten in angelsächsischen Ländern Tradition,“ sagt Leitgeb. Zumindest bei den Australian Open soll das Wettbüro im nächsten Jahr von der Anlage verschwinden. Doch damit ist wenig gewonnen. Denn im Internet tummeln sich nicht nur Anbieter fester Quoten, wie etwa Bwin, also traditionelle Buchmacher, sondern auch Wettbörsen wie Betfair, die nach dem „Lay-Back-Prinzip“ arbeiten.

Das heißt ein Zocker muss ein Wette zu einer von ihm festgesetzten Quote anbieten („lay“) und andere müssen dagegen wetten („back“). Betfair verlangt, das man sich namentlich registriert, und führt eine Identitätsprüfung durch. Angeblich liegt der ATP Tour eine Liste mit 140 Matches vor, die zwischen 2002 und 2007 Auffälligkeiten aufwiesen. Aber außer vollmundigen Ankündigungen, wie der von Etienne de Villiers, dem Chef der ATP Tour, der für Wettbetrüger schon beim ersten Vergehen eine lebenslanges Berufsverbot fordert, ist von der ATP Tour wie im Fall Dawidenko wenig Aufklärendes zu hören. So melden sich jeden Tag neue vermeintlich Zeugen.

Gestiegene Bekanntheit und Autogrammwünsche

Selbst Randfiguren wie der Österreicher Werner Eschauer, der allen Ernstes behauptet, ihm habe man Geld für eine Wimbledon-Niederlage gegen den spanischen Weltranglistenzweiten Rafael Nadal geboten, machen plötzlich Schlagzeilen. Montag abend packte anonym ein deutscher Profi im WDR-Regionalprogramm aus (Siehe auch: Tennis: Wettskandal weitet sich aus). Dawidenko, der Mann, mit dem alles begann, weist zwar scherzhaft auf seine sprunghaft gestiegene Bekanntheit hin und freut sich über plötzliche Autogrammwünsche. Doch in Wirklichkeit, so Leitgeb, setzten die Anwürfe Dawidenko dermaßen zu, dass er sich kaum noch auf Tennis konzentrieren könne.

Und dann bestrafe man den armen Kerl auch noch in St. Petersburg mit 2000 Dollar, weil er sich gegen den Kroaten Cilic nicht genügend angestrengt habe. Laut Leitgeb leide Dawidenko derzeit unter einem „klassischen Burn-out-Syndrom.“ Schon dies dürfte die Wettlust von Zocker beflügeln, die beim Saisonfinale Masters Cup in Schanghai Ende November auf einen Reibach mit Niederlagen des Russen spekulieren.

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