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Veröffentlicht: 17.03.2017, 11:29 Uhr

Tennis in Indian Wells Federer verzückt das Volk

Roger Federer ist derzeit bestens in Form und erlaubt sich abseits des Tennisplatzes viele Späße. Nun steht dem Schweizer aber ein harter Test bevor.

von Doris Henkel, Indian Wells
© dpa Roger Feder hat derzeit nicht nur auf dem Tennisplatz jede Menge Freude.

Der kleine Elektrokarren, mit dem die Spieler nach dem Match vom Centre Court zurück ins Hauptgebäude gefahren werden, ist gewöhnlich eine Weile unterwegs: raus aus den Katakomben des Stadions, aufwärts, um den Parkplatz herum, die Straße runter und dann noch mal nach links. Wenn es ihm gutgeht und er gewonnen hat, fällt Roger Federer auf dieser Fahrt allerlei Unfug ein. Manchmal schneidet er Grimassen und fotografiert sich selbst dabei, dann stellt er die Fotos ins Netz, und beim Betrachten dieser Aufnahmen ist festzuhalten, dass das Kind in diesem Manne sehr lebendig ist. Das sei alles völliger Blödsinn, was er da poste, sagt Federer, aber er mache den Leuten offenbar eine Freude, und er selbst finde es auch ziemlich lustig.

Er ist, selbst wenn er in einem Wagen sitzt, weiter im Flugmodus, zumal nach dem zweiten Sieg innerhalb von zwei Monaten gegen Rafael Nadal. Zum 6:2, 6:3 gegen den Spanier brauchte er im Achtelfinale der BNP Paribas Open nicht viel mehr als eine Stunde, und wie die Zahlen und die Spielzeit vermuten lassen, war er in der Tat der dominierende Mann. Nadal meinte hinterher, im Gegensatz zum Finale Ende Januar bei den Australian Open habe er diesmal nicht gut genug gespielt und keine Chance gehabt.

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Wie in Melbourne beglückte und verzückte Federer das Volk mit seiner Rückhand; nicht wie früher in vielen der insgesamt 26 Duellen mit Nadal mit tückischem Slice, sondern mit Risiko und Eleganz voll durchgezogen. Ein Genuss, wieder und wieder. Kein so dramatischer Schlag wie beim Kollegen Stan Wawrinka, stattdessen purer Schwung mit unwiderstehlicher Eleganz.

Sein Vater Robert sei der Erste gewesen, der vor vielen Jahren gesagt habe, er solle sich nicht immer zurückfallen lassen und Slice spielen, sondern, verdammt noch mal, richtig durchziehen, gab er nach dem Spiel zu. Und warum dauerte es dann so lange? Wollte er nicht auf den väterlichen Rat hören? „Doch, doch. Schon. Aber am Anfang fehlte mir die Kraft, und du musst auch Selbstvertrauen haben; einfach nur draufdreschen ist ja nicht das Ziel. Ich bin froh, dass mir meine Eltern immer gesagt haben: Trau dich was. Es ist bis heute in meiner DNA, dass ich ein Tennisspieler und kein Ballschubser bin.“

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Eine wichtige Rolle bei der Perfektion dieser Rückhand, die all seine Coaches gern gesehen hätten, spielte sein Schlägerwechsel vor drei Jahren zu einem Modell mit größerem Schlägerkopf, aber entscheidend waren Stunden um Stunden des systematischen Trainings in seiner Aufbauphase im vergangenen Jahr. Ist es nicht eine faszinierende Geschichte, wenn einer, der sowieso schon alles kann, weiter hungrig nach neuen Möglichkeiten sucht? Sie erklärt jedenfalls viel.

Aber dieser Rückhand steht nun ein harter Test bevor, vor allem beim Return am Freitag im Viertelfinale gegen Nick Kyrgios. Dessen Aufschlag hat zurzeit hammerharte Durchschlagskraft, und er ist von furchterregender Präzision. Die Erfolgsquote beim ersten Aufschlag aus dem Spiel gegen Alexander Zverev von 84 Prozent übertraf der Australier beim höchst eindrucksvollen Sieg gegen Novak Djokovic (6:4, 7:6) sogar um zwei Prozent. Im dritten Spiel nacheinander gab er kein einziges Aufschlagspiel ab, und Djokovic gab hinterher unumwunden zu, er habe nichts machen können. Ähnlich hatte die Sache kürzlich im Finale des Turniers von Acapulco ausgesehen; damals wie diesmal konnte er Kyrgios nicht aufhalten, was immer er versuchte. Auch Federer war beeindruckt und sagte, er sei überrascht über zwei Siege des Australiers gegen Djokovic in so kurzer Zeit. „Damit hat er wirklich eine Menge bewiesen.“

© Twitter

Vor knapp zwei Jahren hatte Kyrgios in Madrid auf Sand gegen Federer im Tiebreak des dritten Satzes gesiegt. Er sagt, das sei damals auf dem Centre Court irgendwie surreal gewesen, ein großartiges Gefühl. Federer hat den Tag weniger schön in Erinnerung. Es war der erste Geburtstag seiner Söhne Leo und Lenny, und es sei ihm schwergefallen, diesen Geburtstag nicht mit den beiden und der Familie verbringen zu können. „Diesmal hat zum Glück keiner Geburtstag“, sagt er, „ich kann mich darauf konzentrieren, Tennis zu spielen.“

Beim Sieg gegen Nadal trug er ein buntes, geflochtenes Gummiarmband am linken Handgelenk, quasi als fröhliche Begleitung der edlen Sponsorenuhr. Das Armband habe ihm eine seiner Töchter als Glücksbringer geschenkt, berichtete Federer, und da habe er es natürlich tragen müssen. Die Töchter Myla und Charlene werden im Sommer acht Jahre alt, und sie wissen inzwischen vermutlich längst, dass ihr Vater ein ziemlich lustiger Vogel sein kann, nicht nur, wenn er nach Siegen in einem Golfwägelchen durch die Gegend fährt.

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