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Tennis Mehr als nur elf Stunden und fünf Minuten

03.09.2010 ·  Im Wimbledon haben sie Tennis-Geschichte geschrieben. In New York sind sie sich zum ersten Mal wieder begegnet. John Isner und Nicolas Mahut haben das legendäre längste Match unterschiedlich gut verkraftet.

Von Thomas Klemm, New York
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Es ist die alte Geschichte. Zwei Männer, ein Duell. Ein Sieger, ein Verlierer. Dann trennen sich ihre Wege: Der eine wird gepriesen, der andere bemitleidet. Irgendwann treffen sie sich wieder – Helden unter sich. „Wir sind gute Freunde geworden“, erklärt John Isner, der Gefeierte. „Ich bin glücklich, ihn zu sehen“, sagt Nicolas Mahut, der Geschlagene.

In den vergangenen Tagen sind sich die beiden Tennisprofis in New York zum ersten Mal begegnet, seit sie Mitte Juni auf dem Rasen von Wimbledon drei tolle Tennistage miteinander verbrachten. In den zehn Wochen seit dem Marathon-Match, das elf Stunden und fünf Minuten dauerte und dessen fünften Satz Isner 70:68 gewann, haben sie sich E-Mails geschrieben und gegenseitig erkundigt, wie es dem anderen geht. Dem Amerikaner Isner ging es oft gut, dem Franzosen Mahut meistens schlecht.

„History of Tennis“ - jetzt mit Weltrekord!

Gemeinsam ist den beiden, dass ihnen das Reden über den Rekord leichter fällt als das Tennisspielen bei den US Open. „In Wimbledon hätte ich noch zehn Stunden länger spielen können“, sagt Mahut am Mittwoch und lächelt gequält. In New York ist er schon gescheitert, bevor das Grand-Slam-Turnier richtig losgegangen ist. „Ich verschwende keinen Gedanken daran, dass jemand unsere Bestmarke jemals erreichen könnte“, meint Isner, der bei den US Open weiter im Rennen ist.

Der Rekord ist allgegenwärtig in Flushing Meadows. Den beiden Wimbledon-Helden wird nicht nur reichlich gehuldigt, sondern an ihnen auch viel verdient. 22 Dollar kostet das T-Shirt, das ein Sportartikelhersteller zur Erinnerung an das Marathon-Match verkauft – ein Bestseller. Bud Collins, der wohl berühmteste Tennisjournalist der Welt, hat seinen Klassiker „History of Tennis“ – jetzt mit Weltrekord! – druckfrisch auf den Markt gebracht.

Er sieht aus wie ein Häuflein Elend und fühlt sich auch so

Mahut bekommt, wie Isner, ein Exemplar geschenkt. Er bedankt sich artig und sagt: „Es war mehr als ein Tennisspiel.“ Für den Franzosen war es eine Tortur. Als Augenzeuge hatte John McEnroe am Ende des Elfstundenspiels gesagt: „Das kostet die beiden sechs Monate ihrer Karriere.“ Die Hälfte der Leidenszeit hat Mahut bald hinter sich. Jeden Tag wird der Achtundzwanzigjährige eine Stunde lang vom Physiotherapeuten behandelt.

Als sich John Isner am Mittwoch in den Katakomben des großen Louis-Armstrong-Stadiums für sein Erstrundenmatch vor tausenden Zuschauern dehnt und streckt, kauert der Franzose in einem kleinem Raum auf einem Stuhl und erzählt, wie er sich fühlt: „Um ehrlich zu sein, sehr schlecht.“ Eine Woche nach dem Londoner Marathon-Match begannen die Schmerzen, in der Hüfte, vor allem aber im Rücken. Bis heute könne er kaum aufschlagen, sagt Mahut.

Isner hat die Zeit nach Wimbledon besser verkraftet

Er sieht aus wie ein Häuflein Elend und fühlt sich auch so, trotzdem hat der Franzose versucht, über die Qualifikationsrunden ins Hauptfeld der US Open zu gelangen, weil er nicht einmal ehrenhalber eine Wildcard bekommen hat. Den Quali-Kampf hat er am vergangenen Wochenende verloren, ebenso wie am Mittwoch das Erstrunden-Doppel an der Seite seines Landsmanns Arnaud Clement. „Eigentlich bin ich nicht bereit zum Tennisspielen“, sagt Mahut. Vom Zuschauen bekommt er aber nicht genug, jedenfalls nicht, wenn sein Freund John spielt.

Der Franzose sitzt am Mittwochabend unter lauter begeisterten Amerikanern im Stadion und drückt Isner die Daumen. Der Amerikaner wird zwar vom Portugiesen Frederico Gil über den Platz gescheucht, aber der 2,06 Meter lange Schlaks reckt sich und rennt. Isner hat die Zeit nach Wimbledon besser verkraftet. Einen Monat später stand er schon wieder im Finale von Atlanta, beim übernächsten Turnier verletzte er sich zwar am Sprunggelenk, wurde aber rechtzeitig zu den US Open fit. Als Zwanzigster der Weltrangliste ist Isner gesetzt.

Mahut steckt in einer Zwickmühle

Gegen Gil wird er seiner Favoritenrolle gerecht und gewinnt 6:4, 6:3, 6:4. Neunzehn Asse hat der Amerikaner an diesem Abend geschlagen, ein Klacks gegenüber jenen 113, die er Mahut auf dem Londoner Rasen um die Ohren haute. Wenn es gut läuft, kann der Fünfundzwanzigjährige noch die eine oder andere Runde überstehen. Im vergangenen Jahr erreichte er bei den US Open das Achtelfinale. Wie macht er das bloß, nach den Strapazen von London? Er sei neulich für einige Zeit zu seinen Eltern gefahren, habe sich verwöhnen lassen und das Handy vier Tage abgestellt, sagt Isner: „Danach habe ich mich wieder großartig gefühlt.“

Nicolas Mahut könnte jetzt heim nach Frankreich und die Beine hochlegen, aber eine Auszeit kann er sich nicht erlauben. Der Franzose, auf Position 158 der Weltrangliste notiert, steckt in einer Zwickmühle: Verzichtet er auf Turniere und gönnt sich eine Erholungspause, stürzt er in der Rangliste ab. Spielt er weiter, schädigt er seinen Körper. „Was soll ich tun?“, fragt Mahut. John Isner dagegen stellt keine Fragen, sondern muss Antworten geben: „Ich bin alles andere als eine Berühmtheit.“ Der eine Held findet so wenig Ruhe wie der andere. Das ist die Geschichte hinter der Geschichte.

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