Beim Blick auf die Tennisweltrangliste der Damen konnte in den vergangenen vier Jahren selbst dem gutwilligsten Beobachter schwindlig werden. Da stieg die eine Spielerin zur Nummer eins auf, während die andere abrutschte, und dann kam plötzlich eine dritte, vierte und x-te daher und brachte die Ordnung, an die sich die Tenniswelt gerade zu gewöhnen begann, wieder durcheinander. Sage und schreibe fünfzehn Mal hat die Spitzenkraft gewechselt, seit Justine Henin im Mai 2008 ihre Karriere als Branchenführerin beendete. Nun scheint es so, als ob dieses Schwindelgefühl endlich vorüberginge: In Viktoria Asarenka hat die Damenwelt nun eine Weltranglistenerste, die sie verdient. Und eine, die sich womöglich eine Zeitlang dort oben einrichten könnte.
Die Weißrussin hat mit ihrer makellosen Bilanz von 23:0 Matchgewinnen sowie vier Turniersiegen bei vier Teilnahmen in der laufenden Saison nicht nur eine blütenweiße Weste. Die Zweiundzwanzigjährige, die am Sonntag in Indian Wells auch ihre vermeintlich ärgste Verfolgerin, die Weltranglistenzweite Maria Scharapowa, mit leichter Hand besiegte, hat im Gegensatz zu einigen Vorgängerinnen auch nicht mit einem zweifelhaften Ruf zu kämpfen: Denn anders als die Russin Dinara Safina (wer erinnert sich noch?), die Serbin Jelena Jankovic (wer erinnert sich noch?) und zuletzt mehr als ein Jahr lang die Dänin Caroline Wozniacki hat Viktoria Asarenka den Ausweis ihrer größten Klasse gegeben: Sie hat einen Grand-Slam-Turniersieg schon in der Tasche. Ihr ist Ende Januar sogar der doppelte Coup gelungen, durch ihren Triumph bei den Australian Open zur Nummer eins aufzusteigen.
Die Dominanz, die Viktoria Asarenka nach dem jahrelangen Drunter und Drüber an den Tag legt, dürfte sie auch in jene Zeit hinüberretten, wenn schlagfertige Champions wie Serena Williams und Kim Clijsters wieder auf den Platz zurückkehren. Dass die Weißrussin über die spielerische Klasse verfügt, die Konkurrenz klein zu halten, hat sie in den letzten Jahren schon oft bewiesen. Mittlerweile zeigt sie aber auch ein Selbstvertrauen, das jenem von Novak Djokovic im Vorjahr ähnelt, als der Serbe 41 Spiele nacheinander ungeschlagen blieb. Gut möglich also, dass Viktoria Asarenka weiter von Erfolg zu Erfolg eilt - und dem Beobachter darüber wieder schwindlig würde.