Die Zahlen sprechen für sich. Jeden Abend füllen 17.000 Fans die Londoner O2-Arena. Barclays, der Titelsponsor des ATP World Tour Finals, schätzt, dass das letzte Tennis-Großereignis des Jahres der britischen Wirtschaft insgesamt zusätzlich 405 Millionen Pfund (rund 445 Millionen Euro) in die Kassen spült.
Das Preisgeld der ATP World Tour ist um zehn Prozent gestiegen, die WTA Tour der Damen meldet insgesamt elf Prozent mehr Zuschauer bei den Turnieren. Die US Open verkündeten Ende Oktober, dass Mercedes-Benz es sich 35 Millionen Dollar kosten lässt, in den nächsten vier Jahren als „Presenting Sponsor“ des Herreneinzels und „offizielles Fahrzeug“ des letzten Grand-Slam-Turniers des Jahres zu fungieren.
Auch von der Industrie kommen nur gute Nachrichten: Die achtzig Millionen Tennisspieler in aller Welt werden in diesem Jahr 4,4 Milliarden Euro für ihr Hobby ausgeben. Kein Wunder, dass Phil Anderton, der Chief Marketing Officer der ATP, frohlockt: „Tennis hat im Augenblick eine Glückssträhne und hat den Sturm überstanden. Ich sehe keinen Grund, warum es nicht so weitergehen sollte. Tennis hat ein gutes Image, weltweite Turnierserien, es spricht die richtigen demographischen Gruppen an. Tennis wird weiter wachsen.“
Es gibt eine Einschränkung - in Deutschland darbt der Sport
Tennis hat auch viel getan, um für Zuschauer attraktiver zu werden. Wimbledon hat ein Dach über dem Kopf, Madrid baute für 200 Millionen Euro für sein Turnier die „Casa Magica“, ein „Magisches Haus“, fast alle großen Turniere sind mit dem elektronischen Linienrichter „Hawk Eye“ für Fans reizvoller geworden. Hinzu kommt, dass die Protagonisten der ATP World Tour wie Roger Federer, Rafael Nadal, Andy Murray oder Novak Djokovic weltweiten Star-Appeal genießen. So drängen immer neue Sponsoren in den Markt. Von Finanzkrise ist im Tennis keine Spur.
Halt, es gilt eine Einschränkung zu machen. In Deutschland darbt der Sport. Der Deutsche Tennis Bund ist wieder einmal knapp am finanziellen Kollaps vorbeigeschrammt. Die German Open beklagen einen hohen Verlust – und ein neuer sportlicher Heilsbringer, der Tennis wie Murray in Großbritannien neues Leben einhauchen kann, ist nicht in Sicht.
Die deutschen Fernsehsender haben zum Ende des Jahres Tennis nicht mehr im Programm – im Gegensatz zu den Kollegen bedeutender Tennisnationen wie Griechenland, Ungarn oder Singapur. Wer aber hierzulande Bilder vom ATP World Final sehen will, muss 25 Dollar zahlen, um wenigstens im Internet live dabei zu sein. Traurig für ein Land mit dem immer noch größten Verband der Welt mit 1,589 Millionen Mitgliedern in 9802 Vereinen; ein Land, in dem insgesamt immer noch knapp drei Millionen Sportfreunde die Schläger auf fast 50.000 Plätzen schwingen.
Tennis-WM interessiert in Deutschland leider keinen
Matthias Nientiedt (matze-n)
- 26.11.2009, 19:36 Uhr