Am Ende eines langen Tages, an dem Dmitrij Medwedjew gegen die Finanzkrise kämpfte, bekam er eine der schärfsten Waffen des russischen Sports überreicht. Beim Empfang für die besten Tennisprofis des Landes trat Elena Dementjewa ehrfürchtig ihrem Präsidenten entgegen und schenkte ihm einen Schläger, mit dessen Hilfe sie in Peking Olympiasiegerin wurde.
Als Gegenleistung bekamen die Siebenundzwanzigjährige und die anderen anwesenden Tennisprofis vor drei Wochen im Kreml nicht nur heißen Tee, sondern auch warme Worte vom russischen Staatsoberhaupt. „Viele wollen es Ihnen gleichtun“, sagte Medwedjew. „Aber Sie haben die Latte im russischen Tennis sehr hoch gelegt.“ Vor allem die Damen durften sich angesprochen fühlen.
„Olympische Medaillen sind in unserer Heimat das Allergrößte“
Seit fünf Jahren dominieren die Russinnen das Welttennis wie keine andere Nation, doch in dieser Saison haben sie sich selbst überboten mit Erfolgen. Unter den ersten zwölf Tennisspielerinnen der WTA-Weltrangliste befinden sich derzeit sieben Russinnen. Maria Scharapowa gewann einen Grand-Slam-Titel (bei den Australian Open), das Fed-Cup-Team feierte seinen vierten Triumph binnen fünf Jahren, und beim olympischen Damen-Wettbewerb standen nur Russinnen auf dem Treppchen: Gold für Elena Dementjewa, Silber für Dinara Safina, Bronze für Wera Zwonarewa.
„Olympische Medaillen sind in unserer Heimat das Allergrößte“, beschreibt Elena Dementjewa die besondere Bedeutung dieses einmaligen Erfolges, „mit Grand-Slam-Titeln können die Leute auf der Straße nur wenig anfangen.“ Von diesem Montag an stellen die drei in Peking dekorierten Damen, gemeinsam mit der US-Open-Siegerin 2004 Swetlana Kusnezowa, die Hälfte des achtköpfigen Teilnehmerfeldes beim WTA-Masters. „Unser Land ist stolz auf Sie“, gab Medwedjew den Spielerinnen mit auf den Weg zum Jahresabschlussturnier nach Doha.
Im Kommunismus als bürgerlich-elitär verschrien
Der amtierende russische Präsident darf in diesen Wochen ernten, was sein Vorvorgänger Boris Jelzin vor knapp zwei Jahrzehnten gesät hatte. Jelzin war der Erste, der den weißen Sport nicht nur für sich entdeckte, sondern auch für die medaillenhungrige Nation. Als Tennis nach 64-jähriger Auszeit 1988 wieder ins olympische Programm aufgenommen wurde, war der im Kommunismus zuvor als bürgerlich-elitär verschrieene Sport auf einen Schlag interessant geworden für die damalige Sowjetunion. Nach deren Zusammenbruch war es Jelzin als erster demokratisch gewählter Präsident Russlands, der Tennis planmäßig und mit aller Macht förderte.
Der Freizeitspieler Jelzin machte seinen Privattrainer Schamil Tarpischtschew zum Sportminister; jenen Mann, der Jelzins Erbe bis heute nicht nur verwaltet, sondern den russischen Ruhm als Multifunktionär mehrt. Der sechzig Jahre alte Tarpischtschew gehört zu den mächtigsten Männern im Welttennis: Er ist nicht nur Präsident des russischen Verbandes, sondern in Personalunion auch erfolgreicher Teamchef der Daviscup-Mannschaft und des Fedcup-Teams. „Unser rasanter Aufschwung liegt sowohl an den Leistungen wie an der steigenden Popularität“, sagt Tarpischtschew. „Als Verband können wir mittlerweile viel leichter Geschäftsleute und Kommunalpolitiker davon überzeugen, ins Tennis zu investieren.“
Starker Wettbewerbsgedanke schon bei den jüngeren Jahrgängen
Anders als Maria Scharapowa, die als neunjähriges Mädchen in Nick Bollettieris Tennisakademie ihr Powertennis lernte und unter ihren Landsfrauen als Wahlamerikanerin gilt, verfügt der russische Nachwuchs heute über eine ständig steigende Zahl von Trainingszentren; nicht nur wie früher in Moskau, sondern auch in abgelegenen Provinzen. Das ist nötig, entdecken doch viele ehrgeizige Eltern den Tennissport, um ihre Kinder groß herauszubringen - und damit Geld zu verdienen. Als wichtigsten Grund für die Stärke der Russinnen, die 2004 drei der vier Grand-Slam-Turniere gewannen, bezeichnet Elena Dementjewa „die Konkurrenz und den starken Wettbewerbsgedanken schon bei den jüngeren Jahrgängen“.
Während Juri Scharapow, dessen Tochter Maria die bislang einzige russische Weltranglistenerste ist, zum berühmtesten (und auch berüchtigsten) Tennisvater Russlands wurde, gilt Rauza Islanowa als die bekannteste (und meistgefürchtete) Mutter. Sie ist nicht nur Nachwuchstrainerin bei Spartak Moskau und damit die Drillmeisterin vieler Profis wie Anastasia Myskina (French-Open-Siegerin 2004), Nadia Petrowa oder Elena Dementjewa, die über die russischen Methoden Rauza Islanowas im Nachhinein sagt: „Sie hat uns böse beschimpft, wenn wir Fehler gemacht haben.“
„Die Konkurrenz im eigenen Land sorgt dafür, dass wir noch besser werden“
Darüber hinaus ist Rauza Islanowa auch die Mutter von Marat Safin und Dinara Safina. Während der Sohnemann, zweimaliger Grand-Slam-Turniersieger und ehemaliger Weltranglistenerster, jüngst laut über einen Rücktritt nachdachte, gilt Tochter Dinara als die Aufsteigerin dieser Tennissaison. Jahrelang galt sie als starkes Talent mit schwachen Nerven, ehe der heute Zweiundzwanzigjährigen mit ihrem German-Open-Triumph im vorigen Mai der Durchbruch gelang. In Berlin feierte sie den ersten von vier Turniersiegen in diesem Sommer, hat seither 39 ihrer 46 Matches gewonnen. Beim WTA-Masters in Doha gilt die Weltranglistenzweite als Mitfavoritin. „Ich spüre die Chance, bald an die Spitze zu kommen“, sagt Dinara Safina, die ihren Ehrgeiz mittlerweile in die rechten Bahnen zu lenken versteht.
Dass die russischen Damen auch in Doha vor allem gegeneinander um den Titel kämpfen, ist für sie längst zur lieben Gewohnheit geworden. Vor allem für Elena Dementjewa, die nicht nur bei Olympia in Halbfinale und Finale auf eine Russin traf, sondern auch bei ihren diesjährigen fünf French-Open-Matches gegen drei Landsfrauen und eine Weißrussin antreten musste. „Ich habe längst den Überblick verloren und kenne viele aus der neuen Generation gar nicht“, sagt die Weltranglistenfünfte. „Die Konkurrenz im eigenen Land sorgt dafür, dass wir noch besser werden.“ Wie es aussieht, werden auch die nächsten russischen Präsidenten viel Freude haben an Boris Jelzins tollen Tennistöchtern.