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Tennis-Jahresfinale „Angie“ will die Welt erobern

 ·  Erstmals seit mehr als zehn Jahren nimmt wieder eine deutsche Tennisspielerin am WTA-Jahresfinale teil. Keine andere gewann 2012 so viele Spiele wie sie. Und auch Steffi Graf lobt Angelique Kerber.

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© AFP Breites Repertoire: Die beste deutsche Spielerin dieser Saison überragt mit vielen Stärken - offensiv wie defensiv

Freitag stieg sie in den Flieger nach Istanbul, Samstagmorgen schickte sie übers weltweite Netz das erste Foto jenes blauen Platzes, auf dem sie in den nächsten Tagen beim letzten großen Turnier 2012 spielen wird, den WTA Championships. Nur die acht besten Spielerinnen eines Jahres sind qualifiziert, insgesamt geht es um 4,9 Millionen Dollar Preisgeld, davon für die Siegerin im besten Fall allein 1,75. Das sind Dimensionen, die schon ein gewisses Schwindelgefühl auslösen können, aber man kann recht sicher sein, dass Angelique Kerber auch ein Gefühl dieser Art gut verkraften könnte, wie so viele in diesem Jahr.

Es naht das Ende einer Saison, die für die Kielerin prall gefüllt war mit Ereignissen, Erlebnissen und Errungenschaften. Im Februar beim Hallenturnier in Paris den ersten Titel auf der WTA-Tour gewonnen und auf dem Weg dorthin Maria Scharapowa besiegt; im April den zweiten beim Turnier in Kopenhagen nach einem Finalsieg gegen ihre Freundin Caroline Wozniacki gewonnen; bei den French Open das Viertelfinale erreicht, danach das Finale beim Rasenturnier in Eastbourne, in Wimbledon nach einem Sieg in einem bemerkenswerten Spiel gegen Sabine Lisicki im Halbfinale gelandet, ein paar Wochen später an gleicher Stelle bei den Olympischen Spielen im Viertelfinale. Im August in den Vereinigten Staaten beim Turnier in Cincinnati wieder im Finale gespielt, bei den US Open die vierte Runde erreicht, alles in allem eine schöne Kollektion.

Für einen der großen Titel bei den Grand-Slam-Turnieren und Olympisches Gold reichte es noch nicht; die landeten bei Viktoria Asarenka (Australien Open), Maria Scharapowa (French Open) und Serena Williams (Wimbledon, Olympia und US Open), aber keine Konkurrentin gewann insgesamt so viele Spiele wie Angelique Kerber. Der Sieg kürzlich beim Turnier in Peking gegen Wozniacki, mit dem sie sich endgültig für Istanbul qualifizierte, war die Nummer 60 in diesem Jahr. „Angie kann sehr stolz sein, das geschafft zu haben“, sagt Torben Beltz. „Die Qualifikation für Istanbul spiegelt ihre gute Saison einfach wider. Das hat sie toll gemacht.“

Der bärtige Mann aus Itzehoe ist ein langjähriger Bekannter. Vor knapp zehn Jahren hatte er sie bereits bei den ersten Schritten als Profi auf der Tour begleitet, seit anderthalb Jahren gehört er als ihr Coach wieder zum Team, und seit Beginn 2012 ist er nun regelmäßig dabei. Früher sei bei ihr unterwegs manches ein wenig chaotisch zugegangen, hatte Angelique Kerber kürzlich in einem Interview mit dem Magazin „Sport-Bild“ erzählt, aber seit Beltz ständig mitreise, sei vieles besser.

„Wir fühlen uns beide, glaub ich, sehr wohl“

Sieht so aus, als passten die zwei aus dem Norden ganz gut zueinander. „Ja“, sagt Beltz, „stimmt, das hat man ja auch in diesem Jahr gesehen. Wir können intensiv miteinander trainieren, machen auch die Fitnesssachen zusammen, aber wir haben auch viel Spaß. Wir fühlen uns beide, glaub ich, sehr wohl.“

Beltz war nicht dabei, als Kerber bei den US Open 2011 völlig überraschend das Halbfinale erreichte, nachdem sie ein paar Wochen zuvor nicht mal mehr zu den besten hundert der Weltrangliste gehört hatte. Wie alle ist auch er überzeugt davon, dieser Erfolg sei entscheidend für die weitere Entwicklung gewesen, habe den Stein ins Rollen gebracht. „Bis dahin fehlte ihr - von der Fitness mal abgesehen - einfach das Selbstvertrauen, aber das hat sie sich inzwischen erspielt. Und damit, das hat man in diesem Jahr gesehen, kann sie nun mit allen großen Spielerinnen mithalten und sie auch schlagen. Spielerisch hat sie ja alles; sie kann offensiv spielen, aber sie ist auch in der Defensive gut. Sie hat flache, schnelle Schläge, und dass sie mit links spielt, ist sicher ein Vorteil. Sie ist schwer zu schlagen, weil sie mit ihrem Kampfgeist viele niederringt. Das Paket stimmt einfach.“

Aber man merkt auch an anderen Dingen, dass Angelique Kerber die neue Rolle als Mitglied der Top Ten des Tennis angenommen hat; manchmal sind es Kleinigkeiten, die davon erzählen. Früher, so sagt sie, habe sie bei den Seitenwechseln am Netzpfosten immer gewartet, habe zuerst die Gegnerin vorbeigelassen, jetzt gehe sie auch öfter als Erste. Oder andere kleine Demonstration des Selbstbewusstseins wie während der Olympischen Spiele in London, als Kerber ein Angebot von Asarenka zum gemeinsamen Training freundlich, aber dankend ablehnte und meinte, es passe ihr gerade nicht. Einerseits kann Training mit den Besten nie schaden, andererseits kann es aber ebenso wenig schaden, eine gewisse Eigenständigkeit zu behaupten. Und die auch zu zeigen.

So will sie sich nun auch in Istanbul präsentieren - verbindlich, aber selbstbewusst. Einen Namen hat sie sich damit in der Szene längst gemacht. Martina Navratilova meinte in diesem Jahr mehrfach, sie sei sehr angetan von Kerbers Steigerung, desgleichen Chris Evert, Steffi Graf bat in Wimbledon zu einem Gespräch in die Kabine und bestätigte sie darin, auf dem richtigen Weg zu sein. Und beim Amerikaner Brad Gilbert, der in seinen Twitter-Botschaften für alle Spieler Kosenamen bastelt, firmiert Deutschlands Nummer eins als „Kerber Baby“.

Die letzte deutsche Siegerin war - Steffi Graf

Im vergangenen Jahr war Andrea Petkovic, damals die Nummer zehn der Welt, nur knapp daran gescheitert, sich für das Turnier der besten acht zu qualifizieren, Angelique Kerber schaffte es diesmal sicher als Sechste. Sie ist damit die erste deutsche Spielerin bei den Championships seit Anke Hubers letztem Auftritt im Jahr 2001, damals in der Münchner Olympiahalle. Die letzte deutsche Siegerin war - Überraschung, Überraschung - Steffi Graf anno 96 nach einem Sieg in fünf Sätzen gegen Martina Hingis.

Von Mitte der achtziger bis Ende der neunziger Jahre wurde bei den Championships wie bei den Männern im Finale auf drei Gewinnsätze gespielt, so auch im Jahr ’95, als Graf im einzigen deutschen Endspiel der Geschichte des Turniers in fünf Sätzen gegen Huber gewann. Eine Zeitlang hatte es so ausgesehen, als werde es eine solche Konstellation nicht noch mal geben, aber wer will das noch behaupten angesichts des bemerkenswerten Aufschwungs, den das deutsche Frauentennis seit rund drei Jahren erlebt?

„Ich weiß, da ist noch Luft nach oben“, sagte Angelique Kerber, als sie sich vor ein paar Wochen von den US Open und aus New York verabschiedete. Einstweilen steht sie zumindest wieder sicher auf dem Boden. Jene Fußverletzung, die sie zur Aufgabe beim Turnier in Peking gezwungen und zum Verzicht auf den geplanten Start in Luxemburg geführt hatte, ist auskuriert. Jetzt fehlt nur noch das passende Ende dieser ereignisreichen Saison. Leicht wird es freilich nicht: In der roten Gruppe trifft Angelique Kerber auf die Weltranglisten-Erste Victoria Asarenka, die US-Open-Siegerin Serena Williams und Li Na.

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