Als Novak Djokovic sein erstes Spiel auf blauem Sand hinter sich gebracht hatte, sah er rot. Obwohl der Serbe, der früher gerne die Marotten der lieben Kollegen nachgeahmt hat und auch sonst für jedes Späßchen zu haben ist, als bunter Vogel seines Fachs gilt, empfand er die neue Madrider Farbwahl als Qual.
„Für mich hat das nichts mit Tennis zu tun“, sagte der Weltranglistenerste, nachdem er am Dienstag den Spanier Daniel Gimeno-Traver besiegt hatte und in die dritte Runde des ATP-Turniers der höchsten Kategorie eingezogen war: „Entweder ich komme mit Fußballschuhen auf den Platz, oder ich muss Chuck Norris um Rat fragen, wie man auf diesem Platz spielt.“
Der Held des amerikanischen Action-Kinos, der vor seiner Schauspielerkarriere ein vielseitiger Kampfsportler war, hätte dem Tennisprofi beibringen sollen, wie er festen Boden unter den Füßen bekommt. Denn, so wetterte Djokovic: „Auf dem Centre Court kann man sich unmöglich bewegen. Anders als auf rotem Sand ist man hier die ganze Zeit am Rutschen.“
Es wäre für die Turnierveranstalter um Besitzer Ion Tiriac leichter zu verkraften, wenn nur Djokovic den Blues hätte und als ein einsamer Rufer in der Madrider „La Caja Mágica“ aufträte. Aber die „Revolution“, die den Tennissport laut den spanischen Veranstaltern „modern und innovativ“ machen soll, hat eine Masse von Konterrevolutionären auf die Barrikaden getrieben. Ob Rafael Nadal, Roger Federer oder Viktoria Asarenka - kaum ein Profi, ob männlich oder weiblich, lässt ein gutes Haar an dem blauem Sand als Weltneuheit.
Vergleichsweise harmlos erscheint die Einschätzung des Kanadiers Milos Raonic, den die Farbe des Belags an die Schlümpfe erinnert. Gewichtiger erscheint die Kritik derer, die das Spiel beeinträchtigt sehen. „Der Ball springt anders auf“, sagt die Weißrussin Viktoria Asarenka. Ob’s daran liegt, dass der roten Asche in einem aufwendigen Verfahren Eisenoxid entzogen wird?
Die ATP verweist darauf, dass der blaue Sand zuvor getestet und für geeignet befunden worden sei. Zudem werde am Ende der Damen- und Herrenwettbewerbe, die quasi als einwöchige Testphase dienen, entschieden, ob der eingebläute Sand eine Zukunft hat.
Nach ATP-Angaben sollten alle Beteiligten von der Farbwahl profitieren, da die gelben Filzbälle auf blauem Untergrund für Spieler, Stadionbesucher und Fernsehzuschauer besser zu erkennen seien. Tennis-Impresario Tiriac hat sogar Zahlen zur Hand, wie sehr die Sichtbarkeit gegenüber rotem Belag gesteigert würde: 22 Prozent für die Spieler, 27 Prozent für das TV-Publikum.
Der „weiße Sport“ wird blau
Wie er auf die Zahlen kommt, verrät der Rumäne indes nicht. Es sei nachvollziehbar, dass der Veranstalter eigene Interessen verfolge und eine öffentlichkeitswirksame Neuerung präsentieren wolle, sagt Djokovic und schiebt - wie manche Kollegen - der Profi-Organisation den Schwarzen Peter zu: „Die ATP hätte die Rechte der Spieler schützen müssen. Wir hätten dem Wechsel zustimmen müssen.“
Tatsache ist, dass der vormals „weiße Sport“ zunehmend blauer geworden ist. Selbst die beiden bedeutendsten Hartplatzturniere, die Australian Open und die US Open, sind vor einigen Jahren von grün zu blau gewechselt. Auch beim ATP World Masters in London spielen die acht besten Herren auf blauem Grund.
Allerdings sind die meisten dieser Turniere eingebettet in eine Serie von gleichartigen Wettbewerben, und nicht, wie im Falle von Madrid, ein Einzelfall inmitten der europäischen Sandplatzsaison, die ihren alljährlichen Höhepunkt demnächst auf dem rotem Ziegelmehl von Roland Garros erleben wird. „Blauer Sand ist ein Fehler“, sagt der spanische Sandplatzkönig Nadal und verweist darauf, dass das Turnier aufgrund der Madrider Höhenlage sowieso schon eine heikle Herausforderung für jeden Spieler sei.
Unter allen Krittlern gibt es nur vereinzelt Stimmen, die dem blauen Sand überhaupt etwas abgewinnen können - allerdings weniger aus sportlichen Gründen. Sie bemerke keinen großen Unterschied zu roter Asche, behauptet die Amerikanerin Serena Williams, außer einen: „Man wird nicht so schmutzig, was mir sehr gefällt.“ Ob das als Grund genügt, um dem blauen Sand eine Zukunft zu geben?