08.06.2005 · Vor zwanzig Jahren gewann Boris Becker erstmals Wimbledon. Die Heldenverehrung danach machte „den Leimener“ zu einem der bekanntesten deutschen Sportler. Im Interview mit der F.A.Z. blickt Becker zurück auf seine Zeit als Tennisprofi und voraus in seine Zukunft als Unternehmer.
Vor knapp zwanzig Jahren, am 7. Juli 1985, gewann Boris Becker, an jenem sonnigen Sonntag in London exakt 17 Jahre und 227 Tage alt, erstmals Wimbledon - als immer noch jüngster Sieger des wichtigsten Tennisturniers des Welt. Der erste Erfolg eines Deutschen, der Triumph eines ungesetzten Außenseiters, löste in seiner Heimat Deutschland eine Tennisbegeisterung aus, die sogar Leute erfaßte, die nicht einmal mit der seltsamen Zählweise des Sports vertraut waren. Und er führte zu einer Heldenverehrung, die „den Leimener“ zu einem der bekanntesten deutschen Sportler, wahrscheinlich sogar zu einem der bekanntesten Deutschen machten. Im Interview mit der F.A.Z. blickt Becker zurück - und auch voraus auf die nächsten Jahre als Unternehmer wie als Privatmann.
Werden Sie den Tag feiern?
Ich werde den Tag in irgendeiner Weise feiern. Es gibt zum Glück keine öffentliche Feier. Ich bin im Kreis meiner engsten Familienmitglieder und Freunde. Meine Kinder werden am 7. Juli bei mir sein, und die wollen sicherlich wissen, was der Vater damals so getrieben hat. Ich werde bestimmt die eine oder andere Anekdote aus dieser Zeit erzählen müssen.
Interview mit Boris Becker: „Ich habe Einzigartiges vollbracht“
Was hat der Vater denn so alles getrieben? Können Sie sich noch an die denkwürdigen Matches in allen Einzelheiten erinnern?
Ich kann mich nicht an jeden Ballwechsel erinnern, aber alle Spiele habe ich noch im Kopf. Aber was damals passierte, war wohl einfach Schicksal. Zu behaupten, es wäre bis ins kleinste Detail geplant gewesen, wäre gelogen. Dieser 7. Juli 1985 war einfach ein Schicksalsschlag.
Aber kein unangenehmer.
Nein, natürlich nicht. Wenn ich noch einmal vor die Wahl gestellt würde, würde ich wieder genau dasselbe tun. Mein Leben wurde nach diesem denkwürdigen Tag auf einmal in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. Das hat seine schönen Seiten, aber auch seine negativen Seiten. Das muß man einfach wissen.
Hatten Sie damals selbst an den Wimbledonsieg geglaubt, oder haben Sie sich als Außenseiter gefühlt?
Nach meinem ersten Grand-Prix-Sieg in Queens gegen den Südafrikaner Johan Kriek im Queens Club eine Woche vor Beginn des Wimbledonturniers hatte ich mir schon gute Chancen ausgerechnet. Ich war damals ungesetzt und hatte auf eine gute Auslosung in Wimbledon gehofft, das heißt, nicht gleich auf einen der Topgesetzten zu treffen. Ich kann mich gut daran erinnern, daß die Trainingswoche vor Wimbledon im Aorangi Park schon ganz anders war. Ich habe gespürt, daß die Kollegen mich genauer unter die Lupe nahmen. Die haben mich plötzlich registriert.
Welche Ziele hatten Sie sich für das Turnier gesetzt?
Ich wollte dann wenigstens einmal auf dem Centre Court spielen. Das ist mir auch gleich gelungen. Mein Erstrundenspiel gegen den Amerikaner Hank Pfister war als drittes Match auf dem Centre Court angesetzt, so konnte ich am Montag und nach der Unterbrechung wegen der Dunkelheit bei der Fortsetzung am Dienstag diese einmalige Atmosphäre genießen. Danach war ich ziemlich happy: Ich hatte die erste Runde gewonnen, hatte auf dem Centre Court gespielt. Was sollte mir noch passieren? Von da an habe ich nur noch, wie ich das immer tat, aufs nächste Match geschaut. Auf einmal war ich im Viertelfinale, dann im Halbfinale und schließlich im Endspiel.
Haben Sie mitbekommen, welche Begeisterung Sie mit Ihren Siegen damals in der Heimat auslösten, daß die Straßen wie leer gefegt waren, daß das Fernsehen seine Übertragungszeiten verlängerte, etwas, was es beim Tennis zuvor nicht gegeben hatte?
Zum Glück habe ich davon nichts mitbekommen. Ich habe damals in London fast wie in einem Vakuum gelebt. Wir, mein Trainer Günter Bosch und mein Manager Ion Tiriac, haben jeden Tag die gleiche Routine abgespult. Ich las jeden Tag die englischen Zeitungen, soweit mir das damals möglich war.
Wann wurde es Ihnen klar, was Sie an diesem 7. Juli bewirkt hatten?
Nach dem Wimbledonsieg bin ich zuerst mit Ion Tiriac montags nach Monte Carlo geflogen. Ion hat mich dann langsam darauf vorbereitet, was ich alles bewegt habe, für die Deutschen, im Welttennis, in der Tennisgeschichte. Als ich dann diese Freudenwelle erlebte, als ich vor über 50000 begeisterten Fans im „Papamobil“ durch die Straßen von Leimen gefahren wurde, war ich einfach überwältigt.
Nach dem ersten Wimbledonsieg hofierte Sie selbst der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker im „Aktuellen Sportstudio“. Wie kam Ihnen das als Siebzehnjährigem vor?
Zunächst einmal war ich überrascht, daß sich der Bundespräsident überhaupt für Tennis interessiert. Daß das alles so eine Bedeutung hatte, war mir damals überhaupt nicht bewußt.
Sie erwähnten vorhin die unangenehmen Seiten Ihres öffentlichen Lebens. Was hat Sie am meisten gestört?
Jeder Schritt wird beurteilt, im schlimmsten Fall sogar verurteilt. Da keiner von uns perfekt ist, jeder Fehler macht und Niederlagen einstecken muß, ist es um so unangenehmer, wenn alles mit Argusaugen beobachtet und öffentlich diskutiert wird.
Mit Ihrem ersten Wimbledonsieg war Ihre persönliche Erfolgsstory im Tennis-Mekka nicht beendet. Was waren die Höhe-, was die Tiefpunkte in Ihrem „Wohnzimmer“?
Das sportliche Highlight war für mich sicherlich die Bestätigung meines Wimbledonsieges, übrigens am 8. Juli 1986. Und hätte ich nicht schon im Vorjahr als Jüngster triumphiert, wäre ich auch bei meinem zweiten Erfolg der jüngste Wimbledonsieger gewesen. Das Jahr nach dem ersten Coup war für mich nicht einfach. Die Tenniskonkurrenz nahm mich ernst, jeder wollte den Wimbledonsieger schlagen, und sie haben mich deshalb mit allen sportlichen Mitteln bekämpft. Ich habe im Jahr eins nach Wimbledon nicht einmal das Finale eines Grand-Slam-Turniers erreicht. Da kommt man ins Grübeln: „Bist du wirklich so gut? Oder war es, wie einige behaupten, nur Glück?“ Deshalb war die Titelverteidigung gegen Ivan Lendl, die damalige Nummer eins, mein wichtigster Turniersieg überhaupt. Danach wußte ich, daß ich ein guter Tennisspieler bin und mich in entscheidenden Phasen auf mich verlassen kann.
Und die Tiefpunkte?
Ich stand siebenmal im Finale, habe aber „nur“ drei von sieben Endspielen gewonnen. Wenn man im Finale verliert, ist das besonders bitter. Man ist so nah dran und doch so weit weg. Da ist es besser, man verliert im Halbfinale, wie es mir auch insgesamt zweimal passierte. Aber andererseits muß man erst einmal ins Finale kommen und sechs Matches gewinnen. Aus heutiger Sicht muß ich sagen: Von den sieben hätte ich fünf gewinnen können, vielleicht vier sogar gewinnen müssen. Besonders das Endspiel gegen Edberg 1990 ärgert mich noch. Ich lag im fünften Satz mit einem Break vorne, hatte schon den Flug zum WM-Endspiel Deutschland gegen Argentinien gebucht - und dann doch noch verloren.
In welchen Spielen waren Sie chancenlos?
Einmal gegen Pete Sampras und gegen Michael Stich 1991. Beide Male habe ich glatt in drei Sätzen verloren. Aber insgesamt habe ich über achtzig Spiele in Wimbledon bestritten und nur eine Handvoll verloren. Das ist keine schlechte Bilanz.
War die Niederlage gegen den Landsmann Stich besonders schmerzhaft?
In diesem Endspiel stand ich absolut neben mir und war entsprechend chancenlos. Ich habe schlecht gespielt und ihn vielleicht auch unterschätzt. Aber daß er Deutscher war, spielte keine Rolle. Ich wollte ja nicht die Nummer eins in Deutschland, sondern in der Welt werden. Und da war Stich ein gefährlicher Konkurrent, ein überaus talentierter Tennisspieler, einer, der mich auf dem Weg ganz nach oben aufhalten konnte. Was unsere Rivalität in der Heimat bedeutete, habe ich erst nach der Rückkehr nach Deutschland gespürt.
Aber Sie wurden trotz der Niederlage gegen Stich zum zweiten Mal die Nummer eins der Tennis-Weltrangliste. Welche Bedeutung hatte das für Sie?
Es gibt im Tennis zwei Ranglisten. Einmal die der ATP Tour und die der Internationalen Tennis-Föderation ITF. In der ITF-Rangliste war ich schon 1989 die Nummer eins, auch die Medien kürten mich damals zum Besten der Welt. Nach meinem ersten Australian-Open-Sieg 1991 war ich auch in der ATP-Weltrangliste ganz oben. Da hatte ich es schwarz auf weiß, daß ich auf dem Olymp des Tennis angekommen war, daß niemand mehr an meinen Fähigkeiten als Tennisspieler zweifeln kann. Das war noch einmal ein Riesenschritt.
Wenn Sie Ihre Tenniskarriere zusammenfassen, worauf sind Sie stolz? Was haben Sie versäumt?
Ich bin stolz darauf, und das wird mir von Tag zu Tag bewußter, daß ich in einer der weltweit populärsten Sportarten eine Zeitlang der Beste war. Das weiß ich heute noch mehr zu schätzen als vor zehn Jahren. Als aktiver Spieler ist man zu sehr in der Mühle und realisiert kaum, was man eigentlich geleistet hat. Die Tatsache, daß ich nie Roland Garros gewonnen habe, hat mich früher sehr beschäftigt, heute habe ich es akzeptiert.
Wie schwer ist Ihnen der Abschied vom Tennis gefallen?
Für mich war es nicht so schwer. Es liegt in der Natur des Sports, daß eine Karriere irgendwann zu Ende geht, daß man als Sportler irgendwann zu alt ist. Das war bei mir mit dreißig der Fall. Für normale Männer ist das kein Alter, manche schließen da erst ihr Studium ab. Aber für Sportler ist das ein Alter, in dem sie ans Ende denken. Ich glaube fast, daß es für meine Fans, vor allem für meine deutsche Fangemeinde, eine größere Umstellung war als für mich, Becker nicht mehr auf dem Tennisplatz zu sehen. Es hat länger gedauert, bis man mich in meinem zweiten Leben akzeptiert hat.
Wie sieht Ihr zweites Leben aus? Wenn Sie heute nach Ihrem Beruf gefragt werden, was antworten Sie?
Ich bin Unternehmer, bewege mich auf verschiedenen Feldern. Es geht vom Autoverkäufer bis hin zum Moderator, vom Turnierveranstalter bis zum Stiftungsgründer. Aber diese Vielfalt ist wichtig, weil Tennis doch sehr monoton war. Ich hatte fünf Jahre lang Zeit, herauszufinden, was mir liegt, was ich kann. Ich bin jetzt nicht mehr auf der Suche. Ich bin beruflich in meiner zweiten Karriere angekommen. Natürlich stehe ich in einigen Bereichen noch am Anfang, aber ich weiß, was mir Spaß macht und womit ich Geld verdienen kann. Das ist gut zu wissen.
Aber Sie sind auch immer noch Tennisspieler. Macht Ihnen Tennis noch Spaß? Trainieren Sie noch?
Ja, wenn ich so wie am vergangenen Wochenende in Halle vor 9000 Zuschauern aufschlage, bin ich wieder Tennisspieler, und das fühlt sich gut an. Deswegen trainiere ich noch regelmäßig, sonst könnte ich nicht öffentlich auf dem Platz auftreten. Tennis macht mir heute fast noch mehr Spaß als zu meiner aktiven Zeit, weil der Druck weg ist und ich nur aus Spaß an der Freude spiele. Solange mich meine Füße tragen und es mir Freude macht, werde ich solche Schaukämpfe bestreiten. Aber ich denke, daß ich wahrscheinlich nach meinem vierzigsten Geburtstag in drei Jahren nicht mehr öffentlich Tennis spielen werde.
In Halle und bei vielen anderen Schaukämpfen war auch Michael Stich dabei. Wie ist heute Ihr Verhältnis?
Wir sind zwar keine Freunde, aber wir respektieren uns. Wir kommen gut miteinander klar. Ich wünsche ihm an dieser Stelle auch viel Glück für seine Ehe.
Noch einmal zurück zu jenem 7. Juli 1985. Nach Ihrem Finalsieg gegen Kevin Curren haben Sie vorausblickend gesagt: „Ich glaube, das wird das Tennis in Deutschland verändern. Die deutschen Tennisfans hatten nie ein Idol. Vielleicht haben sie jetzt eins.“ Hat sich Ihre damalige Prognose erfüllt?
Ich glaube schon. Tennis hat sich in Deutschland dramatisch verändert. Wir haben uns teilweise mit König Fußball duelliert. Wir hatten höhere Einschaltquoten als Fußball mit der Nationalmannschaft oder in der Bundesliga. Als ich an meinem 25. Geburtstag 1992 in der Frankfurter Festhalle die ATP-Weltmeisterschaft im Finale gegen Jim Courier gewann, saßen zwölf Millionen Sportfreunde vor dem Bildschirm. Wir haben nach mir andere Wimbledonsieger wie Michael Stich und andere Davis-Cup-Sieger produziert. Das alles ist letztlich 1985 im Sommer entstanden. Ob ich ein Idol bin, müssen andere entscheiden. Ich bin auf jeden Fall ein sehr bekannter Mensch.
Wie bitter ist es dann, das derzeitige Elend im deutschen Tennis mitzuerleben? Turniere werden verkauft, die deutschen Spieler enttäuschen bei deutschen Turnieren.
Ich bin wahrscheinlich der größte deutsche Tennisfan. Für mich ist es schlimm zu beobachten, daß wir keine Wimbledonsieger mehr produzieren, daß wir es nicht geschafft haben, aus den glorreichen Zeiten etwas Dauerhaftes zu schaffen. Ich versuche, dem deutschen Nachwuchs zu helfen, aber die jungen Spieler müssen es selbst wollen. Aber leider wollen die nicht so, wie wir es wollen.
Haben Sie deshalb Ihr Junior-Team und das Amt des Davis-Cup-Kapitäns aufgegeben?
Mein Mercedes-Junior-Team hat Früchte getragen. Daraus ist nicht nur Nicolas Kiefer hervorgegangen, auch Thomas Haas hat oft mit uns und speziell mit mir trainiert. Das Mercedes-Junior-Team lief fünf Jahre und ist jetzt mit der Jugendförderung des Deutschen Tennis-Bundes verschmolzen. Mercedes zahlt weiter Geld. Den Posten als Teamchef habe ich nach zwei Jahren, in denen wir uns immerhin in der World Group hielten, aufgegeben, weil die Spieler aus meinem Schatten treten mußten. Damals ging es im Davis Cup mehr um mich als um die jungen Spieler. Das war falsch. Deshalb mußte ich reagieren.