31.08.2009 · Eine Nation, in der Erfolg alles und alles andere nichts gilt, begeistert sich plötzlich an einem Verlierer. Der 5. Juli sei „der allerbeste schlechteste Tag meiner Karriere“ gewesen, sagt Andy Roddick vor den US Open.
Von Thomas KlemmAm vergangenen Donnerstag konnte sich Andy Roddick zurücklehnen und sein Unglück in vollen Zügen genießen. Das amerikanische Fernsehpublikum amüsierte sich köstlich über den Tennisprofi, der es als Gast in David Lettermans „Late Show“ schaffte, der schmerzlichsten Niederlage seiner Karriere ein paar Scherze abzugewinnen. Na klar, witzelte Roddick, seit jenem epischen fünften Satz des Wimbledon-Endspiels bereite er Roger Federer bestimmt großes Kopfzerbrechen, der Schweizer Großmeister könne trotz seiner 19 Siege in den 21 Duellen bestimmt an kaum etwas anderes denken als an ihn. Letterman lachte, und auch die anderen Amerikaner haben ihr Herz wiederentdeckt für jenen Tennisspieler, der sie in den vorigen Jahren meistens enttäuscht hatte und deshalb im eigenen Land nicht mehr viel galt. Es ist kurios: Eine Nation, in der Erfolg alles und alles andere nichts gilt, begeistert sich plötzlich an einem Verlierer. Der 5. Juli sei „der allerbeste schlechteste Tag meiner Karriere“ gewesen, sagt Roddick. „Ich bin sehr dankbar für die Unterstützung seither, denn im Laufe meiner Karriere hatte sie sich nahezu verflüchtigt.“
Eine Einladung von Letterman ist eine Auszeichnung, sie zeigt, dass der Gast ein Star ist und millionenfaches Interesse verdient. Roddick war zum zweiten Mal in der Talkshow. Beim ersten Mal, im Jahre 2003, wurde er als US-Open-Sieger gefeiert, als einer, dem eine große Zukunft als Champion vorausgesagt wurde. Vor drei Tagen kam er als Geschlagener, der trotz der Wimbledon-Schlappe viele Sympathien gewonnen hat. In den sechs Jahren dazwischen galt Roddick, obwohl er sich im besten Tennisalter befand, als ein Typ, dessen Zeit langsam, aber sicher abzulaufen drohte.
Federer und Rafael Nadal dominierten das Herrentennis scheinbar nach Belieben, dahinter spielten sich Novak Djokovic und Andy Murray als Herausforderer auf. Die Amerikaner befürchteten zunehmend, dass ihr Landsmann zu einem „One Slam Wonder“ werden könnte, also einem Spieler, der nach einem einzigen großen Erfolg schleichend in der Versenkung verschwindet. Spitze Bemerkungen zu seiner sportlichen Stagnation konterte Roddick, der die vergangenen sieben Jahre jeweils unter den Top Ten der Weltrangliste beendete, stets mit einem Hinweis auf sein historisches Pech. „Dass ich auf die vielleicht beste amerikanische Tennisgeneration gefolgt bin, war nie eine leichte Aufgabe für mich.“
„Eigentlich ein sehr guter Tennisspieler“
Aber in diesem Sommer trumpfte der Nachfolger der amerikanischen Helden McEnroe, Connors, Agassi und Sampras in Wimbledon wieder groß auf. Er besiegte im Halbfinale den schottischen Jungstar Murray und lieferte Federer im Endspiel über mehr als vier Stunden einen erbitterten Kampf. Er verlor zwar den fünften Satz 14:16, wurde von den Londoner Zuschauern aber mit Sprechchören gefeiert. Plötzlich war aus dem Auslaufmodell ein neuer Prototyp geworden für das amerikanische Tennis, das an der Basis seit einigen Jahren wieder einen Aufschwung erlebt. „Ich wurde schon mit vielerlei Bezeichnungen charakterisiert: gut, böse, unverschämt, nett“, sagt Roddick, „jetzt werde ich das erste Mal als harter Arbeiter gesehen.“
Wenn an diesem Montag in New York das letzte Grand-Slam-Turnier des Jahres beginnt, wird Andy Roddick das Arthur Ashe Stadium zum Auftaktmatch gegen den Deutschen Björn Phau als neuer alter Hoffnungsträger betreten. Denn so konstant auf hohem Niveau wie in dieser Saison hat der Amerikaner nicht mehr gespielt, seit er die Spitzenposition in der Weltrangliste vor fünfeinhalb Jahren an Federer verlor. Bei seinen 13 Turnierauftritten in diesem Jahr erreichte Roddick neunmal das Halbfinale, im Februar in Memphis gewann er den 27. Titel seiner Karriere. „Ich fühle mich endlich wieder rundum wohl auf dem Platz“, sagt der Weltranglistenfünfte, der an diesem Sonntag seinen 27. Geburtstag feiert. „Zwischenzeitlich hatte ich vergessen, dass ich eigentlich ein sehr guter Tennisspieler bin.“
Ein junges Bikini-Modell und ein alter Trainer motivierten ihn
Obwohl Andy Roddick von Natur aus über eine stattliche Portion Selbstbewusstsein verfügt, brauchte er einen doppelten Anstoß von außen, um sich wieder auf seine Stärken zu besinnen. Zum einen motivierte ihn seine Ehefrau Brooklyn Decker, die als Bikini-Model nicht nur die Vorzüge des eigenen Körpers kennt, sondern auch ihren im vergangenen April Angetrauten mit der Bemerkung anheizte, er sehe in seinen kurzen Tennishosen so süß aus. Zum anderen hat Roddick einen weiteren Glücksgriff gelandet, indem er Ende vergangenen Jahres Larry Stefanki als Trainer verpflichtete. Der 52 Jahre alte Coach, der schon McEnroe, Rios, Kafelnikow und Henman Beine gemacht hatte, trimmte seinen Landsmann über Winter zu Höchstform.
Stefanki verordnete Roddick eine Diät, bis der Tennisprofi knapp acht Kilogramm abgenommen hatte, dann verbesserte er auch dessen Spiel, das zuvor auf einem knallharten Aufschlag und einer Peitschenvorhand basierte. „Larry war der erste, der meinem Spiel komplett vertraut hat“, sagt Roddick: „Man muss nicht alles erzwingen, sondern kann einfach auf seine Fähigkeiten zurückgreifen.“
Die neue Selbstsicherheit des Amerikaners, der bei den US Open im Achtelfinale auf Thomas Haas, im Viertelfinale auf Djokovic und in der Vorschlussrunde auf Federer treffen könnte, ist der Konkurrenz nicht entgangen. „Das Schwierige für Andy war immer das Grundlinienspiel“, sagte Federer, „mittlerweile scheint er alles richtig zu machen.“ Ein paar Gedanken verschwendet der Schweizer also doch an den Mann, den er in drei Wimbledon-Endspielen (2004, 2005, 2009) sowie einem US-Open-Finale (2006) in die Schranken wies.