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Tennis Die Kopie Borg

19.11.2007 ·  Schwarze Kleidung, silbrige Haare: Der ehemalige schwedische Tennisstar Björn Borg versucht, sich als Weltmarke wertschöpfend ins Gedächtnis zu bringen. Nach sechs Jahren tritt er wieder bei der „Champions Trophy“ an. Von Thomas Klemm.

Von Thomas Klemm
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Seine Tenniskleidung ist nicht mehr weiß, sondern schwarz, sein Haar nicht mehr blond, sondern silbrig. Er trägt kein Stirnband mehr um den Kopf und hält keinen Holzschläger mehr in der Hand. Und weil er während des Spiels sogar menschliche Regungen zeigt, weil er seinem Gegner anerkennend zunickt oder gar applaudiert, hätten die Zuschauer in der Frankfurter Ballsporthalle schon mal kurz ins Grübeln geraten können, ob auf dem Platz wirklich jener Björn Borg steht, den sie seit mehr als zwei Jahrzehnten in Erinnerung haben. Sollten tatsächlich Zweifel an der Echtheit des Weltstars aufgekommen sein, der Schau-Spieler beendete sie mit einer typischen Handbewegung. In Erwartung des nächsten Ballwechsels führt er die rechte Schlaghand mit leicht gekrümmten Fingern vor den Mund und pustet hinein in die hohle Handfläche. Ja, er ist es. Zweifellos, ganz der alte Schwede.

Wenn Björn Borg in diesen Wochen durch die Welt tingelt, ist er ein Original und zugleich seine eigene Kopie. Die Rechte an seinem Namen hat er für 13 Millionen Euro an eine Vermarktungsagentur verkauft, und Borg sieht seine Aufgabe offenbar darin, sich als Weltmarke wertschöpfend ins Gedächtnis zu bringen. An öffentlichkeitswirksamen Aktionen seiner Geschäftspartner mangelt es nicht; so verschickt eine schwedische Firma für Unterwäsche und Freizeitkleidung in Borgs Namen Hunderte gebrauchter Unterhosen an Prominente wie den amerikanischen Präsidenten George W. Bush, um angeblich für den Weltfrieden zu werben. Borg selbst wirbt auf seine Art: Er spielt Tennis, und zwar so oft wie in seinem besten Sportleralter nicht. Er sei „Teil der Tennisgeschichte“, sagt der mittlerweile 51 Jahre alte Schwede, und zwar kein unbedeutender: „Meine Generation hat diesen Sport auf ein höheres Niveau gebracht.“

Verlorene Tennisspiele sind „nicht mehr das Ende“

„Champions Trophy“ hieß die Veranstaltung, die am Wochenende in Frankfurt stattfand, aber ihr gar nicht so heimliches Motto lautete: „Borg is back“. So rief der Moderator der Abende ständig in sein Mikrophon, einmal, zweimal, dreimal, dann war das Turnier vorüber für den elfmaligen Grand-Slam-Turniersieger. Er verlor zwei Gruppenspiele gegen seinen Landsmann Anders Jarryd und den Niederländer Richard Krajicek, ehe er gegen Michael Stich wegen einer Ellenbogenverletzung nicht mehr antrat. „Niederlagen kümmern mich nicht mehr. Ich weiß ja, dass die Gegner alle jünger sind.“ Anders als früher, als er nach einer Schlappe noch schweigsamer wurde als gewöhnlich, und anders als nach seiner Niederlage im Wimbledon-Endspiel 1981 gegen John McEnroe bedeuten verlorene Tennisspiele für ihn „nicht mehr das Ende“.

Ein Neuanfang ist seine Rückkehr auf die „Tour of Champions“ trotzdem. Sechs Jahre hat sich der Schwede nicht auf den Senioren-Wettbewerben verdingen wollen oder dürfen: Weil damals sein jüngster Sohn Leo geboren wurde und er sich um die Familie habe kümmern wollen, sagt Borg. Weil ihm zwischenzeitlich Kondition und Klasse gefehlt hätten, um es mit den bis zu 15 Jahre jüngeren Konkurrenten aufzunehmen, lautet die weniger offizielle Version. Seit diesem Frühjahr spielt Borg wieder als Senior unter lauter Jungsenioren.

Am vorvergangenen Wochenende schlug er im Rahmen der Tour in Lüttich auf, am Dienstag und Mittwoch absolvierte er zwei reine Schaukämpfe in Eindhoven, von Donnerstag bis Samstag versuchte er in Frankfurt Punkte zu sammeln auf der „Tour of Champions“. In dieser Woche steht São Paulo auf dem Programm, dann folgt Anfang Dezember das Senioren-Mastersturnier in London, für das der in der Altherren-Rangliste mittelmäßige Borg eine Wildcard bekommen hat. Kurz vor Weihnachten steht noch ein gut dotiertes Schauturnier in Düsseldorf an, mit Boris Becker, John McEnroe und anderen Altstars. „Wir haben unseren Spaß miteinander, aber auf dem Platz sind wir ernst und kämpfen um jeden Punkt“, behauptet Borg.

Klassisches Repertoire und langsame Filzbälle

Wo der Schwede, der fünfmal in Folge in Wimbledon gewann und sechsmal die French Open, auch immer spielt in diesen Wochen: Er zeigt Kostproben seines klassischen Repertoires, mal einen feinen Return mit beidhändiger Rückhand, mal einen Passierball mit der Vorhand. Der Filzball fliegt langsamer als früher, dafür werden Borgs Beine schneller schwer. Aber Tausende von Tennis-Nostalgikern, davon viele genauso reif wie ihr Star, sind begeistert: Ein bisschen „Borgmania“ von früher wirkt heute noch fort. „Ich habe mich immer fit gehalten“, sagt der Schwede. Dann und wann auch bei Trainingseinheiten mit Roger Federer, dem für Borg „professionellsten und großartigsten Spieler der Tennisgeschichte“.

Nicht so gut wie um den Körper war es einige Zeit um Borgs Konto bestellt. Auf achtzig Millionen Dollar wurde sein Vermögen geschätzt, als er seine Profilaufbahn beendete. 1996 meldete er, nach Geschäftspleiten und kostspieligen Scheidungen, Konkurs an. Nach der in Schweden stets öffentlichen Steuererklärung soll sein Jahreseinkommen 2005 ganze 267 Euro betragen haben. „Es war wie im Sport: Manche Dinge macht man richtig, manche falsch“, sagt Borg heute. „Aber in so großen wirtschaftlichen Nöten, wie man öffentlich behauptet hat, war ich nie.“

Der Schwede, in vierter Ehe verheiratet mit einer Immobilienmaklerin, hat seinen Frieden gefunden als öffentliche Persona grata. Selbst mit seinem ehemaligen Erzrivalen ist er heute befreundet. Im Clinch mit John McEnroe liegt er nur noch, wenn er für die englische Supermarktkette Tesco wirbt. „Wir sind heute echte Freunde, das hat den Werbespot nicht einfacher gemacht.“ Beim Einkaufswagen-Wettrennen der beiden siegt am Ende der Schwede. An der Kasse reckt er eine Silberschale in die Höhe. Eine Kopie wie aus alten Wimbledoner Tagen, so wie Björn Borg selbst.

Quelle: F.A.Z., 20.11.2007, Nr. 270 / Seite 32
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Jahrgang 1966, Sportredakteur.

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