12.02.2012 · Misserfolg und Misstöne: Das deutsche Davis-Cup-Team unterliegt Argentinien mit 1:4. Rückkehrer Haas hadert mit dem flüchtigen Teamgeist - und dem abwesenden Kohlschreiber.
Von Thomas Klemm, BambergEine Weile wirkte Tommy Haas wie abwesend. Reglos saß er am Tisch, schaute schnurstracks geradeaus, sein Blick war leer, die Lippen waren zusammengekniffen. Dem Tennisprofi stand nicht nur die Enttäuschung darüber ins Gesicht geschrieben, bei seinem ersten Davispokaleinsatz seit Sommer 2007 verloren und dadurch das frühzeitige Erstrunden-Aus der deutschen Herren gegen Argentinien nicht verhindert zu haben. Außer mit der Fünfsatzniederlage, die er mit Philipp Petzschner gegen das südamerikanische Doppel David Nalbandian/Eduardo Schwank hatte hinnehmen müssen, haderte Haas auch mit dem flüchtigen Teamgeist.
Dass sich Philipp Kohlschreiber, der seine Teilnahme an der Davis-Cup-Partie vier Tage zuvor wegen körperlicher Schwäche infolge einer Magen-Darm-Infekts abgesagt hatte, keine Sekunde in Bamberg hatte blicken lassen, bezeichnete Haas unverblümt als „nicht verständlich“. Zum Misserfolg, der schon am Samstag nach den ersten beiden Einzeln und dem Doppel feststand, kamen auch noch Misstöne: Stunksitzung der Tennisherren zur oberfränkischen Faschingszeit.
Dabei schien es ausgerechnet Kohlschreiber die Sprache verschlagen zu haben. Obwohl ursprünglich als Einzelspieler nominiert, ließ er seit seiner Absage am vergangenen Mittwoch nicht einmal von sich hören. Patrik Kühnen gab zu, dass er weder über den Gesundheitszustand noch über den Aufenthaltsort des abwesenden Augsburgers Bescheid wüsste. „Ich weiß nur, dass er in Rotterdam gemeldet ist“, kommentierte der Teamkapitän die Mobilfunkstille. Das ATP-Turnier in den Niederlanden beginnt an diesem Montag, und Kohlschreiber wird bei den Ansetzungen geführt. „Wir alle hätten uns gewünscht, dass er einen Tag vorbeikommt, um uns zu unterstützen“, sagte Kühnen nach einem Wochenende, an dem alles Wünschen nichts half.
Zum siebten Mal in den vergangenen elf Jahren muss die deutsche Herren-Nationalmannschaft nun um den Verbleib in der Weltgruppe kämpfen. Wer der Gegner im Relegationsspiel vom 14. bis 16. September sein wird, steht erst nach der Auslosung Anfang April fest. Und noch etwas länger muss Teamchef Kühnen auf eine abermalige Zusage eines der erfolgreichsten Spieler der deutschen Davis-Cup-Geschichte warten. Haas ließ nach der Heimniederlage offen, ob er abermals ins Team zurückkehren mag. In den kommenden sieben Monaten „kann noch viel passieren“, sagte der 33-Jährige, der sich sein Comeback erfreulicher vorgestellt hatte: „Es tut weh.“
Haas und Petzschner hatten es am Samstag in der Hand, die Entscheidung nach den vorangegangenen Einzelniederlagen hinauszuzögern. Doch trotz einer 2:0-Satzführung und einem weitgehend überzeugenden Auftritt gelang es den beiden Deutschen nicht, die beiden Südamerikaner in die Knie zu zwingen. Die 6:3, 6:4, 4:6, 3:6 und 4:6-Niederlage bedeutete das Ende aller Wende-Hoffnungen. „Erwartet stark“ und „einen Tick besser“ sei Vorjahresfinalist Argentinien gewesen, sagte Kühnen, der am Sonntag neben Florian Mayer (5:7, 5:7 gegen Juan Ignacio Chela) auch den nachnominierten Davis-Cup-Neuling Cedrik-Marcel Stebe (7:6 (7:1), 7:5 gegen Schwank) auf den Platz schickt. Dass ein gesunder Kohlschreiber der deutschen Mannschaft hätte weiterhelfen können, erst recht auf dem Sand in der Stechert Arena, stand außer Frage.
Kühnens Vertrag läuft zwar am Jahresende aus, aber Sorgen machen muss er sich trotz des abermaligen Abstiegskampfes nicht. Das neue Präsidium des Deutschen Tennis Bundes (DTB) sprach ihm trotz überschaubaren Erfolgs sein Vertrauen aus. Überhaupt spielt die seit knapp drei Monaten amtierende DTB-Spitze zunächst auf Zeit. „Langfristige Investitionen in den Nachwuchs“ seien in Planung, sagte Präsident Karl-Georg Altenburg, ohne konkret zu werden. Und dass es vom Davis-Cup erstmals seit Jahren keine Live-Bilder im Fernsehen gab, sondern die Begegnungen nur im Internet zu verfolgen waren, verkauften die Funktionäre als Versuch, „sich an junge Zuschauer zu wenden“.
Die Heimniederlagen der Herren sowie der Fed-Cup-Damen eine Woche zuvor bezeichnete Altenburg zwar als „enttäuschend“, mochte erfolgreichere Auftritte für die Zukunft aber nicht versprechen: „Das wäre unseriös. Dazu gehört auch eine Portion Glück.“
Was bei den Herren auch dazugehört, ist ein wenig mehr Harmonie, wie sie zumindest Petzschner und Haas öffentlich vorleben. Ginge es nach dem gebürtigen Bayreuther, waren die dreieinhalb Stunden von Bamberg nicht die letzte gemeinsame Arbeitszeit mit dem Wahl-Amerikaner. Wenn sich er als einer der zehn weltbesten Doppelspieler für die Olympischen Spiele in London qualifiziere, sagte Petzschner, „dann ist Tommy meine erste Wahl“.
Haas, der am Wochenende eine Startbedingung für den Sommer erfüllt hat, indem er im Davis Cup antrat, hört die Signale gern. Weniger erfreulich klingt Petzschners Treueschwur an sein einstiges Idol den anderen Deutschen in den Ohren, die sich in den zurückliegenden Jahren an seiner Seite durchschlugen: Doppelspezialist Christopher Kas scheint in diesem Winter kaltgestellt, und Philipp Kohlschreiber hat sich ein Stück weit selbst aus dem Rennen genommen. „Wir haben uns zusammengerauft“, sagte Teamchef Kühnen.