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Team T-Mobile „Völlig idiotisches“ Spiel mit der Existenz

19.07.2007 ·  Die Gefühle der T-Mobile-Fahrer scheinen derzeit bestimmt zu werden durch die Sorgen um das Morgen - und die Enttäuschung darüber, dass manche Berufsgenossen offenbar unbelehrbar zu sein scheinen. Von Rainer Seele.

Von Rainer Seele, Montpellier
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Kaum war Marcus Burghardt vom Rad gestiegen, versuchte er sich auch schon zu erklären. Seine Stimme zitterte ein wenig, aber das hatte offenbar weniger mit der Situation in seinem Rennstall zu tun, eher mit den Anstrengungen, die hinter ihm lagen. Mit gutem Sport, sagte Burghardt, habe er die „schlechte Nachricht“, für die Patrik Sinkewitz gesorgt hatte, wettmachen wollen. Er war Achter der Etappe am Mittwoch geworden. Natürlich lässt sich damit nichts bereinigen, können dadurch nicht die Schatten vertrieben werden, die über der Tour de France liegen und dem T-Mobile-Team.

Die Mannschaft, auf sechs Profis reduziert, bleibt trotz der neuen schweren Turbulenzen Teil des Pelotons. „Kein Fahrer wollte nach Hause“, sagte am Donnerstagmorgen Rolf Aldag, der Sportdirektor von T-Mobile. Am Abend zuvor hatte man im Quartier in der Nähe von Marseille die Lage besprochen nach der Doping-Affäre um Sinkewitz. Wird die Reise von Linus Gerdemann und seinen Kollegen nach Paris nun auch fortgesetzt, so wird sie doch begleitet von der bangen Frage, wie es mit T-Mobile, mit dem Radsport generell weitergeht (Siehe auch: Tour de France: Etappensieg für Robert Hunter).

Stapleton setzt auf T-Mobile

Aus Bonn kam die Botschaft, dass nach der Tour de France über das künftige Sponsoring von T-Mobile beratschlagt werden soll. Bob Stapleton, der amerikanische Teamchef, glaubt, dass T-Mobile sein Engagement, das vertraglich bis 2010 fixiert ist, fortsetzen werde. Er ist davon überzeugt, dass man sich weiter gemeinsam für einen „sauberen Radsport“ einsetzen werde. Schließlich, behauptete Stapleton am Mittwoch in Marseille, habe es auf diesem Weg bereits vor der Tour Fortschritte gegeben – und er ist der Auffassung, dass diese Entwicklung nach der Tour 2007 nicht gestoppt wird.

Obwohl es ein harter Kampf sei, viel schwieriger als gedacht, räumte er ein, obwohl „noch viel zu tun ist“. Der Quereinsteiger Stapleton, der den Radsport mutmaßlich neu gestalten möchte, ist angeblich erstaunt darüber, wie „bestimmend“ Doping im Radsport sei. Vor kurzem schon hatte Stapleton geklagt, dass es einige Teams in der Branche gebe, „die dem Doping völlig gleichgültig gegenüberstehen“.

Der Zimmerkollege weiß von nichts

Der Amerikaner hofft immer noch auf die Wirkung der verschärften Kontrollen, auch bei T-Mobile selbst. „Wir haben den Betrug damit sehr schwer gemacht.“ Er bezeichnete dies als einen Teil seiner Herausforderung, und der Ärger über das Geschehen um Sinkewitz stachele ihn dabei nur noch weiter an, betonte Stapleton. Er zeigte sich verwundert, dass jemand so dumm sein könne, zu meinen, „er könnte davonkommen“. Und er nannte es bedauerlich, dass die anderen Profis, „die unseren Anweisungen zu folgen scheinen“, nun unter der Causa Sinkewitz zu leiden hätten.

Die Gefühle der Rennfahrer in Magenta scheinen derzeit bestimmt zu werden durch die Sorgen um das Morgen – und die Enttäuschung darüber, dass manche Berufsgenossen offenbar unbelehrbar zu sein scheinen. Emporkömmling Gerdemann beispielsweise lamentierte, dass das Verhalten von Sinkewitz – sollte die B-Probe den Verdacht des Missbrauchs mit Testosteron bestätigen – „völlig idiotisch“ sei. Er verstehe nicht, sagte der Münsteraner, der vermeintlich als frisches Gesicht für den Aufbruch von T-Mobile in eine neue Zeit steht, „wie man so mit seiner Existenz spielen kann“. Und mit derjenigen eines gesamten Teams. Burghardt äußerte gleichfalls Unverständnis, und er sagte auch, nie etwas von möglichen Manipulationen bei Sinkewitz mitbekommen zu haben. Burghardt hatte in diesem Jahr bei Rennen immer das Zimmer mit dem Hessen geteilt.

„Unglaublich, wie Tatsachen verdreht werden“

Aldag sagte am Donnerstag, dass er „in gewisser Form“ die aktuellen Zukunftsängste von Radprofis verstehen könne. Schließlich komme der Radsport nicht zur Ruhe, sagte Aldag, der selbst von Sylvia Schenk, der früheren Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer, hart attackiert wurde. Auch deswegen, weil T-Mobile auf frühere Hinweise über mögliche Auffälligkeiten bei Sinkewitz nicht reagiert haben soll. Die ARD hatte in der Sendung „Kontraste“ ebenfalls solche Vorwürfe erhoben. Sie berichtete, man habe den Rennstall über drei Verstöße von Sinkewitz gegen die Meldepflicht bei Trainings-Doping-Kontrollen aus dem Jahr 2006 bereits am 30. Mai dieses Jahres informiert.

T-Mobile konterte prompt. „Ich finde es unglaublich, wie hier Tatsachen verdreht werden“, sagte Christian Frommert, der bei den Bonnern für die Sponsoringkommunikation zuständig ist. Nachdem das Team durch einen ARD-Mitarbeiter über die mutmaßlichen Verfehlungen unterrichtet worden war, habe man sofort Kontakt zur Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) aufgenommen, sagte Frommert. Die Nada soll daraufhin geantwortet haben, dass es im Fall Sinkewitz keinen einzigen sogenannten „Missed Test“ gebe. Nur einmal sei Sinkewitz, der in Künzell bei Fulda lebt, wegen eines Renneinsatzes von den Kontrolleuren nicht an seinem Wohnort angetroffen worden.

Der Fall Sinkewitz – ein Einzelfall? Angst, sagte Aldag, dass es bald eine weitere Erschütterung geben könnte, habe er nicht. „Aber mit Sicherheit wäre es ganz schlecht, wenn so was noch mal passiert.“ Und noch ein Stück präziser: „Wenn wir jede Woche einen erwischen, wäre das fatal.“ Für die Anti-Doping-Bewegung gewiss nicht.

„Wie gewöhnlich hat uns die Tour in ihrer ersten Woche groß das Märchen vorgegaukelt von der Erneuerung und derHoffnung. In Wirklichkeit abernimmt der Rennradfahrer so selbstverständlich Testosteron, wie Hirsche ihr Geweih abwerfen und ein neues bekommen. Sinkewitz ist ein junges Wild, das sich im Netz verheddert hat.“

Die französische Zeitung „Liberation“

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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