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Tätowierte Sportler Unter der Oberfläche

 ·  Tätowierungen sind Geheimnis und Offenbarung zugleich. Im Sport betonen sie den Körper als Kapital, Angriffsfläche und Leinwand. Mit Rebellion hat die Körperkunst dagegen nur in wenigen Fällen zu tun.

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© REUTERS Vergrößern David Beckham ist nicht das einzige Model der Sportwelt. Doch wie er ist kaum ein Sportler seiner Physiognomie treu geblieben

Was bedeutet eigentlich „Talent“, was steckt hinter „Glück“? Warum besingen Fußballfans „schöne Haare“ und was meint ein Trainer, wenn er Intuition lobend sagt, ein Spieler könne „das Spiel gut lesen“? Antworten fallen schwer. Die sicheren Pfade einer Taktikanalyse werden selten verlassen, um darüber zu sprechen, was im Sport neben Siegen und Niederlagen, Strategien und Zielen auch zählt. Am mutigsten wagte sich vor langer Zeit der Philosoph Peter Sloterdijk hervor, als er David Beckham dafür bewunderte, schon als Spieler klare Perspektiven für die Zeit nach dem Sport zu haben. Anstatt nach der Karriere auf dem Platz von dessen Rand Trainingsbefehle und Spielanalysen zu liefern, entschied sich Beckham anders. Er blieb seinem Kapital treu, setzte alles auf seine Physiognomie - er wurde Model.

Für viele hat sich Beckham damit lächerlich gemacht. Doch Sloterdijk verwies auf ein interessantes Phänomen: Der Körper ist im Sport ein Tabu. Trotz seiner wichtigen Rolle ruhen die Narrative des Sportgeschehens auf Taktik- und Strategieanalysen, Entscheidungen, Geschichte und allem, was in Zahlen ausgedrückt werden kann. Sind es nicht messbare Zeiten, Höhen oder Weiten, werden Punkte gezählt. Der menschliche Körper ist im Sport nur als pathologischer Fall interessant, wenn er nicht genügend trainiert wurde oder verletzt ist. Darüber hinaus wird übertrieben: Dabei muss es bei der Thematisierung von Ästhetik und Attraktivität im Sport nicht zwingend sogleich um seine „Sexualisierung“ gehen, zu der die Kölner Sporthochschule zuletzt einen Sammelband publizierte.

Trainingslager wie Kasernen, Gefängnisse und Schiffe

Über vieles wird unter Sportlern geschwiegen: Aberglaube, Glück und Emotionen. Aber dennoch gibt es dafür Raum, auf den Körpern, als Tätowierungen. Über einen ersten Blick geht es jedoch selten hinaus. Zu albern scheint der Drang, den eigenen Körper mit unverwüstlichen Gemälden zu schmücken. Naheliegend ist die Beobachtung, dass diesem Drang vor allem die Sportler nachgeben, denen nachgesagt wird, dass sie ihren Körper in den Vordergrund stellen, weil ihr Kopf nicht mehr hergäbe. Heribert Bruchhagen, Vorstandsvorsitzender von Eintracht Frankfurt, empfahl einmal seinem Schützling Ioannis Amanatidis, sich bloß nicht tätowieren zu lassen, wolle er nach seiner Zeit als Spieler noch andere Rollen im Fußballgeschäft spielen. Doch die sich in dieser Szene bündelnden Vorurteile sind kurzschlüssig.

Tatsächlich können dem Körperschmuck auch andere Bedeutungen zugeschrieben werden. Nicht sagen lässt sich, ob Tätowierungen im Sport häufiger sind als in anderen Zusammenhängen. Unter spärlicher Sportlerkleidung fallen sie allerdings mehr auf. In Trainingslagern gilt offenbar dasselbe wie in Kasernen, Gefängnissen und auf Schiffen: Wenn man sich nur schwer aus dem Weg gehen kann und eher gelebte als geschriebene Gesetze gelten, kommen auf den Körper besondere Herausforderungen zu. Mit seiner Stilisierung wird die Identität zu wahren und Individualität zu schützen versucht. Der Hoheit über den eigenen Körper wird im Sport - gegen die trainingspraktischen, ernährungswissenschaftlichen und medizinisch-therapeutischen Eingriffe von außen - besondere Aufmerksamkeit zuteil. Nur geht es Sportlern selten darum, mit Ankerhaken auf dem Arm eigene Stärke und Zugehörigkeit zu unterstreichen. Leistungen erbringen sie auf dem Platz und am Gerät. Tätowierungen auf Sportlerkörpern unterliegen eher einem anderem Kalkül. Sie sind provokativer Schmuck.

Markus Babbel hat beispielsweise damit begonnen, seine Familiengeschichte - die Initialen seiner Kinder - mit seiner Fußballgeschichte zu ergänzen. Er führte Hertha BSC in die Bundesliga und widmete dem Verein eine handbreite Flagge auf seinem linken Oberarm. Getragen wird sie von einem Wikinger, auf dessen Schild die Wappen aller anderen Vereine prangen, für die Babbel spielte. Der Wikinger schaut verbissen, hat sein Schwert gezogen, unter ihm weht ein Banner mit dem Schriftzug: „It’s only Rock ’n Roll, but I like it“. Babbels Tätowierung ist nicht nach und nach gewachsen, sie entstand innerhalb eines Sommers und hat trotzdem wenig zusammenhängenden Sinn. Ein Wikingerkämpfer, auf tosender See im Gefecht für Fußballvereine, mit einem Zitat der Rolling Stones über die physische Welt erhoben.

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