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T-Mobile Die Suche nach gläsernen Athleten

27.09.2006 ·  Nach der Ära Jan Ullrich stellt sich der Bonner Radrennstall T-Mobile neu auf. Neue Macher, neue Fahrer, neue Sympathien? „Wir wollen die Leute unterhalten“, beschreibt Sportdirektor Rolf Aldag die Marschroute für die kommende Saison.

Von Rainer Seele, Bonn
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Die Herren trugen Schwarz, aber ihre Gefühlslage sollte die Farbe der Kleidung nicht spiegeln. Sie waren ja gekommen, um ihre Aufbruchstimmung zu vermitteln, um über ein neues Team im Zeichen von Magenta zu reden, von Sauberkeit, gar von einem neuen Radsport. Der Name der Gesellschaft, die nun hinter dieser Mannschaft steht, könnte das Programm der Zukunft illustrieren: Neue Straßen Sport GmbH mit Sitz in Köln.

Sie wird geführt von Bob Stapelton, der, Nachfolger von Olaf Ludwig, als Generalmanager bei T-Mobile fungiert. Der Amerikaner soll eine der zentralen Figuren sein beim Neuaufbau des Bonners Rennstalles, der nach der Dopingaffäre um Jan Ullrich um eine neue Identität ringt.

T-Mobile „glaubt an das Team“

Am Mittwoch mittag saß Stapelton auf einem Podium in der Zentrale von T-Mobile in Bonn, direkt neben ihm Rolf Aldag, einst einer der Helfer von Ullrich. Jetzt ist der Westfale zum Funktionär aufgestiegen; als Sportdirektor soll er wesentlich dazu beitragen, T-Mobile in äußerst schwierigen Zeiten für den Radsport von morgen zu rüsten. Immerhin, Stapelton und Aldag scheinen nun längerfristig planen zu können: Ihr Sponsor gab am Mittwoch bekannt, daß er sein Engagement im Radsport vorzeitig um zwei Jahre verlängert habe, T-Mobile macht damit bis 2010 weiter.

Allerdings räumten die Bonner auch ein, nach der Aufdeckung des spanischen Dopingnetzwerkes über einen Ausstieg aus dem in Verruf geratenen Profiradsport nachgedacht zu haben. Daß dieser Schritt nicht vollzogen wurde, begründete Finanzvorstand Thomas Winkler so: „Wir glauben an das Team und den Radsport.“ Das dürfte manchem nicht leichtfallen in diesen Zeiten. T-Mobile möchte trotzdem weiter am Rad drehen, auch wenn das Tempo dabei nicht mehr so hoch sein dürfte wie in manchen Jahren zuvor. Kleinerer Etat, kein Rundfahrer mehr, der bei der Tour de France, auf die sich T-Mobile stets konzentriert hatte, für die besten Plätze in Frage käme: So blieb Aldag nichts übrig, als die sportlichen Ziele allgemeiner zu formulieren. Er kündigte an, wenigstens „sehr offensiv“ zu fahren. „Wir wollen die Leute unterhalten.“ Und damit nach Möglichkeit Sympathien gewinnen.

Neue Anforderungen, neue Struktur

Der verdächtigte Jan Ullrich weg, bald auch Andreas Klöden (Siehe auch: Klöden: „Ich war bei T-Mobile in ein Schema gepreßt"), der Tour-Dritte von 2006. Dafür verpflichtete T-Mobile nun Profis wie den Belgier Axel Merckx, den Niederländer Servais Knaven oder den Dänen Jacob Piil, allesamt jenseits der 30 Jahre. Sie sollen jüngere Kollegen wie die deutschen Talente Linus Gerdemann oder Gerald Ciolek unterstützen, auf die T-Mobile eines Tages bauen möchte. Und alle sollen „Teil einer Idee“ sein, wie Aldag es ausdrückte, einer Struktur, mit der T-Mobile den Anforderungen von heute gerecht werden möchte.

Ein bißchen betrachten sich die Bonner doch auch als ein Schrittmacher im Peloton: Das bezieht sich auf den Kampf gegen Doping. T-Mobile will sich nach dem Fall Ullrich künftig sehr intensiv darum kümmern, auch mit schärferen internen Kontrollen; dazu soll es mehr Geld als bisher aus Bonn für die Nationale Doping-Agentur geben. „Es gibt nur den geraden Weg“, betonte Aldag am Mittwoch, „keine Verschleierung mehr.“

„Manchmal bedarf es erst des Super-Gaus“

T-Mobile will, auch das hob Aldag hervor, den „gläsernen Athleten“ schaffen. Die Profis dürfen sich nicht mehr von umstrittenen Medizinern wie den Italienern Michele Ferrari oder Luigi Cecchini betreuen lassen, diesen Part übernimmt ausschließlich die Universitätsklinik Freiburg. Außerdem sollen sich ein Sportwissenschaftler und ein Sportpsychologe um ihr Wohl und Wehe kümmern. All das ist in die Verträge der Rennfahrer aufgenommen worden. Aldag sagte, daß T-Mobile künftig Regreßansprüche stellen werde, „sollte einer des Betrugs überführt werden“. Für Ullrich gilt das jedoch nicht, sein Kontrakt wurde inzwischen gelöst.

Natürlich kann man sich fragen, warum nicht schon früher härter durchgegriffen wurde, warum T-Mobile seine Profis erst jetzt so stark in die Pflicht nimmt. „Manchmal“, sagte Aldag, „bedarf es erst des Super-Gaus, um zu reagieren.“ Er behauptete, daß ihm erst in den vergangenen Monaten, nach den Enthüllungen über den spanischen Dopingring und die gravierenden Manipulationen, bewußt geworden sei, „wie massiv das Problem ist“.

Er hofft jetzt, daß andere Teams mitziehen bei den Anstrengungen, die Betrügereien im Radsport einzudämmen. Er glaubt, schon Ansätze dafür zu erkennen. Es sei wie beim Schnellballsystem: „Die Fraktion wird größer und größer.“ Aldag mahnt auf alle Fälle zu Eile: „Man muß auf das Gaspedal drücken.“ Das ist ja auch die letzte Chance für den Radsport, für die Bonner Equipe, die sich in höchster Not viel vorgenommen hat. Aber sie wird den Radsport doch kaum neu erfinden können. T-Mobile, die neue Straße: Wohin das führen wird, ist offen.

Quelle: F.A.Z. vom 28. September 2006
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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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