http://www.faz.net/-gtl-8mpmy

Flüchtling bei der WM : Für Wael Shueb wird ein Karate-Märchen wahr

  • -Aktualisiert am

Kämpfernatur: Wael Shueb startet bei der Karate-WM in Linz. Bild: Esra Klein

Im Sommer 2015 kam Wael Shueb als Flüchtling nach Deutschland. Nicht mal anderthalb Jahre später taugt die Geschichte des Karate-Kämpfers zum Musterbeispiel gelungener Integration.

          Wer nach Geschichten sucht, die erzählen, was die Kraft des Sports bewirken kann, wird dieser Tage in Eppertshausen fündig. Ernes Erko Kalac versteht sich auf die Rolle, Flüchtlingen sportliche Starthilfe für das Leben in der Fremde zu geben. Der Gründer des mit schon einigen Integrationspreisen bedachten Kampfsportvereins Lotus Eppertshausen hat sich im vergangenen Jahr Wael Shuebs angenommen. Traumatisiert und mit erheblichen Gesichtsverletzungen, wurde der Syrer im Sommer 2015 mit der ersten großen Flüchtlingswelle ins Land gespült. Nicht mal anderthalb Jahre später taugt Shuebs Geschichte zum Musterbeispiel gelungener Integration.

          Dass er von diesem Dienstag an in Linz an den Karate-Weltmeisterschaften mit über 1000 Startern teilnehmen wird, wäre Shueb vor kurzem nicht mal im Traum eingefallen. „Das ist wie ein Märchen für ihn. Er ist sehr glücklich“, berichtet Kalac über seinen Schützling, für den er Wegbereiter, Mentor und Vertrauter zugleich ist. Nach Vorbild des IOC wird es auch bei der großen Leistungsschau der Karateka ein Flüchtlings-Team geben - mit Shueb. Mit der rührigen Unterstützung des Vereins und auch des deutschen Verbandes hat sich der Syrer zuletzt beharrlich vorbereitet auf das Turnier. Die Karate-Disziplin, auf die sich Shueb meisterlich versteht, nennt sich Kata, wo es nicht Mann gegen Mann geht, sondern gegen einen imaginären Gegner und um das Streben nach möglichst perfekten Bewegungen.

          Gut möglich, dass Shuebs Mitwirken bei der WM letztlich mehr symbolischen als rein sportlichen Wert haben wird. Zu lange hat er zuvor in der kriegszerstörten Heimat mit dem Training aussetzen müssen, zu schlimm waren seine auf der Flucht erlittenen Verletzungen. Es geschah in Ungarn. Vier Männer in Uniformen, die sich als Polizeibeamte ausgaben, forderten ihn eines Nachts auf, sein gesamtes Geld herzugeben. Shueb wehrte sich, doch er hatte keine Chance. Die Kriminellen rauben ihn aus und richteten ihn übel zu mit Schlägen und Elektroschockern, er hatte mehrere Brüche im Gesicht. In Deutschland angekommen, wurde er medizinisch versorgt und mehrmals operiert, seine neue Heimat wurde eine Flüchtlingsunterkunft in Neu-Anspach.

          Shueb macht ein Praktikum in einem Autohaus.
          Shueb macht ein Praktikum in einem Autohaus. : Bild: Esra Klein

          Doch Quell von neuer Kraft und Lebensmut wurde nicht das Städtchen im Hochtaunuskreis, sondern der 70 Kilometer südlich gelegene südhessische Ort Eppertshausen. Bei einem Integrationsfestival wurde Kalac auf den schüchternen jungen Mann und Kampfsportler aufmerksam. Wer es von Syrien nach Deutschland schafft, der wird mit öffentlichen Verkehrsmitteln auch regelmäßig von Neu-Anspach zum Training nach Eppertshausen und zurück fahren können, sagte Kalac damals.

          Über den Verein und das Engagement der Mitglieder bekam Shueb einen neuen Kampfanzug und noch viel wichtiger: einen Platz in ihrer Mitte. Kalac setzte ihn früh als Trainer für Jugendliche ein. Der 52-jährige Montegriner mit dem großem (Kämpfer-)Herz und stabilem Netzwerk engagiert sich seit über zehn Jahren mit bemerkenswert großem Erfolg für junge Migranten und andere, mit denen es das Leben gegenwärtig nicht gut meint. Sein Mittel: Karate und Kickboxen. Seine Motivation: die eigene Fluchtgeschichte.

          Über den Sport fand er den Anschluss.
          Über den Sport fand er den Anschluss. : Bild: Esra Klein

          Der einstige WM-Dritte im Karate-Kumite floh aus dem einstigen Jugoslawien nach Deutschland und weiß darum, dass Ankommen in der Fremde nicht gleich Ankommen ist. Über den Sport fand Kalac schließlich Anschluss und lernte die richtigen Menschen kennen, um in Deutschland ein kleines Glück zu machen. Diesen Prozess möchte er für Shueb verkürzen. „Das Leben erleichtern, eine Zukunft anbieten, Spuren hinterlassen“ nennt Kalac die Schritte. Gesagt, getan: In einem Autohaus in der Nähe des Vereins vermittelte Kalac Shueb einen Praktikumsplatz - nach der WM beginnt sein fester Job dort. Sein Antrag auf Asyl ist mittlerweile anerkannt. Eine günstige Wohnung in der Nähe finden und die Hindernisse der Bürokratie überwinden sind die nächsten Herausforderungen.

          Kalac hat Shueb nach Linz begleitet. Für den Athleten ist es eine Rückkehr auf die große Bühne in seiner Disziplin. Mit dem syrischen Nationalkader nahm er an der WM 2010 in Belgrad teil. Fünf Jahre später war Belgrad nur noch eine Station auf seiner Flucht.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Türkei eröffnet neue Front in Syrien Video-Seite öffnen

          „Operation Olivenzweig“ : Türkei eröffnet neue Front in Syrien

          Auf einer Veranstaltung der Regierungspartei AKP verteidigte der türkische Präsident Erdogan am Sonntag die Militäroperation „Olivenzweig“. Ziel sei es, die 3,5 Millionen Syrer in der Türkei wieder nach Syrien zu schicken und eine 30 Kilometer breite Sicherheitszone an der Grenze einzurichten.

          Das Ende eines besonderen Tigers Video-Seite öffnen

          Australischer Beutelwolf : Das Ende eines besonderen Tigers

          Er ist seit Jahrzehnten ausgestorben: Der Australische Beutelwolf. Wegen seiner Streifen wurde er auch Tasmanischer Tiger genannt. Nun haben Forscher aus Deutschland und Australien das Erbgut entschlüsselt - und neue spannende Erkenntnisse veröffentlicht.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Car2Go und DriveNow gehören bald zusammen.

          F.A.Z. exklusiv : Drive Now und Car2Go vor der Fusion

          BMW und Daimler legen ihre Carsharing-Gesellschaften zusammen. Das hilft Kosten zu sparen, hat aber auch strategisches Kalkül.
          Wegen fahrlässiger Verwendung: Sowohl beim Menschen als auch bei Nutztieren verliert das Medikament zusehends an Wirkung.

          Tödliche Keime : Wie der Mensch sich mit Antibiotika selbst entwaffnet

          Antibiotika sollen jährlich Millionen Leben retten. Doch weil Ärzte, Patienten und Landwirte fahrlässig damit umgehen, verlieren sie an Wirkung. Lässt sich der Kampf gegen resistente Erreger noch gewinnen?

          14-Jähriger erstochen : Tödlicher Streit unter Schülern

          Der mutmaßliche Täter von Lünen soll leicht zu provozieren und schon eine Zeit lang nicht mehr im Unterricht gewesen sein. Am Dienstag kam er zum ersten Mal wieder – und stach offenbar unvermittelt einen Mitschüler nieder.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.