01.10.2004 · Die fetten Jahre sind für die Windsurfer längst vorbei. Doch jeden Herbst, wenn es auf Sylt ungemütlich wird, und die Windsurfer aus aller Welt kommen, ist es ein bißchen wie in der guten alten Zeit.
Von Michael AshelmDie Wollmütze ist tief ins Gesicht gerückt, über den schwarzen Neoprenanzug hat sich Bernd Flessner eine Jacke gezogen. Warten auf die nächste Runde in der kalten Nordsee, warten auf noch mehr Wind für das Artistikprogramm in der Welle. Wie einige andere Kollegen steht der beste deutsche Windsurfer des vergangenen Jahrzehnts schnatternd am Strand vor der Westerländer Kurpromenade. Die naßkalten Böen an diesem grauen Vormittag lassen ein schon als Zuschauer in voller Wintermontur erschaudern, das hat rein gar nichts von Traumjob.
Flessner ist 35 Jahre alt und neben dem Dauersieger der Branche, Björn Dunkerbeck, die Urgestalt in diesem Weltcup. Als der gelernte Heizungsbauer aus Norderney Ende der Achtziger in der Szene auftauchte, war Windsurfen Trendsportart Nummer eins und Vorbild für ein neues Lifestylegefühl. Doch die meisten Großsponsoren aus der Konsumgüterindustrie haben andere Felder entdeckt, mit den fetten Jahren ist es deshalb vorbei. Was bleibt, sind schöne Erinnerungen und Sylt als Überbleibsel der guten alten Zeit - bei allen wetterbedingten Einschränkungen. "Hier ist alles noch ein bißchen wie früher", sagt Flessner. Das heißt: ein passables Preisgeld, viele Zuschauer und lange Partynächte.
„Gesellschaftliche Bedeutung wird größer“
Wenn wie in dieser Woche jeden Herbst die besten Windsurfer auf der Urlaubsinsel mit dem Schickeria-Image zusammenkommen, dann ist das lebendige Tradition. Seit 1981 eine kleine Gruppe fanatischer Pioniere um den Lokalmatadoren Jürgen Hönscheid am nördlichsten Strand Deutschlands, dem sogenannten Sylter Ellebogen, eine Regatta für die damals despektierlich "Stehsegler" genannten Surfer organisierte, ist die Veranstaltung zu einer Institution auf der Profitour geworden. Während woanders Veranstalter kommen und gehen, fast niemand mehr Garantien über Termine, Sponsoren oder Preisgeld abgeben will, ist Sylt und der Windsurf-Weltcup vor Westerland eine Konstante geblieben.
Auch die wirtschaftliche Rezession in Deutschland hat der Großveranstaltung wenig anhaben können, die Organisatoren glauben sogar, daß es nach den schweren Jahren wieder etwas aufwärts gehen könnte. "Wir leben von der gesellschaftlichen Bedeutung solcher Events und die wird immer größer", sagt der Vermarkter Matthias Neumann, ehemaliger Windsurfer, der seit bald 15 Jahren die Veranstaltung organisiert und mit seiner Agentur Act derzeit auch am Gelingen des Hamburg-Marathons beteiligt ist.
Das Geschäft mit Randsportarten
Während die Surfbranche auf Sparflamme köchelt und sich am Weltcup-Strand kaum eine der verbliebenen Ausrüsterfirmen überhaupt noch einen Werbestand leisten kann, funktioniert das Drumherum. Mehr als Hunderttausend Menschen sollen bis zum Sonntag kommen, die breite Kurpromenade hat sich in eine große Volksfestmeile verwandelt; man darf annehmen, daß die meisten Besucher nur deshalb kommen und konsumieren. Oder kennt jemand Daida Ruano Moreno oder Josh Angulo? Beide verteidigen vor Westerland ihren WM-Titel in der Disziplin Wellenreiten.
Wer als Zuschauer hierher kommt, nimmt den Sport und die spektakulären Manöver auf dem Wasser eher als schöne, unterhaltsame Randerscheinung wahr. "Hier steht die Party im Mittelpunkt", sagt Neumann, "wir sind das Kitzbühel an der Nordsee." Etwa 15 Millionen Euro bringt das der Insel in diesen Tagen an privatem Konsum ein, hat jemand ausgerechnet. Deshalb ist der Weltcup zu dieser Jahreszeit, wenn das große Tourismusgeschäft des Sommers ausklingt, gerne gesehen. Und die Regatta, die von ihren Initiatoren als Mutter aller Trendsportveranstaltungen bezeichnet wird, soll nach stagnierenden Jahren wieder wachsen. "Wir haben zwanzig Termine mit potentiellen Sponsoren für das nächste Jahr", sagt Neumann. Und vielleicht verknüpft er den Weltcup 2005 dann als nächsten Schritt mit einem inselweiten Gourmet-Festival. So funktioniert eben das Geschäft mit Randsportarten.
Hero gesucht
Die Fahrer, um die es eigentlich bei dieser Weltcup-Veranstaltung geht, nehmen ihre Rolle im Beiprogramm gerne an. Bringt sie ihnen doch zumindest etwas Aufmerksamkeit ein. Vorbei die Zeiten, als Sonnyboys wie Robby Naish oder Björn Dunkerbeck allein die Massen auf die Insel brachten. "Ich habe die goldenen Zeiten noch erlebt", sagt einer wie Bernd Flessner, "da konnten in Deutschland zwanzig Leute gut von diesem Sport leben." Heute sind es neben ihm vielleicht noch zwei, drei andere im Lande, das war's. Um hier wieder ein Stück zurückgewinnen zu können, bräuchte es einen neuen starken deutschen Fahrer mit großer Ausstrahlung. Nach diesem Idealtypen halten Insider schon lange Ausschau. "Wir suchen händeringend einen Hero", sagt Alois Mühlegger vom Fachmagazin "Surf". Wenigstens an Sylt kann sich die Branche Jahr für Jahr hochziehen.