13.12.2011 · Der frühere Skisprung-Star Sven Hannawald spricht im F.A.Z.-Interview über seine Anfänge als Autorennfahrer und sein überwundenes Burn-out-Syndrom.
Sven Hannawald gewann 2002 als bisher einziger Skispringer alle vier Wettkämpfe der Vierschanzentournee, drei Jahre später beendete er nach einem Burn-out-Syndrom seine Karriere. Jetzt sucht er als Rennfahrer eine neue Herausforderung.
Auf der Schanze beschleunigten Sie früher in null Komma nichts auf neunzig Kilometer pro Stunde. Sind Sie privat auf der Straße auch so schnell unterwegs?
Ich fahre einen VW Touareg mit 360 PS. Es gibt sicher schnellere Autos, aber ich bin viel unterwegs und möchte nicht immer schauen, wie die ganzen Koffer reingehen.
War das früher anders?
Ja, aber seit ich Autorennen fahre, bin ich vorsichtiger geworden. Ich weiß jetzt, dass man sich auf öffentlichen Straßen nicht so ausleben kann wie auf der Rennstrecke. Auf dem Weg zu einem Testrennen hatte ich noch meinen alten Fahrstil, und auf der Rückfahrt bin ich dann plötzlich bei erlaubter Höchstgeschwindigkeit von 120 nur 100 oder 110 gefahren. Darüber habe ich mich selbst gewundert, aber ich hatte mich auf der Rennstrecke komplett ausgelebt und konnte deshalb entspannt nach Hause fahren.
Warum sind Sie Autorennfahrer geworden?
Noch als ich Skispringer war, wurden wir von RTL öfters zur Formel 1 eingeladen. Da wurde ich mal gefragt, ob ich Lust hätte, die Lizenz zu machen, dann könnte ich auch Rennen fahren. Als Erstes landete ich beim Seat Supercopa, aber da ging es für mich etwas zu schnell. Das war, als ob man als Neuling beim Skispringen gleich auf die 90-Meter-Schanze geht. Die anderen Autos sind links und rechts an mir vorbeigefahren. Das ist natürlich frustrierend.
Aber nicht frustrierend genug, um aufzuhören.
In der Zeit habe ich meinen jetzigen Manager Axel Watter kennengelernt, und der hatte ein Testauto im Porsche-Carrera-Cup. Da sind oft Prominente gefahren wie der frühere Schwimmer Mark Warneke oder Bob-Olympiasieger Christoph Langen. Ich fühlte mich aber schon im Seat überfordert, und noch einmal 120 PS mehr zu steuern, hätte ich damals als relativ schwierig empfunden. Ich sagte deshalb zu Axel: "Gib mir noch ein, zwei Jahre Zeit". Und irgendwann war es dann so weit.
Wie sind Sie dann zur GT-Masters-Serie gekommen?
Die Serie hat sich zur gleichen Zeit entwickelt, als ich den Testwagen bei Porsche gefahren bin. Am Anfang bin ich pro Jahr ein oder zwei Rennen gefahren. Aber irgendwann war klar, dass ich viel, viel mehr fahren muss, um weiterzukommen. Dann habe ich beschlossen, ab der Saison 2010richtig in die Serie einzusteigen. Seitdem geht es bergauf. Wir haben einen Heidenspaß.
Ihr Partner ist jetzt der ehemalige Formel-1-Pilot Heinz-Harald Frentzen. Sind Sie sein Co-Pilot, oder fährt jeder ein eigenes Auto?
Bei dieser Serie fahren jeweils ein Amateur und ein Profi in einem Auto, aber nicht gleichzeitig. Das Rennen läuft am Samstag und Sonntag jeweils eine Stunde. Am Samstag fange ich an, und Heinz-Harald Frentzen löst mich nach einer halben Stunde ab, am Sonntag ist es umgekehrt.
Ihre erste Saison in der GT-Masters-Serie haben Sie gleich als Zweiter der Amateurwertung beendet. Sind Sie ein Naturtalent?
Da war es einfacher als in diesem Jahr, es waren nur fünf Amateure am Start, jetzt sind es 25. Aber wenn ich erst in diesem Jahr eingestiegen wäre, hätten wir komplett eins auf die Mütze bekommen.
Sie waren beim Skispringen ein Perfektionist. Sind Sie es als Autorennfahrer auch?
Ich bin allgemein ein Perfektionist. Ich hatte neulich ein Fußballtraining, bei dem überhaupt nichts lief. Da bin ich sauer und gehe gleich wieder. Ich bin schon ehrgeizig.
Das gehört aber doch zum Leistungssport.
Ja, aber der Ehrgeiz darf nicht krankhaft sein. Wenn ich etwas Neues begonnen habe, wollte ich teilweise vier Schritte auf einmal machen. Das hat mir aber den Spaß genommen, weil es natürlich nicht funktionierte. Man braucht Ruhe und Geduld, das habe ich mittlerweile gelernt. Der Ehrgeiz ist nach wie vor da, aber das Krankhafte ist weg.
War das ein Grund für Ihr Burn-out-Syndrom?
Man bewegt sich in einem Tagesrhythmus, der den Körper über Jahre krank macht. Der Körper kann viel wegstecken, aber nur für eine Weile, irgendwann zieht er die Notbremse. Ich habe mich natürlich gefragt, warum es mich trifft. Denn es gab ja noch zwanzig andere Springer, die ähnlich großen Stress hatten. Martin Schmitt zum Beispiel, und der springt immer noch.
Hätten Sie noch einmal zurückkehren können zum Skispringen?
Nein, obwohl ich das zu der damaligen Zeit noch nicht wusste. Ich dachte, ich gehe vier bis acht Wochen in die Klinik und fange danach wieder mit dem Springen an. Ich wollte es noch mal probieren, aber beim täglichen Training habe ich gemerkt, dass es nicht mehr funktioniert.
Sie spielen auch gern Fußball. Beim TSV Neuried, einem Verein in der Nähe Münchens.
Fußball hat mich schon zu meiner Zeit als Skispringer interessiert. Es gab zwei Benefizfußballspiele im Jahr, das habe ich immer ausgelebt, aufgesogen. Mit Fußball habe ich die Zeit nach meiner Krankheit überbrückt, es war ein Ausgleich. Als Mannschaftssport war es genau das Richtige für mich, man ist nicht allein mit sich beschäftigt. Es hat mich frei gemacht. Beim Fußball kann ich mich austoben. Autorennen ist mehr Kopfarbeit.
Sind Sie sicher, dass Sie nicht wieder in alte Verhaltensmuster verfallen, dass sich Ihr Körper und Ihr Geist nicht wieder eine Auszeit nehmen?
Ich lasse mich nicht mehr stressen. Ich habe die Kraft und die innere Ruhe, und ich habe mehr Reserven als damals. Es macht jetzt ja nicht mehr so viel aus, ob ich drei Kilogramm mehr oder weniger wiege.
Wir groß ist der Aufwand, den Sie für Ihre Karriere als Rennfahrer betreiben?
Von der Herangehensweise ist es sehr ähnlich wie beim Skispringen. Ich habe genauso Training, aber natürlich nicht so oft wie früher. Ein Testtag ist allerdings ein bisschen teurer als beim Skispringen. Aber der Aufwand wächst. Denn ich beginne jetzt mit dem technischen Training neben der Fitness. Heinz-Harald will zum Beispiel, dass ich jetzt mal bei strömendem Regen zum Kartfahren gehe, um das Fahren auf nasser Straße zu üben.
Ist der Autorennsport nur ein Hobby oder doch Beruf, von dem man leben kann?
Von den Prämien kann man nicht leben, aber es fängt gerade wieder an, dass ich Sponsoren bekomme. Wenn man aus der Öffentlichkeit eine Weile raus war, dauert es etwas, bis man wieder etwas aufgebaut hat.
Kann es sein, dass Heinz-Harald Frentzen auf den Erfolg im Moment gar nicht so erpicht ist, vielleicht sogar bremst? Denn er hat Ihnen versprochen, sich bei Ihrem ersten gemeinsamen Podiumsplatz auf die Sprungschanze zu wagen.
Er würde nie bremsen. Außerdem war der Sprung von der Schanze seine Idee. Natürlich werde ich ihn nicht auf eine 90-Meter-Schanze schicken. Wir werden das in Hinterzarten machen, da habe ich ja zusammen mit Axel Watter und meinem früheren Heimtrainer Karl Haßler ein Juniorenteam gegründet. Heinz-Harald wird dann visuell und trainingstechnisch eingebunden in das Schneeflöckchenteam. Die Planungen laufen schon.
Was ist die größere Herausforderung: Sie auf der Autorennstrecke oder Heinz-Harald Frentzen auf der Schanze?
Ich denke, für ihn ist es eine größere Aufgabe. Vor allem, weil er mir gesagt hat, dass er zuerst einmal Skifahren lernen muss.
Ist der Kick bei beiden Sportarten zu vergleichen?
Ja, ich muss in beiden Sportarten das Risiko ausreizen, um etwas zu erreichen. Aber es gibt auch einen Unterschied: Im Auto kann ich immer bremsen. Wenn ich allerdings oben an der Schanze loslasse, gibt es kein Zurück mehr.
Das Gespräch führte Elisabeth Schlammerl