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Veröffentlicht: 23.07.2013, 18:01 Uhr

Surfen im Eisbach Der verflixte Münchner halbe Meter

Lächerlich klein, aber verdammt schwierig zu beherrschen: Die „stehende“ Welle, die der Eisbach in München produziert, ist eine Herausforderung an das Balancegefühl der Surfer und eine Touristenattraktion.

von Sebastian Eder, München
© Jockisch, Anna „Der Vorteil, bei Nacht zu surfen, ist, dass es nicht so voll ist“

Als ich Ronaldo Friesens Surfladen in der Münchner Innenstadt verlasse, stehe ich mit dem Brett unterm Arm mitten in einer der bestbesuchten Fußgängerzonen Deutschlands. Ich kämpfe mich durch die Menschenmassen Richtung Eisbach, vorbei an Designerläden, Straßenmusikern und Touristenattraktionen. In jeder anderen Stadt Deutschlands wäre ich mit einem Surfbrett unter dem Arm wohl selbst eine kleine Attraktion, die Münchner würdigen mich keines Blickes.

Surfer gehören hier schon lange zum Stadtbild - wegen des Eisbachs im Englischen Garten. Dieses Bächlein fließt größtenteils unterirdisch durch München. Eine Steinstufe an der Austrittsstelle des sehr wasserreichen und schnell fließenden Eisbaches erzeugt eine etwa halbmeterhohe, „stehende Welle“ genannte Stromschnelle. Der Treffpunkt für Surfer und Schaulustige. Auf der Brücke, unter der das Wasser hervorschießt, bevor es sich auftürmt, schießen Touristen ihre Fotos.

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Reist man als deutscher Surfer auf der Jagd nach Wellen nicht nach München, sondern um die Welt, wird man immer wieder mit dem bayrischen Bach konfrontiert. Egal, ob ich mit meinem Brett in Frankreich, Australien, Indonesien, den Vereinigten Staaten oder Marokko unterwegs war, früher oder später hörte ich von anderen Wellenreitern: „Did you ever surf the eisbach?“ Jahr für Jahr antwortete ich: „No“, heute soll sich das ändern.

Ich setze mich ans Ufer und beobachte, wie sich ein Surfer nach dem anderen in den Eisbach stürzt. Auch wenn man schon viele „richtige“ Wellen am Meer gesurft ist, das erste Mal am Eisbach erinnert an den ersten Sprung von Zehnmeterbrett. Die Welle ist zwar nur einen halben Meter hoch, soll es aber in sich haben. Dazu die Schwimmbad-Situation, sich anstellen zu müssen, beobachtet zu werden, während man wartet und schließlich ins Wasser springt.

Eisbachsurfen - Unter Flutlicht surfen die Sportler am Eisbach im Englischen Garten in München auf der berühmten Surferwelle. © Jockisch, Anna Vergrößern Der Einstieg in die Welle ist gar nicht so einfach

Die erfahrenen Flusssurfer nehmen mit ihren Brettern in der Hand am Ufer ein paar Schritte Anlauf, springen ab, fliegen kurz durch die Luft, plazieren währenddessen das Brett unter ihren Füßen und rasen dann in der kleinen Welle auf und ab. Am Ufer reihen sich die Surfer geduldig hintereinander auf, ein paar andere, die gerade Pause machen, sitzen daneben um einen Bierkasten herum. Der Geruch von gegrilltem Fleisch liegt in der Luft, aus einer Stereoanlage schallt Rock-Musik.

Jetzt oder nie. Ich ziehe den Neoprenanzug an, packe mein Surfbrett und stelle mich in die Schlange neben den schmalen, reißenden Bach. Fünf Surfer vor mir. Ein Tourist spricht mich an, er will wissen, aus welchem Fluss das Wasser denn ursprünglich komme. Aus der Isar. Drei Leute vor mir, zwei hinter mir. Es ist das gleiche Problem wie auf dem Sprungturm im Schwimmbad: Zwischen dem Moment, in dem man sich entscheidet, und dem Sprung liegt eine quälend lange Zeit. Sobald man in der Schlange steht, kann man aber nicht mehr zurück, am allerwenigsten, sobald man in den Abgrund blickt. Oder in den reißenden Fluss.

Eisbachsurfen - Unter Flutlicht surfen die Sportler am Eisbach im Englischen Garten in München auf der berühmten Surferwelle. © Jockisch, Anna Vergrößern Das Surfen im Eisbach ist längst auch eine Touristenattraktion

Ich stehe ganz vorne, fünf Surfer hinter mir. Gefühlte hundert Blicke ruhen auf mir. Vorsichtig lege ich das Brett ins Wasser, plaziere meine Füße darauf, atme tief durch und stoße mich ab. Ungefähr so lange, wie man nach dem Sprung vom Zehnmeterbrett Richtung Wasser stürzt, kann ich mich auf der eigentlich lächerlich kleinen Welle halten, dann überschlage ich mich und versinke in den Fluten.

“Man sollte seine ersten Versuche im Flusssurfen auf keinen Fall am Eisbach machen“, sagt Tao Schirrmacher später. Zu kraftvoll sei die Strömung, zu viele Steine würden direkt unter der Wasseroberfläche lauern. Erst gestern habe sich einer der erfahrenen Surfer wieder eine Platzwunde geholt. Schirrmacher ist einer der besten Wellenreiter in München, 2012 ist er Europameister im Surfen auf einer stehenden Welle geworden.

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