25.09.2006 · In der Weltliga der Wellenreiter zählen Europas Surfer zu den Exoten. Auch beim wichtigsten Wettkampf in Europa geben der siebenfache Weltmeister Kelly Slater aus Amerika und seine Landsleute den Ton an.
Von Cai Tore Philippsen, HossegorWer um acht Uhr am Morgen an den Strand von Hossegor in Frankreich kam in dieser Woche, mußte als erstes die Mär vom schönen Leben der surfenden Beachboys begraben. Noch bevor die Sonne ihre ersten wärmenden Strahlen über die Dünen an den breiten Sandstrand schickt und die letzten Touristen der Saison ihre Handtücher ausbreiten, kämpft bereits ein Haufen Wellenreiter im septemberkalten Salzwasser um den letzten freien Platz beim Quiksilver France Pro. Es gibt keine jubelnden Mädchen in Bikinis, kein Bier an der Strandbar, nur knallharte Zweikämpfe um einen Platz in der Weltliga der Surfer. Der Wettkampf im Wimbledon der Wellenreiter ist einer von elf in der weltumspannenden World Championship Tour (WCT), vergleichbar mit einem Grand-Slam-Turnier beim Tennis oder einem Grand-Prix-Rennen in der Formel 1.
Wer sich in den kommenden Tagen in dem mondänen Badeort in die Wellen stürzen darf, gehört zur Weltelite in dieser boomenden Sportart, die auch in Deutschland immer mehr Anhänger findet. Die Stars der Szene kommen wie der siebenmalige Weltmeister Kelly Slater aus Amerika oder aus Australien wie Slaters Widersacher Taj Burrow. Erstklassige Europäer sind Mangelware auf dem Kunststoffbrett und das, obwohl gerade Frankreich, Portugal und England mit ihren Atlantikstränden perfekte Bedingungen bieten und im Sommer das Gerangel um den besten Platz auf der Welle mancherorts zur handfesten Auseinandersetzung wird. In keiner anderen Sportart, die auf dem gesamten Globus ausgeübt wird, ist die Bilanz der Europäer so bitter.
Unglamouröse Ochsentour am frühen Morgen
Von den 47 Profis, die 2006 einen festen Startplatz auf der WCT-Tour haben, kommen 21 aus Australien, neun aus Brasilien, drei aus Südafrika, acht aus den Vereinigten Staaten und fünf von den hawaiianischen Inseln. Genauso, wie sich England als Mutterland des Fußballs niemals zu einer Nationalmannschaft mit Schottland oder Wales zusammenschließen würde, beanspruchen die Hawaiianer, in deren Heimat Surfen als heiliges Vergnügen der Könige seinen Ursprung hat, einen Sonderstatus. Der einzige Europäer in diesem Kreis ist der Franzose Mikael Picon, der bei seinem Heimwettkampf dringend Punkte sammeln muß, um im nächsten Jahr nicht wieder in die zweite Liga abzusteigen. "Es ist hart, ohne die alten Freunde und Konkurrenten aus Frankreich unterwegs zu sein", sagt der 27jährige, "aber es macht mich stolz, am anderen Ende der Welt zu sein und meine französische Fahne neben den anderen zu sehen."
Beim bis zum 1. Oktober ausgetragenen Wettkampf in Hossegor sind dann immerhin vier Franzosen als Vertreter des alten Kontinents am Start. Die beiden französischen Nachwuchshoffnungen Jeremy Flores und Joan Duru haben eine Wild card erhalten. Und Patrick Beven, ein Franzose mit brasilianischen Wurzeln, hat die unglamouröse Ochsentour am frühen Morgen als Sieger überstanden. Doch wie beim Tennis müssen die Qualifikanten gleich in der ersten Runde gegen ihre Helden antreten, und das endet in den meisten Fällen mit viel Erfahrung und wenig Punkten.
Deutsches Talent verletzt
"Die Mekkas des Surfens sind die australische Goldcoast in Queensland, Hawaii und Südkalifornien. Wer nicht vom hohen Niveau der anderen Surfer an diesen Orten profitieren kann, hat es schwer auf der Tour", analysiert Superstar Slater. Er selbst begann seine unglaubliche Karriere, die er in diesem Jahr wie Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher mit einem achten Titel krönen kann, allerdings in Cocoa Beach in Florida an der amerikanischen Ostküste - kein Surfmekka, das läßt hoffen.
Auch ein Deutscher hatte sich Hoffnungen gemacht, wenigstens einmal auf der gleichen Welle mit den Stars seines Sports sein Können zeigen zu dürfen. Doch Marlon Lipke muß sich statt dessen an der "ausgeleierten" Schulter operieren lassen. Immer wieder hatte sich der 22 Jahre alte Profi den Arm ausgekugelt. Natürlich hat der blonde Modellathlet seine spektakulären Ritte auf der Welle nicht an der deutschen Nord- oder Ostseeküste gelernt. Lipkes Eltern wanderten in den 80ern nach Portugal aus, dort ist er am - oder wohl besser im Atlantik aufgewachsen.
Surfindustrie such europäische Helden
"Er ist ein großes Talent. Er hat das Zeug dazu, ganz oben mitzufahren", sagt der Australier Stephen Bell, der den Deutschen als Teammanager des Sponsors Quiksilver betreut. "Was ihm noch fehlt, ist der unbedingte Siegeswille. Der letzte, der noch steht, ist der Sieger, diese Tiger-Woods-Mentalität muß er noch lernen", sagt Bell mit breitem australischem Akzent und einem verschmitzten Lächeln. Bell ist seit 20 Jahren als eine Art Surf-Entwicklungshelfer in Flip-Flops, Shorts und T-Shirt in Europa unterwegs. "Surfen ist hier noch eine junge Sportart", meint Bell, "aber Europa holt auf." Und der rasant wachsende Markt für Surf- und Strandkleidung braucht dringend europäische Helden. Bells Arbeitgeber Quiksilver, wie der größte Konkurrent Billabong mit australischen Wurzeln, macht mittlerweile 40 Prozent seines Umsatzes in Europa. Es ist der wichtigste Markt, auch deswegen steckt die Firma viel Geld in die Talentsuche und Förderung.
Jeremy Flores könnte dieser neue Held aus Europa sein. Mit gerade einmal 18 Jahren hat er dank seiner Erfolge in diesem Jahr schon jetzt seinen Platz in der WCT-Tour 2007 gesichert, er ist der jüngste Surfer, dem das jemals gelang. "Er fährt risikoreicher als ich", sagt der sechzehn Jahre ältere Slater. So gut wie Flores sei er selbst in dem Alter nicht gewesen. Doch auch wenn die Franzosen den jungen Mann mit den leuchtenden grünen Augen als Local Hero feiern, sollten sie eines nicht vergessen. Die Wellen, auf denen Flores als Dreijähriger lernte, brachen vor La Réunion - nicht vor Hossegor.