Home
http://www.faz.net/-gub-73bto
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Surf-Weltmeister Philip Köster Zwanzig Meter über dem Meer

 ·  Kein anderer Surfer meistert Zirkusnummern in luftiger Höhe mit derselben Leichtigkeit wie Philip Köster - es sei denn, der Wind kommt von rechts. 2013 will er zum dritten Mal Weltmeister werden - und an einer neuen Serie teilnehmen.

Artikel Bilder (5) Video (1) Lesermeinungen (0)
© dpa Abgehoben: Philip Köster beim Windsurf-Weltcup auf Sylt

Die letzten Meter auf dem Weg zum vereinbarten Treffpunkt bleibt Philip Köster unerkannt - wobei ein junges Pärchen in bunten Outdoor-Klamotten stehen bleibt und sie zu ihm sagt: „War er das?“ Köster schmunzelt über solche Sylter Szenen.

Er wird in diesen Tagen angesprochen, wo er steht und geht; bei einer Autogrammstunde am Wochenende waren zwei Bodyguards dabei. Falls mal jemand zu nah an den jungen Weltmeister ran will. Köster lacht drüber und sagt: „Am coolsten finde ich, wenn Kinder ein Autogramm möchten und sagen, dass sie auch surfen wollen.“ Kinder mag er gern, er hatte schon einen Gastauftritt im Kinderkanal KiKa.

Letztes Jahr hatte ihn der Medienrummel noch überfordert. Da war Philip Köster der erste deutsche Weltmeister im Wellenreiten, alle zerrten an ihm, das Neinsagen fiel schwer. Jetzt läuft alles geordneter, und Köster hat das Spiel mit den Medien besser drauf. Am Montag verordnete er sich eine Interviewpause: „Ich mochte selbst nicht mehr hören, was ich erzähle.“

Titelträger im Wellenreiten war das 18 Jahre alte deutsche Windsurf-Wunderkind auch in diesem Jahr schon, bevor der Weltcup in Westerland Station machte. In diesem Jahr bläst der Wind im Unterschied zu 2011 so stramm, dass Köster sich seinen Wunsch vom Vorjahr erfüllen und den Zuschauern am Strand zeigen kann, wie virtuos er die schäumende Nordsee beherrscht. „Ich bin froh, dass die Leute mich nicht nur auf der Interviewbühne erleben, sondern auch auf dem Wasser.“

Diesmal bitte keine Flaute - das war Kösters Bitte für den Heim-Weltcup gewesen. Er wurde erhört und ließ die Surf-Fans gleich am ersten Wettkampftag am Sonntag mit offenem Mund zurück: Wenn er vom Wellenkamm abhebt, scheint der Himmel über der Nordsee keine Grenze zu sein.

Der Respekt vor der Höhe fliegt mit, gibt Köster zu, doch von Angst will er nicht sprechen: „Wenn ich 18 Meter hoch in der Luft stehe, denk ich schon: Oh Gott, wie komme ich hier bloß wieder runter?“ Es seien die Instinkte, sagt Köster, die ihn vergleichsweise sanft landen lassen. Sein Rekord liegt bei 20 Metern Sprunghöhe - was eine geringe Steigerung darstellt, denn er sprang als Fünfzehnjähriger zum ersten Mal 18 Meter hoch. Seitdem weiß die Surfwelt, wer Philip Köster ist. Bezahlt hat er für seine waghalsigen Manöver auch schon: mit Brüchen von Mittelfuß und Handgelenk. Solche Erinnerungen lächelt Philip Köster im Gespräch einfach weg. Seine Mutter und Managerin Linda Schlüter sieht das etwas anders.

Philip hat den sogenannten Triple Loop genau vor Augen: drei Vorwärtssalti. Zwei schaffen viele, schon das sieht auf dem Wasser so halsbrecherisch wie atemraubend aus, aber drei? Köster lächelt: „Ich will es versuchen. Ich will nicht so viel drüber nachdenken. Ich verlasse mich auf dem Wasser auf mein Gefühl.“ Surf-Legenden wie Björn Dunkerbeck trauen Köster diese Zirkusnummer zu. Seine Mutter wünscht sich Risikominimierung von ihrem Sohn. Doch sie ahnt, dass sie kein Gehör findet.

Köster ist der Typ Sportler, den man „an Land“ in zerrissenen Jeans, Sweatshirt und Turnschuhen mit seinem Wuschelkopf unter der Kappe und dem Dreitagebart leicht unterschätzt. Er scherzt gern und bleibt locker, obwohl er allein auf Sylt 100 Interviews gegeben hat. Da sind keine inneren Abstandshalter, keine Starallüren. Nicht einmal seinen massigen Oberkörper erkennt man unter den weiten Klamotten. Das soll der Weltmeister sein?

Doch in Neopren auf dem Brett verwandelt er sich in eine Kreatur, die eins ist mit den Naturgewalten. Er spürt, was Wind und Wasser von ihm wollen. Die Elemente zu verstehen, hat Philip Köster daheim in Vargas auf Gran Canaria von seinem Vater Rolf gelernt. Von Kindesbeinen an. Seine Hamburger Eltern wanderten 1984 nach Gran Canaria aus. Dort lebt Familie Köster am Strand, einsam, windumtost, ohne Luxus. Der Atlantik war sein Spielplatz.

Jahre später auf Sylt wirkt sein Leben spielerisch, leicht, unbeschwert. Am wettkampffreien Tag belohnt er sich und schläft aus. Bis 12 Uhr. Mittags reicht die geliebte Pizza Salami zum Glücklichsein. Köster weiß, dass anderes gesünder ist als Fastfood. Er weiß auch, dass er im Kraftraum noch stärker werden könnte für die acht Minuten langen Rennen auf der schäumenden See. Aber er mag es nicht, mit stählernen Hanteln zu arbeiten: „Ich schwimme lieber. Ich will Spaß haben, mich nicht quälen.“ Ausdauerläufe findet er am schlimmsten.

Köster, das Naturtalent, hat auch Schwächen. Wenn der Wind von rechts kommt, gilt sein größter Konkurrent Victor Fernandez als stärker. Auf Sylt gab es Köster-Wind: von links. Der beste Ort, um Surfen mit Wind von rechts zu lernen, ist Hawaii. Fröhlich sagt Köster: „Ich muss längere Zeit auf Hawaii trainieren. Deswegen fliege ich bald nach Hawaii.“ Längst überragt Philip Köster den Rest der deutschen Windsurf-Szene. Auf Sylt ist er schon deswegen allgegenwärtig, weil Volkswagen die Tour sponsert und Köster beim Wolfsburger Autobauer unter Vertrag steht. Mehr als 50000 Euro soll VW ihm pro Jahr zahlen, munkelt man. Damit gehört er schon jetzt zu den Surf-Großverdienern.

Allerdings nimmt man Philip Köster ab, dass er sich nicht allzu sehr für Geld interessiert. Es reizt ihn, ein drittes Mal nacheinander Weltmeister zu werden. Und dann erst die Serie, die Red Bull 2013 auf die Beine stellt: zehn Rennen an den jeweils windigsten Ecken der Erde. Relativ kurzfristig sollen die besten Surfer zu den stürmischsten Spots von Tasmanien bis Island reisen und bei Starkwinden surfen. „Darauf freue ich mich jetzt schon“, sagt Köster. Mal so richtig durchgewaschen werden an Orten, die er noch nicht kennt - was könnte es Schöneres geben?

Surf-Weltmeister Philip Köster: Der Wellenreiter

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jubiläumsgeschenk als Verpflichtung

Von Daniel Meuren

Die Jubiläums-Saison ist vorbei. Das Geschenk für 50 Jahre Bundesliga gibt es aber erst in Wembley. Nun muss die Liga ihr gewachsenes Ansehen nutzen, um auf die Chancengleichheit zu achten. Mehr 3 3

Ergebnisse, Tabellen und Statistik