02.02.2009 · Die Pittsburgh Steelers sind neuer Meister in der National Football League. Der Favorit besiegte im Finale, dem Superbowl, die Arizona Cardinals glücklich mit 27:23. Der entscheidende Touchdown gelang Santonio Holmes 35 Sekunden vor dem Ende.
Von Jürgen Kalwa, New YorkFür einen muskulösen, schwergewichtigen Linebacker im Football gehört der Sprint über das ganze Spielfeld eigentlich nicht zum Programm. Dafür ist er nicht gebaut, und dafür hat er nicht trainiert. So hatte sich James Harrison von den Pittsburgh Steelers denn auch völlig verausgabt, als er nach einem Spurt knapp hundert Metern mit dem Ball im Arm in der Endzone ankam, den er kurz zuvor reaktionsschnell bei einem missglückten Pass des Gegners abgefangen hatte. Zuerst lag er minutenlang platt auf dem Rasen. Anschließend nahm er erst mal auf der Bank Platz und griff nach der Plastikmaske mit dem Schlauch zum Sauerstofftank.
Der NFL-Defensivspieler des Jahres hatte seiner Mannschaft Sekunden vor dem Ende der ersten Halbzeit allerdings sechs wichtige Punkte besorgt. Genug, wie es zu diesem Zeitpunkt schien, um den Arizona Cardinals vorzeitig den Schneid abzukaufen. Und mehr als genug, um Experten auf der Tribüne in Euphorie zu versetzen. „Ich habe noch nie eine großartigere Aktion in einem Super Bowl gesehen,“ sagte Edwin Pope, Sportkolumnist beim Miami Herald, der alle 43 Finalbegegnungen erlebt hat. „Nicht mal annähernd.“
Mehr als Euphorie und Sauerstoff
Tatsächlich brauchten die Steelers am Sonntagabend vor etwas mehr als 70.000 Zuschauern in Tampa noch sehr viel mehr als Euphorie und Sauerstoff, um das Spiel zu gewinnen. Denn die Außenseiter aus Phoenix, die beinahe schon nach 30 Minuten Spielzeit in Führung gegangen wären, hatten knapp drei Minuten vor Schluss ein kleines Kunststück vollbracht und einen 7:20-Rückstand in einen Drei-Punkte-Vorsprung zum 23:20 umgedreht und träumten von der Vince Lombardy Trophy. Die vielgepriesene Verteidigung aus Pittsburgh schien am Ende ihrer Kräfte. Und Harrison konnte froh sein, dass ihn die Schiedsrichter nicht zwischendurch wegen einer Tätlichkeit vom Platz gestellt hatten.
Doch dann rafften sich Quarterback Ben Roethlisberger und Wide Receiver Santonio Holmes noch einmal auf und sorgten im Eiltempo mit einer Serie von langen Pässen für die Wende und einen 27:23-Erfolg. Mit dem Sieg wurden die Pittsburgh Steelers zum erfolgreichsten Team der Super-Bowl-Ära. Der Sieg über die Arizona Cardinals ist der sechste nach 1974, 1975, 1978, 1979 und 2005. Jeweils fünf Erfolge gehen auf das Konto der Dallas Cowboys und der San Francisco 49ers.
Spannung bis zum Schluss
Die Spannung bis zum Schluss war der größte Reiz an einem Spiel, in dem es beiden Angriffsreihen nur phasenweise und erst spät gelang, ein bisschen Spielwitz zu entfalten. Während Cardinals-Quarterback Kurt Warner auf der einen Seite Mühe hatte, seine schnellen und fangsicheren Wide Receiver zu finden und deshalb nicht das erhoffte Feuerwerk an schnellen, langen Pässen entzündete, profitierte Pittsburghs Offensive von der Disziplinlosigkeit des Gegners. Arizona handelte sich eine Rekordsumme von elf Strafen ein, die im Football je nach Schwere zu einem Verlust von erheblichem Raumgewinn führen.
So wurde mit Santonio Holmes ein Angreifer zum wertvollsten Spieler der Begegnung ausgerufen, der erst in den letzten Augenblicken der Begegnung wirklich glänzte. Er krönte seine Leistung, als er drei Cardinals in der Endzone ins Leere laufen ließ und das Lederei mit einem geschickten Sprung aus der Luft klaubte.
Obama drückte Steelers die Daumen
Der Erfolg brachte nicht nur die Millionanhängerschaft der Pittsburgh Steelers in Stimmung. Er rechtfertigte das Vertrauen des neuen Amtsinhabers im Weißen Haus, der noch vor ein paar Tagen unverhohlen zugegeben hatte, dass er den Steelers die Daumen drückt. Clubbesitzer Dan Rooney und Cheftrainer Mike Tomlin hatten sich während des Wahlkampfs öffentlich auf die Seite von Barack Obama geschlagen.
Tomlin ist nach Tony Dungy von den Indianapolis Colts (2007) der zweite schwarze Football-Coach, der den Super Bowl gewinnen konnte. Rooney hatte ihm vor zwei Jahren das Amt übertragen, nachdem der langjährige Trainer Bill Cowher den Posten aufgegeben hatte. Damals war der vormalige Defensive Coordinator der Minnesota Vikings ganze 34 Jahre alt. Seine Arbeit fand schon vor Wochen ihr Echo, als er von einer Experten-Jury zum Trainer des Jahres ernannt wurde. Der studierte Soziologe pflegt einen anderen Stil als der klassische amerikanische Football-Trainer, der seine Autorität durch lautes Brüllen und das Anschnauzen von Spielern unter Beweis zu stellen versucht.
Cardinals-Quarterback denkt ans Aufhören
Der Aufstieg des „jungen Defensivgenies“ (New York Times) in der National Football League begann bei den Tampa Bay Buccaneers, wo er als Hauptverantwortlicher für die Verteidigung einer der Architekten des Erfolgs war. Sein damaliger Boss Jon Gruden war bis gestern der jüngste Cheftrainer, der einen Super Bowl gewonnen hatte. Diese Ehre gehört nun Mike Tomlin, der nach dem Sieg selbstbewusst erklärte: „Steeler-Football geht über 60 Minuten. Es sieht nicht schön aus. Aber um die B-Note geht es nicht.“
Für einen schon ziemlich alten Footballprofi war das Match möglicherweise das letzte seiner Karriere. Cardinals-Quarterback Kurt Warner denkt übers Aufhören nach, nachdem ihm der Club bislang keinen neuen Vertrag angeboten hat, der seinen finanziellen Vorstellungen entspricht. Der 37jährige, der 1999 mit den St. Louis Rams den Super Bowl gewonnen hatte und zwischendurch nur noch als besserer Reservespieler galt, war vor Beginn des Spiels von der NFL wegen seines Engagements für soziale Probleme als „Mann des Jahres“ ausgezeichnet worden. Warner war in der abgelaufenen Saison die Symbolfigur für die überraschenden Erfolge der Arizona Cardinals, die jahrzehntelang die mit Abstand schlechteste Mannschaft der National Football League waren. Die Niederlage hakte er denn auch mit wenigen Worten ab. Er sei unabhängig vom Ausgang des Spiels „stolz auf dieses Football-Team“, sagte er.