07.02.2010 · Beim Super Bowl in der Nacht zum Montag sind die Indianapolis Colts gegen die New Orleans Saints hoher Favorit. Vor allem für einen ist das Spiel in Miami von großer Bedeutung. Gewinnt Peyton Manning, wird der Quarterback zur Legende.
Von Jürgen KalwaAls Fan der populärsten Mannschaftssportart in Amerika kennt man diese Namen und kann sie einfach herunterrasseln: Joe Montana, Terry Bradshaw, Bart Starr, John Elway. Sie mögen schon vor einiger Zeit ihren Helm und ihre mächtigen Schulterpanzer an den Nagel gehängt haben. Aber sobald jemand die sehr beliebte Frage erörtern will, wer denn eigentlich der beste Quarterback in der Geschichte des American Football sei, sind sie wieder präsent.
Es kann allerdings sein, dass sich diese Frage schon bald erledigt. Vor allem dann, wenn die Indianapolis Colts an diesem Sonntag (von 23.35 Uhr an in der ARD) in Miami beim Super Bowl das schaffen, was die Buchmacher ohnehin erwarten: einen Sieg über die New Orleans Saints. Dann müsste man sich nur noch einen Namen merken: den des 33-jährigen Peyton Manning, jener Wurf-Mensch-Maschine, die seit zwölf Jahren wie ein unwiderstehlicher Feldmarschall die Angriffsreihen seiner Mannschaft kommandiert.
Dass er etwas von Football versteht, war schon früh klar. Im Alter von drei hatte er bereits kapiert, dass ein Quarterback fünf Schritte zurückweicht, ehe er den Ball wirft. Mit zehn analysierte er die Videoaufnahmen von den Spielen seines Vaters Archie, der als Quarterback bei den damals erfolglosen New Orleans Saints gespielt hatte. Als Profi bediente er seine Vorderleute auf schlafwandlerische Weise mit Touchdown-Pässen. Was ihm jedoch lange Zeit fehlte, waren jene Erfolge, die über die Reputation eines NFL-Profis entscheiden: Siege im Super Bowl.
„Das habe ich mir selbst angekreidet“
Vor drei Jahren nahm er die erste Hürde - bei einem deutlichen 29:17-Erfolg im Saisonfinale über die Chicago Bears. Ein zweiter Erfolg wäre jedoch eine weitere Bestätigung dafür, dass Manning aus ganz besonderem Holz geschnitzt ist: aus jener seltenen Mischung aus Spielintelligenz, Leistungswillen und Muskelkraft, die übrigens in dem knochenkrachenden Spiel oft einfach unter die Räder kommt. Selbst die besten Quarterbacks sind ständig in Gefahr, von den anrennenden Verteidigern in Grund und Boden gerammt zu werden.
Manning hingegen - ein Anzeichen für einen siebten Sinn und den besonderen Blick für das Gewusel der Spieler auf dem Feld - musste erst in einem einzigen NFL-Match wegen einer Verletzung vom Platz. Und selbst darüber ärgerte er sich später maßlos. Sein Ersatzmann patzte. Der Gegner eroberte den Ball. Und die Colts verloren das Spiel. „Das habe ich mir selbst angekreidet“, sagte er am Mittwoch in Miami.
Ein solcher Sinn für Perfektion mag so gar nicht zu dem Bild passen, das man sich macht, wenn man Mannings gutbezahlte Auftritte für namhafte amerikanische Firmen betrachtet. Durch seine Werbespots zieht sich eine Linie: Der 1,98 Meter große Quarterback als selbstironischer Star, der nichts dagegen hat, das Fanverhalten gegenüber Idolen und die eingefleischten Bräuche von Footballanhängern zu karikieren. Die Leistungen auf dem Platz und die Selbstdarstellung haben denn auch dafür gesorgt, dass kein Footballprofi in den Vereinigten Staaten so viel Geld verdient wie er.
„Niemand, den ich kenne, arbeitet so hart“
Der Besitzer der Indianapolis Colts ließ durchblicken, dass dies auch so bleiben wird. Obwohl Mannings Vertrag mit seiner Durchschnittssumme von 14 Millionen Dollar pro Saison erst in einem Jahr ausläuft, will Jim Irsay seinen besten Mann in den nächsten Wochen für mehrere Jahre an den Klub binden. Eine solche Perspektive gäbe Manning eine realistische Chance, seine Karrierestatistik weiter aufzupolieren. Etwas, was in der Diskussion über den Stellenwert seiner Leistungen in Amerika immer wieder herangezogen wird. So gehört er zu einer Gruppe von vier NFL-Quarterbacks, die mehr als 50.000 Yards an geworfenen Pässen erzielt haben. Und er steht auf Platz drei der Liste der Touchdown-Pässe (mit 366).
In anderen, aber ebenso aussagekräftigen Kategorien scheint er ohnehin kaum noch einzuholen zu sein. So zeigen sich sein Können und seine Nervenstärke vor allem in kitzligen Situationen. Manning hat schon so manches Spiel herausgerissen, das bereits verloren schien. Das liegt vor allem daran, dass er weniger auf Intuition und Improvisationsvermögen zurückgreift, sondern auf den Wissensschatz an Hunderten von einstudierten Spielzügen und seine Einschätzung der Pläne und Formationen der gegnerischen Verteidiger.
„Niemand, den ich kenne, arbeitet so hart und mit so viel Zielstrebigkeit“, hat sein ehemaliger Trainer Tony Dungy einmal gesagt, um das besondere Format seines Starspielers zu erklären. Die Vorbereitung zahlt sich oft erst im vierten Spielabschnitt aus, wenn die Colts wie so oft einem Rückstand hinterherlaufen müssen. Während oben in den Rängen die Fans nervös werden, wissen die Mitspieler, dass sie nicht in Panik auszubrechen brauchen. Linebacker Clint Session sagte nach dem Sieg vor zwei Wochen gegen die New York Jets, warum: „Wir haben Peyton Manning.“