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Stelian Moculescu Zweimal richtig mutig im Leben

16.06.2009 ·  Rumänien - Deutschland und zurück: Volleyball-Titelsammler Stelian Moculescu baut sich mal wieder ein neues Nest. Doch die bewegte Vergangenheit lässt sich nicht einfach abschütteln. Bernd Steinle hat den Trainer in seiner neuen alten Heimat besucht.

Von Bernd Steinle
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„Stelian Moculescu ist der König des Volleyballs!“ Es klingt erst mal ziemlich abgedreht, was der so seriös wirkende Mann mit den grauen Haaren und dem dunklen Anzug da in die Halle ruft. Damit passt der Satz aber wunderbar zu diesem Moment: zu den Sektfontänen, die in hohem Bogen durch die Halle schießen, zu den Jagdszenen mit schäumenden Schampusflaschen, zu den verrückten Freudentänzen von Spielern, die ihr Trikot wie einen Turban ums Haupt geschlungen haben.

Der VfB Friedrichshafen mit seinem Trainer Stelian Moculescu ist an diesem Donnerstagabend Anfang Mai zum zehnten Mal deutscher Volleyballmeister geworden. Doch das allein ist es nicht, was den Sprecher des Sponsors bei seiner Eloge so pathetisch werden lässt. Es ist vielmehr eine Art Respekt, vielleicht schon Ehrerbietung davor, wie Moculescu diesen Sport zu seinem Lebensinhalt bestimmt hat. Oder auch: wie dieser Sport das Leben Moculescus bestimmt hat. So genau lässt sich das in diesem Fall nicht mehr trennen.

Stelian Moculescu, 1950 in Kronstadt geboren, wächst im Rumänien der sechziger Jahre zu einem vielversprechenden Zuspieler heran. Der Alltag im Sozialismus macht ihm bald zu schaffen, lässt ihn immer wieder an Grenzen der persönlichen Freiheit stoßen, und so weiß der junge Moculescu früh, was er will: raus aus diesem Land. Das wissen schnell auch andere: 1971 werden ihm Pass und Ausreise verweigert - Moculescu verpasst deswegen die Bronzemedaille der Rumänen bei der EM in Mailand.

„Diese Geschichte hat mich sehr viel Substanz gekostet“

Trotzdem schafft er es im Jahr darauf ins Aufgebot für die Olympischen Spiele in München. Am 11. September 1972, Rumänien hat das Turnier auf Platz fünf abgeschlossen, macht er sich frühmorgens aus dem Olympischen Dorf auf, nur mit „Romania“-Handtuch, Rasierzeug und Volleyballschuhen ausgerüstet. Er marschiert zu dem Treffpunkt, den er mit dem damaligen Bundestrainer vereinbart hat. Er wartet eine halbe Stunde, doch niemand taucht auf. Dann endlich nähern sich die Scheinwerfer eines VW-Busses. Der Trainer hat verschlafen.

Moculescu erhält politisches Asyl, jobbt auf dem Bau, arbeitet sich nach oben. Daneben spielt er Volleyball, wird Trainer, arbeitet sich auch im Sport hoch und verwirklicht seinen Traum, das Hobby zum Beruf zu machen. „15 Jahre hat es gedauert“, sagt er, „und mein Glück war, dass ich eine Frau hatte, die das verstanden hat. Die die Geduld hatte, diesen Weg mitzugehen.“ Bald sackt Moculescu die Titel reihenweise ein. Meister, Pokalsieger, Supercup. 2007 gewinnt er die Champions League. Zweimal ist er Bundestrainer, einmal Ende der achtziger, dann wieder von 1998 an, zehn Jahre lang.

Es werden anstrengende, kontroverse, kräftezehrende Jahre, in denen er oft die mangelnde Unterstützung des Verbands beklagt, und die er dennoch mit dem ersehnten Ziel abschließt: der Qualifikation für die Olympischen Spiele 2008 in Peking, der ersten für Deutschland seit 36 Jahren, seit den Spielen in München. Damit sieht er seine Mission als Bundestrainer als erfüllt an und hört - wie angekündigt - auf. „Diese Geschichte hat mich sehr viel Substanz gekostet“, sagt er. „Ich habe lange gebraucht, um mich davon zu erholen. Eigentlich habe ich das erst jetzt so richtig geschafft.“

Mit furchterregenden Muskelbeulen an Armen und Beinen

Vier, fünf Angebote habe er nach seinem Rücktritt als Bundestrainer erhalten, sagt Moculescu, auch aus Ländern, die in der Weltrangliste noch vor Deutschland (Platz 13) stehen. Er entscheidet sich für die Nationalmannschaft Rumäniens. Weltranglistenplatz: 55. Obwohl er dort nicht von jedem mit offenen Armen empfangen wird, wie das halt so ist, wenn ein Trainer aus dem Ausland ankommt und vermeintlich alles besser weiß als die Trainer im eigenen Land. Einmal, erzählt Moculescu, habe ihm deshalb ein Bekannter gesagt: „Du warst zweimal in deinem Leben mutig. Einmal, als du abgehauen bist. Und dann, als du wieder zurückgekommen bist.“

„Sala Sporturilor Constanta“ steht in blitzblanken, metallisch-kühl glänzenden Lettern auf den alten Steinquadern des palazzoartigen Baus der Sporthalle Constanta, in der rumänischen Küstenstadt am Schwarzen Meer. Direkt über dem modernen Schriftzug prangt das verwitterte Relief dreier Basketballspielerinnen, mit furchterregenden Muskelbeulen an Armen und Beinen. Ein Relikt sozialistisch-wuchtiger Ästhetik, wie sie auch der nackte Diskuswerfer verkörpert, dessen Figur den kleinen Platz vor der Sporthalle beherrscht.

„Wenn das Spiel mal losgeht, macht man eben seinen Job“

Hier in Constanta hat sich die rumänische Nationalmannschaft versammelt, um am ersten Juni-Wochenende ihre beiden Partien in der Europa Liga gegen die Auswahl Deutschlands auszutragen. Es ist das erste Aufeinandertreffen, seit Moculescu die Seiten gewechselt hat. Der steht mit seinem Co-Trainer Ulf Quell nach dem Training noch vor dem Eingang zur Halle, als der Bus mit der deutschen Mannschaft vorfährt. Großes Hallo, langes Defilee, herzliche Begrüßungen, innige Umarmungen. „Natürlich ist das eine emotionale Sache“, sagt Moculescu. „Aber wenn das Spiel mal losgeht, macht man eben seinen Job. Da ist schon so viel Professionalität da, dass die Gefühle weg sind.“

Er hätte vermutlich glorreichere Aufgaben übernehmen können, als die Volleyballspieler Rumäniens zu trainieren. Zuletzt, in der Qualifikation für die EM 2009, gewannen sie von sechs Spielen kein einziges. Sie gewannen nicht mal einen einzigen Satz. „Es ging zunächst darum, den Spielern wieder Spaß und Selbstvertrauen zu vermitteln“, sagt Moculescu. Für große technische Verbesserungen sei gar keine Zeit gewesen. „Ich kann ja keine Wunder vollbringen.“

„Menschenkenntnis ist für einen Trainer das Allerwichtigste“

Die Spieler, zumeist in der heimischen Liga aktiv, seien sehr aufnahmefähig, sie bemühten sich, saugten die Trainingsinhalte geradezu auf. „Bisher ist hier viel improvisiert worden“, sagt Moculescu. „Wir müssen erst mal eine neue Infrastruktur schaffen, einen neuen Arbeitsstil einführen.“ Es ist Basisarbeit, Aufbauarbeit, wieder mal. Moculescu kennt das, aus den Vereinen, die er führte, und auch, den Seitenhieb kann er sich nicht verkneifen, aus dem deutschen Verband. „Ich habe mich noch nie in ein fertiges Nest gesetzt“, sagt er.

Die Antwort auf die Frage, warum trotzdem Rumänien, liegt in Moculescus Geschichte. Er habe zuvor nur noch wenig Kontakt nach Rumänien gehabt, sagt er, zur Familie, zu Verwandten. Deutschland ist längst seine zweite Heimat und sein erstes Zuhause geworden, sein Lebensmittelpunkt. Aber: „Ich verdanke Rumänien sehr viel“, sagt er. „Ich habe gleich zweimal Glück gehabt: Ich habe hier mein Handwerk gelernt, und ich habe durch die Flucht die Möglichkeit bekommen, in einem anderen Land was daraus zu machen; das, was ich gelernt habe, weiterzuentwickeln, davon zu profitieren. Deutschland hat mir ein neues Ziel gegeben.“ Mit dem Handwerk meint Moculescu nicht nur das sportliche Rüstzeug. „Ich habe vor allem gelernt, die Richtigen von den Falschen zu unterscheiden. Das war damals wichtig in Rumänien.“ Diese Fähigkeit kam ihm später oft zugute. „Menschenkenntnis“, sagt er, „ist für einen Trainer das Allerwichtigste.“

„Ich fühle mich wohl hier, ich komme wunderbar klar“

Moculescu, das ist nicht zu übersehen, genießt seine neue Aufgabe in Rumänien. „Für mich ist das hier wie aktive Erholung.“ Auch wenn es während der Spiele, wenn er an der Seitenlinie steht, gelegentlich nach allem anderen aussieht als nach Erholung. Da kann sich der impulsive Trainer noch immer gewaltig aufregen, wenn seine Spieler einfache Fehler machen, in der Abwehr falsch stehen, sich im Spiel nicht an die Absprachen halten.

Doch die Spieler suchen auf dem Feld auch immer wieder den Blickkontakt mit dem Trainer, erwarten von ihm Bestätigung, Rat, Anweisung. „Schön, aber auch anstrengend“ sei der neue Job, sagt Moculescu. Er liebt die Offenheit der Rumänen, er schwärmt von den spontanen Einladungen, von langen Nachmittagen, in denen einfach nur geredet wird und natürlich gegessen, stundenlang. „Ich fühle mich wohl hier, ich komme wunderbar klar“, sagt er. „Manchmal lache ich mich fast tot. Die Rumänen haben viel Selbstironie, sie können gut über sich selbst lachen. Aber um die letzten fünfzig Jahre hier zu überstehen, musstest du diese Fähigkeit wohl auch entwickeln.“

„Ich habe ein herrliches Leben - aber auch viel investiert“

Das Café d'Art liegt direkt neben dem Nationaltheater von Constanta, das zugleich Ballett- und Opernhaus ist. Vor dem strahlend weißen Bau steht, mitten in einem leeren Wasserbecken, ein Zwillingsbruder des anabolikaverdächtigen Diskuswerfers, ein klobiger, gleichfalls nackter Muskelberg, der einer an seinen Schenkel geschmiegten Holden ein Ständchen mit der Panflöte darbringt. Auf dem Parkplatz daneben sind reihenweise nagelneue BMWs, Audis, Mercedes abgestellt. Wie zur Illustration des krassen Gegensatzes zwischen sozialistischer Vergangenheit und kapitalistischer Zukunft.

Wie um die neuen Möglichkeiten zu zeigen, die dieses Land plötzlich bietet, das Moculescu einst verlassen hatte, weil es ihm ebendiese Möglichkeiten verwehrt hatte. Nun sitzt er auf der Terrasse des Café d'Art, die Sonne funkelt durch das dichte Laub der Kastanienbäume im Park, ein leichter Wind lässt die Schatten des Blattwerks über den Tisch tanzen. „Ich habe jetzt ein herrliches Leben. Aber ich habe auch viel dafür investiert“, sagt er. Viel Energie, viel Risiko, viel Kraft. Seine Geschichte klingt heute wie aus einer anderen Zeit, wie aus einer anderen Welt, wie ein Filmdrehbuch aus dem Kalten Krieg.

„Wenn wir das schaffen, wäre es das achte Weltwunder“

Sie wirkt, als hätte er in Wahrheit zwei Leben hinter sich, eines im Osten und eines im Westen, und die Rückkehr nach Rumänien, das wäre jetzt das dritte Leben des Stelian Moculescu. Die Essenz dieser Geschichte will er nun, da sich der Kreis für ihn geschlossen hat, an andere weiterreichen. Um ihnen die Chance zu geben, davon zu profitieren, so, wie er damals in Deutschland von seiner Ausbildung in Rumänien profitiert hat. „Das Leben hat es gut gemeint mit mir“, sagt er. „Ich will ein bisschen was von dem, was mir der Volleyball gegeben hat, zurückgeben.“

Vor drei Wochen hat die stolze Volleyballnation Rumänien, einst Europameister (1963), WM-Zweiter (1956 und 1966) und Olympia-Dritter (1980) und 2008 chancenloser Prügelknabe in der EM-Qualifikation, völlig überraschend die zweite Qualifikationsrunde für die Weltmeisterschaft 2010 in Italien überstanden. Danach übertrug das rumänische Fernsehen sogar die Ankunft der Mannschaft auf dem Flughafen in Bukarest. Nun spielt das Team im August gegen den Olympia-Fünften Serbien, Europameister Spanien und Estland um die endgültige Teilnahme an der WM. Die ersten beiden der Vierergruppe sind dabei. Es wäre wie ein neuer Titelgewinn für den rumänischen Volleyball. „Effektiv“, sagt Moculescu, „haben wir da keine Chance. Wenn wir das schaffen, wäre es das achte Weltwunder.“

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Jahrgang 1970, Sportredakteur.

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