02.08.2005 · Stabhochsprung ist gefährlich, aber deshalb auch so reizvoll. Annika Becker hat dies leidvoll erfahren müssen. Nach einem schweren Trainingsunfall hat sie Angst vor dem Sprung in die Höhe. Deshalb wechselte sie die Disziplin.
Von Daniel SchleidtDie beiden einstigen Trainingspartnerinnen standen nicht weit voneinander entfernt. Vor etwa einem Monat, bei den deutschen Leichtathletikmeisterschaften in Wattenscheid, bereiteten sich die beiden ehemaligen Teamkolleginnen auf ihre Sprünge vor. Auf der einen Seite des Stadions stand Carolin Hingst, einen Stab in den Händen, um die nächste Höhe zu meistern, lief an, sprang ab und überquerte die Latte.
Nur wenige Meter weiter bereitete sich Annika Becker, mit dem Rücken zur Stabhochsprung-Anlage gewandt, auf ihren Einsatz vor. Mit leeren Händen. Auch sie lief an, sprang ab, und landete etwas mehr als sechs Meter weiter weich in der Sandgrube. Annika Becker, 2003 beim Stabhochsprung Zweite bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Paris, springt noch. Aber inzwischen springt sie weit, nicht mehr hoch. Der Grund: Angst.
„Der Unfall hätte auch tödlich ausgehen können“
Es war am 8. Februar 2004. Annika Becker absolvierte ihr Training. Ein Training wie jedes andere, ein Sprung wie jeder andere: Sie nahm Anlauf, stach den Stab in den Kasten, sprang ab. Das Sportgerät aus Glasfiber spannte sich. Dann, in einem Bruchteil einer Sekunde, geschah das, was das Leben der Stabhochspringerin mit Weltklasseformat veränderte: Der Stab brach, Annika Becker fiel auf den Kopf, verletzte sich im Halswirbelbereich. „Der Unfall hätte auch tödlich ausgehen können“, sagt Herbert Czingon, Bundestrainer der Stabhochspringerinnen.
Annika Becker wurde körperlich wieder gesund. Was blieb, war die Angst. Im April 2004 trainierte sie wieder, sprang in Wettkämpfen. An den Punkt, wo der Stab die volle Biegung erreicht, um sie daraus nach oben zu katapultieren, traute sie sich nicht mehr heran. Die Studentin, mit übersprungenen 4,77 Meter immer noch nationale Rekordhalterin, kam über 4,20 Meter nicht mehr hinaus. Im Juni 2004 beendete sie ihre Stabhochsprung-Karriere, seither versucht sie sich als Weitspringerin.
Zwei Drittel der Athleten fürchten sich
Ein Stab bricht nur selten. „Ich sehe viele Sprünge, aber Brüche erlebe ich nur zwei, drei Mal im Jahr“, behauptet Czingon. „Solch ein Schockerlebnis muß man verarbeiten“, sagt Walter Wölfle, der als Sportpsychologe beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) Athleten betreut, auch Stabhochspringer. Denn mit Angst könne kein Stabhochspringer gute Leistungen bringen. Die Angst bei Stabhochspringern ist weit verbreitet. Zwei Drittel aller Athleten dieser Disziplin, sagt Walter Wölfle, hätten einer Studie zufolge schon einmal Furcht vor dem Sprung gehabt. Doch die meisten verarbeiten dieses Problem.
„Man muß sich damit auseinandersetzen, mit Kollegen, Freunden oder der Familie darüber reden“, so Wölfle. Setzt die Angst, so wie Annika Becker, nach einem Unfall ein, so ist es notwendig, den Sprung oder zumindest das betroffene Element, möglichst schnell zu wiederholen. „Wenn ein Skispringer stürzt, muß er am besten am selben Tag noch mal springen, sonst verliert er das Vertrauen.“ Annika Becker konnte nach dem Trainingsunfall nicht sofort wieder springen. Sie war sogar bis zur medizinischen Versorgung eine gewisse Zeit im Ungewissen ob der Folgen des fatalen Sturzes. „So etwas kann zu einem Trauma führen“, meint Wölfle.
Professionelle Unterstützung gefragt
„Stabhochsprung, das ist ein Spiel mit dem Risiko, das macht zu einem Teil auch den Reiz aus“, stellt Trainer Czingon fest. Normalerweise denke sie gar nicht über die Gefahren nach, sagt Carolin Hingst, die bei der am kommenden Wochenende beginnenden Leichtathletik-WM in Helsinki als Medaillen-Hoffnung für den DLV gilt. „Man denkt zwar daran, geht aber nicht ins Detail. Denn das macht einen doch nur verrückt. Und mit solch einer Angst kann man einfach nicht springen.“
Der Grat zwischen dem Reiz der Höhe und der Sorge um die Gesundheit ist schmal. Plötzlich kann der Nervenkitzel beim Sprung von einer gefährlichen Angst, die Vorfreude auf das Fluggefühl, von dem Stabhochspringer schwärmend berichten, von einer unkontrollierbaren Panik verdrängt werden. Eine gewisse mentale Stärke kann dazu führen, die Angst aus dem Kopf fernzuhalten. „Manche Menschen haben diese Stärke einfach, andere haben hier Lernbedarf“, sagt der Psychologe Wölfle. Doch viele Sportler trauen sich nach wie vor nicht, ihre mentalen Fähigkeiten ebenso zu trainieren wie die körperlichen. Das ist von Sportart zu Sportart, von Trainer zu Trainer verschieden. Im Fußball war Mentaltraining lange Zeit verpönt, wird aber auch hier langsam hoffähig. Auch in der Leichtathletik greifen viele Athleten inzwischen auf professionelle Unterstützung zurück, um sich in diesem Bereich zu trainieren.
„Irgendwann fängt es wieder an zu kribbeln“
Stabhochsprung ist die gefährlichste Disziplin in der Leichtathletik. Doch meist gehen die Stürze glimpflich ab. Aber eben nur meistens. Ende 2002 verloren drei junge Sportler in unterschiedlichen Trainingsunfällen beim Stabhochsprung ihr Leben. In amerikanischen Colleges ist es seitdem Vorschrift, einen Helm zu tragen. Toby Stevenson, in Athen 2004 Silbermedaillengewinner bei den Olympischen Spielen, springt als einziger Profi nur noch mit Helm. Er ist inzwischen sein Markenzeichen geworden; in Helsinki gilt Stevenson als einer der Favoriten auf den Titel.
Annika Becker wird in der finnischen Hauptstadt nicht starten. Sie möchte Abstand gewinnen, nicht mehr über das Thema reden. Sie will es alleine schaffen. „Möglich ist das schon“, glaubt Walter Wölfle. Ohne professionelle Hilfe sei der Weg zur Lösung des Problems länger, aber dennoch zu bewältigen. Solange versucht sich Annika Becker im Weitsprung: Die Erfurterin wurde bei den deutschen Meisterschaften in Wattenscheid mit 6,22 Metern Sechste. Das ist respektabel, aber international nicht konkurrenzfähig. „Bei uns wäre sie sicher dabei gewesen“, sagt Herbert Czingon.
Doch weder er noch Trainingskollegin Carolin Hingst wollen sie unter Druck setzen. „Ich kann sie gut verstehen“, sagt Carolin Hingst. Sie selbst hatte einst einen Autounfall - und brauchte zwei Jahre, um sich wieder hinter das Steuer setzen zu können. „Sie fehlt uns hier“, sagt Czingon. Sportlich sowieso, „aber auch wegen ihrer Persönlichkeit“. Carolin Hingst, einzige deutsche Stabhochspringerin bei der WM, traut ihr die Rückkehr zu. „Es wird sicher nicht einfach“, sagt sie, „aber ich glaube, irgendwann fängt es wieder an zu kribbeln.“