31.07.2010 · Valerij Bauer, Entdecker von Sprint-Europameisterin Verena Sailer, erfindet Methoden und Geräte für die Übungsstunden selbst. Das geht vom Hinke-Lauf bis zum Oberschenkelrückseiten-Stärker. Der Frauen-Beschleuniger im Gespräch mit Michael Reinsch.
Wie haben Sie Verena Sailer eigentlich entdeckt?
Ich bin in Kempten auf dem Weg zur Arbeit jeden Tag am Stadion vorbei gekommen. Weil mir langweilig war, bin ich rein gegangen und habe angeboten, Übungsleiter zu werden. Das ist jetzt zehn Jahre her. Ich habe eine ganze Gruppe übernommen. Da war Verena drin, als Weitspringerin.
Sie haben sie zur Sprinterin gemacht?
Es hat zwei Jahre gedauert, bis sie umgestiegen ist. Sie hätte auf Dauer die Kompressionsbelastung der Wirbelsäule nicht ausgehalten.
Sie trainieren „innovativer“ als andere. Was heißt das?
Wir haben in Kempten angefangen in einer Halle, die für das Wintertraining von Leichtathleten eigentlich nicht geeignet ist. Dort mussten wir sechs Monate trainieren. Als Ersatz für Tempoläufe habe ich mir sogenannte asymmetrische Läufe überlegt. Das ist wie ein Hinke-Lauf. Ein Bein bleibt gestreckt, mit dem anderen macht sie die volle Lauf-Amplitude.
Verena Sailer hinkt also durch die Sporthalle, als hätte sie ein Holzbein?
Und zwar zwei Mal wöchentlich. Wir haben das auch nach den Umzügen nach Fürth und Mannheim beibehalten und weiterentwickelt. Mit diesem Training kann sie eine viel höhere Schrittfrequenz erreichen als im Wettkampf. Das ist lustig, und es funktioniert.
Stimmt es, dass Sie eigene Kraftmaschinen gebaut haben?
Das sind sehr spezifische Geräte zum Beispiel für die Stärkung der Oberschenkelrückseite. Ich habe sie entworfen und geschweißt.
Verena Sailer hat nicht solche Muskelberge wie andere Sprinterinnen. Warum nicht?
Man braucht keine Muskelberge. Ich versuche Dysbalancen zu vermeiden. Wenn wir den Strecker trainieren, trainieren wir immer auch den Beuger. Das ist nicht die traditionelle Methode.
Warum laufen 71 schwarze Sprinter unter zehn Sekunden und nur ein weißer?
Ich glaube, dass die Trainingsbedingungen den Unterschied machen. Sonne hilft immer. Der Körperbau der besten Sprinter weist längere Hebel auf, das ist ein Vorteil. Und die Muskulatur von schwarzen Sprintern spricht auf Training besser an als die von weißen. Manchmal laufen schwarze Sprinter genauso schnell wie die weißen. Manchmal laufen sie schneller. Talent und die Zusammensetzung von schnellen und langsamen Muskelfasern sind auch bei Weißen vorhanden.
Was bringt Verena Sailer mit?
Sie ist speziell talentiert im Kopf. Wenn ein anderer Sprinter drei, vier Tage vor dem Wettkampf beginnt, sich zu konzentrieren, würde ich sagen, dass er sich verbrennen wird. Verena konzentriert sich immer mehr, und am Ende hört sie dann nur noch meine Worte.
Auch der Stabhochspringer Tobias Scherbarth, ihr Freund, dringt nicht durch?
Er versucht es erst gar nicht.
Verena ist 1,66 Meter groß. Hat sie günstige Hebel?
Man kann das Verhältnis von Schrittfrequenz und Schrittlänge optimieren. Größe spielt keine Rolle. Sie macht 53 Schritte auf hundert Metern.
Wo ist die Grenze für Verena Sailer?
Wer kann das wissen? Vor fünf Jahren habe ich ihr eine Zeit um 11,20 Sekunden zugetraut. Jetzt schätze ich, dass sie die magischen elf Sekunden erreichen kann, wenn sie einen Meter Rückenwind pro Sekunde hat. Ich sehe, wo wir noch ein bisschen arbeiten können, da und dort. Das hat ja auch der Finallauf gezeigt.
Welche Schwächen hat sie denn Ihrer Ansicht nach?
Wie alle Frauen. Beim Aufwärmen vor dem Halbfinale wollte ich eine Kleinigkeit verbessern, und sie fragt: Bin ich so schlecht? Vor dem Finale sage ich: Du machst das jetzt Klasse. Sagt sie: Gibt's nichts zu verbessern?
Was verbindet die Sprint-Europameister Verena Sailer und Christophe Lemaitre?
Ihr Laufstil ist etwas ähnlich. Auch Lemaitre war nicht so schnell bei der Beschleunigung. Aber im fliegenden Bereich, ab vierzig Meter, da sind Verena und er unschlagbar.
Schließen die Europäer auf zu den Sprintern aus Übersee?
In Europa und insbesondere in Deutschland wird seit zehn, zwölf Jahren konsequent gegen Doping gekämpft. Dadurch sind wir methodisch weiter als die Länder, die immer noch dopen oder erst vor kurzem damit aufgehört haben.
Wächst dieser Vorteil in dem Maße, in dem die internationale Dopingbekämpfung, etwa auf Jamaika, fortschreitet?
Da kann ich nur Ja sagen. Ich schätze, dass sie auf Jamaika methodisch nicht viel besser sind als wir.