16.01.2006 · Im Prozeß gegen Thomas Springstein hat die Sprinterin Anne-Kathrin Elbe ihre schwerwiegenden Aussagen gegen den ehemaligen Leichtathletik-Trainer wiederholt. Er soll die damals 16jährige mit Dopingmitteln versorgt haben.
Von Michael Reinsch, MagdeburgAm Montag hat vor dem Amtsgericht Magdeburg die Leichtathletin Anne-Kathrin Elbe ausgesagt, von ihrem Trainer Thomas Springstein zwei Mal Rationen des Dopingmittels Andriol erhalten zu haben. Die damals Sechzehnjährige sagte im Prozeß gegen Springstein aus, im April 2003 im Trainingslager in Orlando in Florida und einen Monat später im Trainingslager in Zinnowitz an der Ostsee jeweils ein Glas mit weißen und braunen Pillen bekommen zu haben. Die braunen wurden als Mittel mit dem muskelbildenden männlichen Sexualhormon Testosteron identifiziert.
Nach Aussage der Zeugin erhielten mindestens zwei weitere Nachwuchssportlerinnen die Dopingmittel, die ebenfalls als Zeuginnen geladenen Anja-Maria Lehmann und Julia Lesse aus der Trainingsgruppe von Springstein. Der stets umstrittene Coach, bekanntgeworden als Trainer von Katrin Krabbe und Grit Breuer und als solcher in deren Dopingskandale verwickelt, bestreitet den Vorwurf.
Ist „G.“ Grit Breuer?
In der Verhandlung wurden auch verschiedene E-Mails verlesen, die bei der Durchsuchung von Springsteins Haus in Gerwisch bei Magdeburg - neben einer Vielzahl von Dopingmitteln - beschlagnahmt wurden. Darin geht es unter anderem um die Anwendung von anabolen Steroiden, um Wachstumshormon und Blutdopingmitteln in der Trainingsplanung von Frauen. Mittels Testosteronpflastern etwa sei ein optimaler Testosteronspiegel zu erhalten. Dabei schrieb Springstein immer wieder vom Gesundheitszustand und von der Saisonplanung von „G.“ Es wurde sogar, noch präziser, eine vom Absender namens Pereita unter dem Betreff „Comeback G.B.“ gesandte Mail zitiert.
Somit ist Grit Breuer, die Lebensgefährtin und erfolgreichste Athletin von Springstein, unversehens ebenfalls präsent im Gerichtssaal - obwohl sie mit dem Verfahren zunächst nichts zu tun hat. Sie hat Anfang des Jahres ihre leistungssportliche Karriere beendet. Auch eine Bestellung von unter anderem Insulin und Wachstumshormon fand sich in Springsteins Computer. Sein E-Mail-Adresse lautete auf „Top Speed“. Einer seiner Berater, eben jener Dr. Pereita, nannte sich „Top Doc“. Bei einem anderen Berater handelt es sich um den im niederländischen Eisschnellauf bekannten Arzt Berend Nikkels.
Ein großes Glas mit Pillen
Ebenfalls nicht Gegenstand des Verfahrens sind die „blauen Kapseln“, die Springstein nach Darstellung von Anne-Kathrin Elbe während des Trainings an der Sprint- und Laufschule Magdeburg regelmäßig aus seiner Gürteltasche genommen und den Sportlerinnen verabreicht haben soll. Nicht wenige der sportkundigen Besucher des Prozesses fühlten sich an die Dopingpraxis in der DDR erinnert, als blaue Pillen lose und unter Aufsicht von Trainern vergeben wurden. Bei den von Springstein verabreichten Medikamenten soll es sich allerdings nicht um das Steroid Oral-Turinabol, sondern um einen Laktathemmer gegen Muskelkater gehandelt haben.
Anne-Kathrin Elbe, die inzwischen vom SC Magdeburg zu Bayer Leverkusen gewechselt ist, beschrieb, daß Springstein in den Trainingslagern während des Auslaufens nach dem Training die Sportlerinnen einzeln zu sich rief und ihnen aus einem schwarzen Aktenkoffer ein großes Glas mit Pillen gab, auf das lediglich die Dosierungsanleitung geschrieben war. Die Zeugin gab an, sich höchstens ein Mal daran gehalten zu haben und die Medikamente ansonsten weggeworfen zu haben. Selbst das habe sie schließlich vergessen und deshalb aus Zinnowitz einige der Pillen mit nach Hause gebracht. Vierzehn Monate später, im Juli 2004, ließ sie mittels einer Freundin dem Nachwuchs-Bundestrainer Thomas Kremer zwei der Pillen übergeben. Wenig später erstattete der Deutsche Leichtathletik-Verband Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Magdeburg.
Die Beweise legen den Verdacht nahe, daß Springstein massiv dopte. In seinem Haus wurden zwanzig verschiedene Substanzen beschlagnahmt, darunter allein fünf verschiedene Steroide sowie Wachstumshormon, Insulin und das Schwangerschaftshormon Gonadotropin. Gegenstand des Verfahrens ist aber lediglich die Abgabe von Andriol an drei minderjährige Mädchen sowie die Verabreichung von Spritzen gegen eine Sehnenentzündung als unberechtigte Ausübung des Heilberufes.