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Hans Günter Winkler ist tot : Hallas Reiter

Hans Günter Winkler 1956 in Stockholm mit Halla. Bild: dpa

Hans Günter Winkler ist der erfolgreichste Springreiter der olympischen Geschichte – und einer der großen Legenden des deutschen Wiederaufbaus. Nun ist er im Alter von 91 Jahren gestorben.

          Vor fast zwei Jahren wurde Hans Günter Winkler auf dem berühmtesten Turnierplatz der Welt, in der Aachener Soers, mit einer Zeremonie zu seinem 90. Geburtstag geehrt. Es war nicht leicht, ihn wiederzusehen, wie er so gebeugt und sichtlich gealtert am Arm von Bundestrainer Otto Becker das Stadion betrat, den großen Schauplatz seines Lebens im Pferdesport. So viele Jahre war er bolzengerade durchs Leben gegangen, Vertreter einer nüchternen, autoritären, unbeugsam scheinenden Generation. Winkler war ein stilprägender Springreiter, ein harter Bursche, ein Praktiker, dessen wichtigste Lebensschule der Zweite Weltkrieg und die Nachkriegszeit gewesen waren. Sein Vater fiel in den letzten Kriegstagen an der Westfront, er selbst wurde gegen Ende des Krieges eingezogen und als Flakhelfer in Thüringen eingesetzt. Zu Fuß kehrte der Neunzehnjährige aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause zurück, wo seine Mutter Emmi ausgebombt war. Er habe auf seinem Heimweg Wasser aus Pfützen trinken müssen, erzählte er einmal.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Winkler war davon überzeugt, dass ihm nichts geschenkt würde im Leben, und nach dieser Maxime lebte er. „Erfolg heißt, von allem immer ein bisschen mehr tun“, sagte er. So ging er seinen langen Weg, der in der Frankfurter Reitschule seines Vaters begann, der durch die furchtbaren Jahre der Angst und Ernüchterung führte, später auf die Siegespodeste dieser Welt und schließlich bis in die weichen Polster der VIP-Logen. Viermal war Winkler verheiratet. Seit 2011, als seine letzte, 34 Jahre jüngere Frau Debbie bei einem Reitunfall tödlich verunglückte, lebte er allein in Warendorf. In der Nacht zum Montag starb Hans Günter Winkler, gut zwei Wochen vor seinem 92. Geburtstag. Damit verliert der deutsche Sport eine seiner letzten großen Legenden aus der Zeit des Wiederaufbaus, der Ära, in die auch das „Wunder von Bern“ gehört und das „Wir sind wieder wer.“

          Winkler wusste, was er wollte, als das Leben für ihn neu begann: Ein erfolgreicher Springreiter werden. Und nie mehr arm sein. 1955 wurde er in Aachen zum ersten Mal Weltmeister – Fußball-Kapitän Fritz Walter schickte ihm ein Gratulationstelegramm. Ein Jahr später, am 17. Juni 1956, wurde er zu dem Winkler, wie man ihn bis heute kennt. Halla war es, die ihn beim olympischen Turnier in Stockholm zum Denkmal machte, eine clevere Stute, die eigentlich als „unreitbar“ gegolten hatte, und nun für ihren Reiter kämpfte.

          Hans Günter Winkler (1926-2018)

          Die Geschichte, die er immer wieder erzählen musste, geht so: Am vorletzten Hindernis der ersten Finalrunde verletzte sich Winkler. Er erlitt eine schmerzhafte Zerrung in der Leiste. Eigentlich konnte er nicht mehr reiten. Doch es ging nicht nur um Gold in der Einzelwertung, sondern auch mit der Mannschaft. Ein Tierarzt gab Winkler ein ominöses „Riesenzäpfchen“, das ihn aber so sehr betäubte, dass er nichts mehr sehen konnte. Dagegen wurden ihm größere Mengen schwarzen Kaffees eingeflößt. Er stieg aufs Pferd, konnte Halla in der zweiten Runde aber nur noch den Weg weisen. Das tapfere Pferd überwand trotzdem alle Hindernisse fehlerfrei. „Auf dem Flachen war das Reiten ja noch erträglich“, erzählte Winkler. Aber über jedem Sprung schrie er vor Schmerz. Halla gelang die einzige fehlerfreie Runde des Tages. Diese braune Stute war kein leistungsorientiertes Zuchtprodukt, wie man sie heute im Sport kennt, mehr ein Kind des Zufalls – ihre Mutter war eine französische Beutestute namens Helene. „Sie war wie ein Straßenköter“, sagte Winkler. „Sie konnte alles, inklusive Zeitung holen.“ Eine Statue von Halla, die das stolze Alter von 34 Pferdejahren erreichte, steht vor der deutschen Reiterzentrale in Warendorf, in deren Nähe er viele Jahre zuhause war.

          Die Namen Winkler und Halla gehören untrennbar zusammen. Aber seine großen internationalen Erfolge hat er nicht nur mit ihr, sondern mit sieben Pferden errungen. Winkler gewann fünf olympische Goldmedaillen, dazu einmal Silber und einmal Bronze. Bis heute ist er damit der erfolgreichste Springreiter der Geschichte. Dazu kommen zwei Weltmeister- und ein Europameistertitel. Dreimal gewann Winkler den Großen Preis von Aachen. Zweimal wurde er Sportler des Jahres. Mit einer Ehrenrunde beendete der fast sechzigjährige Winkler seine Karriere – auch diesmal in Aachen, bei der Weltmeisterschaft 1986.

          Winkler hatte durch seine Sportkarriere reiche, adelige und einflussreiche Menschen in aller Welt kennen gelernt und baute darauf eine Karriere als Unternehmer auf. Er wurde Berater von Firmen, die sich im Reitsport als Sponsor engagierten. Zuvor hatte er ein Intermezzo als Bundestrainer gegeben. Gemeinsam mit Herbert Meyer führte er die deutsche Equipe bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul zur Goldmedaille. Winkler veranstaltete Turniere und trat in verschiedenen Rollen als Förderer des Springreiter-Nachwuchses auf. Zusammen mit seiner Frau Debbie betrieb er außerdem in Warendorf einen Turnierstall. Zuletzt verließ ihn das geschäftliche Glück, und doch schaute er vor zwei Jahren in Aachen gerührt auf sein langes Leben zurück: „Ich bin und bleibe euer dankbarer Hans Günter Winkler.“

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