12.11.2007 · Die Wachstumsexplosion der Sportwetten im Internet hat auch Betrügern Tür und Tor geöffnet. Der organisierte Sport wehrt sich gegen die schmutzigen Angriffe der Wettmafia - oft vergeblich. Ist die Welt der Wetten noch zu retten?
Von Michael AshelmFür Zocker ist Tennis ein interessantes Betätigungsfeld. Die schwierige 50:50-Vorhersage auf den Ausgang einer Partie verspricht lukrative Gewinne. Zudem bieten einige Buchmacher an, während eines Spiels über die sogenannte Live-Wette den Favoriten permanent zu wechseln. Im boomenden Geschäft der Sportwetten gehört die professionelle Tennis-Tour deshalb zu einem wichtigen Zielmarkt. Über die Börse Betfair wurden im Sommer pro Monat mehr als 70 Millionen Wetten im Tennis abgeschlossen - und jedesmal fällt für den Vermittlungsdienst eine schöne Provision ab.
Doch je anfälliger Sportler und ihr Umfeld für Manipulationen sind, desto leichter fällt auch der Missbrauch. Dass die besten deutschen Tennisspieler in diesen Tagen so überrascht reagieren auf die vielen Gerüchte auf der Profi-Tour, mag Insider verwundern, zumal um sie herum immer öfter von unmoralischen Angeboten berichtet wird. Zudem ist es kein Geheimnis mehr, dass organisierte Banden den Sport als Spielfeld für Wettmanipulationen ins Visier genommen haben. „Man muss einfach wissen: Es gibt weltweit agierende Netzwerke, die über kriminelle Energie verfügen“, sagt Mark Mittasch von Betradar. Das Unternehmen ist mit seinem Frühwarnsystem Marktführer, überwacht Wettquoten im Auftrag von mehr als 200 Kunden rund um die Welt.
Halbseidene Wetten auf halbprofessionelle Ligen
Der Trend bei Online-Wetten im Internet und die Schwemme im Satellitenfernsehen mit Übertragungen von Sportveranstaltungen aus allen Ecken dieser Welt haben zu einer Wachstumsexplosion der Sportwetten geführt. Hinzu kommt die rege Wettleidenschaft in Fernost - Geldströme drücken nach Europa, Wettanbieter handeln sekundenschnell über die Kontinente hinweg mit Quoten. „Spannend wird es, wenn an Spieltagen die asiatischen Buchmacher öffnen und auf einmal viel Geld in den Markt kommt. Dort gibt es keine Scheu, hohe Beträge auf Wetten anzunehmen“, sagt Mittasch.
Ein schwer durchschaubares Geschäft: Aus Schutz vor Manipulationen zwielichtiger Wetter arbeiten viele Buchmacher inzwischen mit niedrigeren Limits. Aber auch die können durch viele Einsätze bei vielen Wettanbietern umgangen werden. Auf dem Markt wecken kleinste Tennisturniere oder Partien aus halbprofessionellen Fußball-Ligen von Vietnam bis Kolumbien das Interesse des globalen Wetters. So schnell der Markt gewachsen ist, so sehr kämpfen die Wettanbieter und der Sport nun um ihre Integrität, wenn mal wieder Manipulationen ans Licht kommen. Der Deutsche Fußball-Bund musste im Fall des Bundesliga-Schiedsrichters Hoyzer eine bittere Lektion lernen.
Die Sportunterhaltungsbranche ist anfällig
Verdachtsmomente im Fußball gibt es weiterhin, nicht unbedingt in Deutschland, aber auch hier. Im September war es anlässlich der Regionalligapartie zwischen dem SSV Reutlingen und TSV München 1860 II zu auffälligen Aktivitäten auf dem Wettmarkt gekommen. Betradar merkte auf, musste aber nicht „Roten Alarm“ auslösen. Die Firma wacht für den DFB, die Europäische Fußball-Union und berät auch den Internationalen Fußball-Verband, der eine eigene Abteilung zur Abwehr von Wettmanipulationen gegründet hat.
Betradar gibt keinen Kommentar ab, wie oft die höchste Warnstufe vorkommt. Eines scheint sicher: Die moderne Sportunterhaltungsbranche ist anfällig für Wettbetrügereien aller Art. Sie könnten zu einer ebenso gefährlichen wie unkontrollierbaren Seuche werden wie das Doping.
Spielerikone als Bandenchef entlarvt
Fußball, Tennis, Cricket, Rugby, Pferderennsport - es gibt genug Grund zur Besorgnis. Zuletzt kam auch die nordamerikanische Basketball-Liga in die Schlagzeilen, als ein bekannter Schiedsrichter zugab, auf die von ihm geleiteten Spiele gewettet zu haben. Die Verläufe der Partien werden nun nachträglich überprüft, womöglich gibt es weitere Verwicklungen. Übelste Erfahrungen mit geschobenen Spielen, Wettbetrügern unter Athleten und Gangstersyndikaten macht das im Commonwealth und in der angelsächsischen Welt populäre Cricket.
Ein abschreckendes Beispiel, aber wohl keine Ausnahme im globalen Sport, wie der Chef der Anti-Korruptions-Einheit des Internationalen Cricket-Verbandes findet. „Ich glaube nicht, dass sich die schmutzigen Geschäfte auf diesen Sport beschränken“, so Lord Condon. Immer wieder sind im Cricket Spieler und sogar Stars des Sports wie der Australier Shane Warne wegen Manipulationen oder Weitergabe von Insiderwissen an kriminelle Wettringe meist aus Indien oder Pakistan bestraft worden.
Weltweite Manipulationsmafia
Ihren bislang spektakulären Höhepunkt fand die Krise des Cricket zur Jahrtausendwende, als die allseits beliebte südafrikanische Spielerikone Hansie Cronje als Bandenchef entlarvt und lebenslang gesperrt worden war. Vor fünf Jahren kam er unter mysteriösen Umständen beim Absturz mit seinem Flugzeug ums Leben. Als bei der Cricket-WM in diesem Jahr in der Karibik der Trainer der ausgeschiedenen Pakistaner tot im Hotelzimmer aufgefunden wurde, gingen die Ermittler erst von Mord aus. Dass die Wettmafia ihre Hände im Spiel hatte, bestätigt sich allerdings in diesem Fall wohl nicht.
Trotzdem bleibt der Cricket-Sport suspekt. Laut Lord Condons jahrelangen Investigationen lebt es sich im Schattenreich einflussreicher Betrügerbanden, Geldwäscheorganisationen und manipulationswilliger Spieler gefährlich. In den Berichten ist von Morden die Rede, von Lebensgefahr für Mitwisser in dem illegalen Milliarden-Geschäft.
Wetten verboten für Athleten
Dagegen muten die aktuellen Verdachtsmomente im Tennis wie Lausbubenstreiche an. Verbände und Wettanbieter, beide gleichsam abhängig von seriösem Gebaren, sind trotzdem wachgerüttelt. Das Internationale Olympische Komitee, so erfuhr diese Zeitung, hat die Wettproblematik eilig auf die Agenda bei der nächsten Exekutivsitzung im Dezember gesetzt. Die Spiele von Peking 2008 sollen manipulationsfrei ablaufen, zumal sie auf „heißem“ Pflaster stattfinden.
Allein 60 Milliarden Dollar sollen während der Fußball-WM 2006 abseits jeglicher Kontrollen auf dem chinesischen Wettmarkt umgesetzt worden sein, obwohl im Land Wetten offiziell verboten sind. Hier und da steckt kriminelle Energie dahinter, wie auch die vielen Manipulationsfälle in den chinesischen Sportligen beweisen. Dass den Athleten während Olympia das Wetten verboten ist, dürfte für das IOC jedenfalls im Abwehrkampf nicht zielführend sein. Dafür ist das illegale Gewerbe einfach zu angriffslustig.