05.12.2003 · "Wenn nicht sofort gehandelt wird", sagt Petra Roth, die Präsidentin des Deutschen Städtetages, "droht im nächsten Jahr ein beispielloser Kahlschlag bei den kommunalen Dienstleitungen." Nun ist längst klar: Die Krise in den kommunalen Haushalten ist auch eine Krise des Sports.
Von Anno HeckerWer nicht zahlt, bleibt draußen. Das hatte sich die thüringische Stadt Jena im Frühjahr ausgedacht und 95 Sportvereine aufgefordert, künftig für die Nutzung der städtischen Sportanlagen 250000 Euro pro Jahr hinzublättern. Den Beschluß des Stadtrates, rechtswirksam ausgerechnet zum 1. April, hielt der Präsident des Landessportbundes, Peter Gösel, für einen schlechten Scherz: Eine "Abzocke" des Sports zur Konsolidierung des Haushalts wollte er sich nicht gefallen lassen. Zumal im Thüringer Sportfördergesetz die kostenlose Nutzung der Anlagen festgeschrieben ist. Allerdings macht das Kleingedruckte dies Versprechen zur Floskel: Es gilt nur "unter Berücksichtigung der Haushaltslage". Und die ist in den Kommunen landauf, landab gelinde gesagt katastrophal.
"Wenn nicht sofort gehandelt wird", sagt Petra Roth, die Präsidentin des Deutschen Städtetages, auch mit Blick auf den Sport, "droht im nächsten Jahr ein beispielloser Kahlschlag bei den kommunalen Dienstleitungen." In Rheinland-Pfalz war schon vor einem Jahr angesichts von Mittelkürzungen die Rede vom "K.-o.-Schlag für die Vereine". Nun ist längst klar: Die Krise in den kommunalen Haushalten ist auch eine Krise des Sports.
Blätternde Farbe, bröselnder Putz, bald unzumutbar verschmutzte Böden oder sanitäre Anlage belegen den Trend im Land der Sportstätten. Von den rund 36000 Sporthallen, 33 000 Sportplätzen und 3500 Hallenbädern müssen in den nächsten fünf Jahren bundesweit 55 Prozent (70 Prozent im Osten, 40 im Westen) renoviert oder gar saniert werden. Das geht aus einer Schätzung der Sportamtsleiter hervor. Wer soll das bezahlen? Der Bund fühlt sich nur für den Spitzensport verantwortlich, obwohl nahezu jeder Olympiasieger seine ersten Schritte auf dem Weg zur Goldmedaille in einem Sportverein macht. Zu etwa 80 Prozent finanzieren Länder und Kommunen den Breitensport - immer noch die Basis jeder Spitzenleistung. Als Gegenleistung, das wird der Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB), Manfred von Richthofen, auf dem Hauptausschuß an diesem Samstag in Frankurt erklären, leistet der Sport unbezahlbare Sozial- und Gesundheitsarbeit. Nun drohen ihm die Voraussetzungen wegzubrechen.
Not schafft Gemeinschaft. Selten zuvor kamen sich der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Wohlfahrtsverbände und der DSB so nahe wie in den vergangenen Monaten. Um ihrer Forderung nach einer Gemeindefinanzreform zum 1. Januar mehr Gewicht zu verleihen, schlossen sie im November ein "Bündnis für sichere Kommunalfinanzen". "Der Sport braucht finanziell starke Kommunen", sagt Richthofen, "weil sie sich andernfalls nach und nach aller freiwilligen Aufgaben entledigen." Der Frust an der Basis, das schwant der deutschen Sportführung, wächst. Wie aber soll das Heer der Ehrenamtlichen bei Laune gehalten werden, wenn die Signale irritieren? Während der Goldene Plan Ost (F.A.Z. vom 4. Dezember) - das Sportstättenaufbauprogramm für die neuen Länder - mehr oder weniger gescheitert ist, hat der Spitzensport kaum Abstriche hinzunehmen. Dabei scheint die Interessenlage klar: 60 Prozent der Deutschen treiben Sport, allein 3 Prozent sind Hochleistungsathleten.
Zweifellos ist der bundesdeutsche Sport mit seiner Prämisse "Sport für alle" noch weit entfernt von der Rückentwicklung zum Elite-Modell "Sport für Sieger" a la DDR. Noch kann jeder schwimmen gehen, wann es ihm paßt, und den Eintritt zahlen. Allein sportpolitische Erfolge beim Verteilungskampf aber werden das Grundproblem nicht lösen. Deshalb müssen die Vereine aktiver werden. Seit zwei Jahrzehnten macht der Essener Sportbund vor, wie man Sport in Ansätzen privatwirtschaftlich organisieren kann, ohne dem Sportler tief in die Tasche zu greifen. Längst sind andernorts vergleichbare Initiativen entstanden und weiterentwickelt worden. Größere Vereine übernahmen Bäder, Hallen oder stillgelegte Industriegebäude von den Kommunen, bauten um und führen sie mit einem Betriebskostenzuschuß in Eigenregie. Wer sich dort umschaut, entdeckt neben dem üblichen Programm eine andere Sportwelt: Jongleure, Rollerbladefahrer, Seiltänzer, Kletterer. "Die Anlagen sind den Bedürfnissen der Menschen angepaßt", sagt Hans Jägemann, Abteilungsleiter Umwelt und Sportstätten beim DSB. "Man muß verstärkt auf die Mitgliederentwicklung schauen und entsprechende Konzepte entwickeln."
Der Zulauf von Senioren und Kleinkindern zu den Vereinen wird sich auf die Sportstättenplanung auswirken. Für eine Rückenschulung braucht man keine Dreifachhalle. Ein Sportraum an der Ecke tut's auch: leichter erreichbar, leichter zu pflegen, leichter zu finanzieren. So hat der Essener Turnverein TVG Holsterhausen 1893 eine ehemalige Metzgerei in ein Aktivzentrum umgewandelt. Aerobic gibt's jetzt in der ehemaligen Wurstküche. Zwar nicht für einen "Appel und ein Ei", aber bezahlbar. Verabschieden muß sich der Breitensportler wohl von der hohen Unterstützung in den vergangenen Jahrzehnten. Ein Jahresbeitrag von etwa 65 Euro für zweimal Training pro Woche, für den Coach, ordentliche Bälle, bezahlte Schiedsrichter, warme Duschen ist wohl nicht zu halten. Vor diesem Hintergrund zeichnet der Potsdamer Sportsoziologe Jürgen Baur ein düsteres Bild: "Ich befürchte, daß eine Mehrklassengesellschaft im Sport entstehen wird. Es wird diejenigen geben, die sich den Sport, den sie gerne machen würden, nicht mehr leisten können, und diejenigen, die nach wie vor ins Fitneßstudio laufen."