26.12.2009 · Der Spitzensport ist zum zentralen Heldensystem der modernen Gesellschaft aufgestiegen und der einzige Sozialbereich, der real existierende Helden noch in einer akzeptierten Weise hervorbringen kann. Doch in dieser Sphäre lauert ständig Absturzgefahr.
Von Karl-Heinrich BetteHelden und Heldentum findet man heute meist nur noch in der Kommentierung von Sportereignissen. Einzelne Athleten oder Mannschaften wachsen in Wettkämpfen über sich hinaus, verzaubern das Publikum mit außeralltäglichen Leistungen und erhalten hierfür den öffentlichen Ritterschlag zum Helden. Liegt ein entsprechender Überraschungseffekt vor, werden die sportlichen Taten sogar als „Wunder“ gewürdigt und in Form von „Sommer-“ und „Wintermärchen“ nacherzählt.
Die Monopolisierung der Heldenrhetorik zugunsten des Sports verweist nicht nur auf dessen Möglichkeiten, Menschen über ihre Leistung zu profilieren und die Begeisterung breiter Massen zu mobilisieren; sie deutet auch auf Umbauprozesse in der Wahrnehmung des Helden in der Restgesellschaft hin. So können Politiker zu Helden werden - wenn sie das Medium der Macht erfolgreich für die Durchsetzung politischer Ziele einsetzen und hierfür kollektiven Beifall ernten. Skandale haben aber immer wieder zu einer Desillusionierung der politischen Prominenz geführt. Man denke nur an die zahlreichen Parteispenden- und Wortbruchaffären.
Bedeutungsverlust von Heldenfiguren in anderen sozialen Systemen
Auch die Religion ist im Medium des Glaubens prinzipiell heldenfähig. Religionshelden sind aber als Folge der gesellschaftlichen Modernisierung, besonders nach der Entzauberung durch die Wissenschaft und die negativen Erfahrungen mit religiös motivierten Kriegen und Auseinandersetzungen, auch nicht mehr das, was sie für die Menschen einmal waren. Ein ähnlicher Bedeutungsverlust von Heldenfiguren ist gegenwärtig in der Wirtschaft zu beobachten. Hier sind es erfolgreiche Unternehmer und Konzernführer, die prinzipiell im Heldenhimmel landen könnten. Aber die Heroen des Gelderwerbs und der Bedürfnisbefriedigung fallen im Zeitalter der Globalisierung eher dadurch auf, dass sie Arbeitsplätze abbauen oder sich bei Firmenzusammenschlüssen wechselseitig „goldene Handschläge“ verabreichen.
Auch die Wissenschaft lässt heroische Leistungen im Wahrheitsmedium durchaus zu. Wissenschaftler bevölkern den Heldenkosmos als Nobelpreisträger, gefeierte Erfinder oder namhafte Theoretiker - das breite Publikum bekommt davon aber nicht viel mit, weil wissenschaftliche Leistungen in einer Welt der Abstraktion stattfinden und nur von wenigen angemessen eingeschätzt werden können.
Letztlich hat auch das traditionelle Heldenrefugium der Nationalstaaten einen enormen Reputationsverlust hinnehmen müssen: das Militärsystem mit seinen Akteuren. Spätestens nach den kriegerischen Auseinandersetzungen des letzten Jahrhunderts und den Erfahrungen mit den Kollateralschäden einer asymmetrischen Kriegsführung besitzen Militärhelden keinen sonderlich hohen Status mehr.
Alltagshelden lösen in der Öffentlichkeit nur ein punktuelles Interesse aus, weil die Ursachen für ihre Hilfs- und Rettungsmaßnahmen entweder auf strukturelle Defizite des Wohlfahrtsstaates hinweisen - oder unerwünschte Unfälle und Katastrophen sie erst herausgefordert haben.
Die Sporthelden sind die profanen Götter der Neuzeit
Angesichts dieser Bedeutungsverschiebungen konnte der Spitzensport im letzten Jahrhundert zum zentralen Heldensystem der modernen Gesellschaft aufsteigen. Pointiert formuliert: In der Gegenwartsgesellschaft ist der Spitzensport der einzige Sozialbereich, der real existierende Helden noch in einer ungefährlichen und sozial weithin akzeptierten Weise hervorbringen kann. Eben weil der Spitzensport keine unverzichtbare Funktion für die Gesamtgesellschaft erbringt und im Bereich des Entbehrlichen angesiedelt ist, sind seine Hauptakteure in besonderer Weise offen für sozial harmlose und konsenserzeugende heroische Zuschreibungen.
Die Sporthelden sind die profanen Götter der Neuzeit. In einer differenzierten Gesellschaft sind sie der Kitt, der Einheitsfiktionen zu stiften vermag. Sporthelden eignen sich als Identifikationsgrößen für das Publikum, als Themen- und Aufmerksamkeitsproduzenten für die Medien, als Werbeträger für die Wirtschaft und als Legitimationsbeschaffer für die Politik. Als Sozialfiguren der Außeralltäglichkeit sind sie maßgeblich daran beteiligt, wenn in privaten und öffentlichen Räumen Spaß- und Feiergemeinschaften entstehen.
Die Sportverbände haben ein Gelegenheitsmilieu für die Epiphanie und Apotheose von Helden geschaffen, das es so in keinem anderen Sozialbereich gibt. Während die maßgeblichen Sozialfiguren von Politik, Wirtschaft, Religion oder Wissenschaft ihre Handlungen hinter verschlossenen Türen, in Laboren, Sitzungssälen, Fabrikhallen oder Kirchen abwickeln, finden sportliche Wettkämpfe in Sonderräumen statt, die bewusst auf Beobachtung hin angelegt sind. Stadien, Sporthallen und Arenen sind bühnenähnliche Orte, die das Handeln der wenigen den Blicken der vielen aussetzen. Zudem stellen Kameras, Mikrofone und Satellitenübertragungen bewusst eine Sichtbarkeit für Millionen nicht anwesender Zuschauer her.
Eventisierung und Inflationierung durch die TV-Sportberichterstattung
Die Heldenfähigkeit des Spitzensports profitiert von dem relativ voraussetzungslosen Modus, mit dem der Spitzensport auf das Publikum zugreift: Intellektuelle Kennerschaft und spezifische Kompetenzen auf Seiten der Zuschauer werden nicht vorausgesetzt. Da Wettkämpfe letztlich nonverbal ablaufende Auseinandersetzungen zwischen real existierenden Körpern oder - etwa im Motor- oder Radsport - Mensch-Maschine-Systemen sind, kann der Spitzensport problemlos ein Weltpublikum ansprechen und unterhalten, und zwar trotz vorhandener Sprachbarrieren. Die Heldenfähigkeit des Spitzensports profitiert außerdem von dem Umstand, dass das Handeln der Athleten einer einfach zu verstehenden Logik - Sieg oder Niederlage - unterliegt. Das Publikum weiß in jedem Wettkampf, worauf es sich einzustellen hat.
Das Miteinander der Sportler ist immer auch ein bewusstes Gegeneinander - egal, ob es sich um einen 100-Meter-Lauf oder ein Fußballspiel handelt. Dazu kommen Spannungsträchtigkeit und Ergebnisoffenheit. Der sportliche Wettkampf ist ein Ereignis, bei dem man am Anfang noch nicht weiß, was am Ende herauskommt. Eine weitere Steigerung des Zuschauererlebens kommt dadurch zustande, dass sportliche Auseinandersetzungen für das Publikum eine völlig andere Bedeutung haben als wirtschaftliche, politische oder militärische Konfrontationen, die tief und oft irreversibel in die Lebensumstände von Menschen eingreifen. In einem Wettkampf geht es für die Zuschauer nicht um Leben oder Tod oder, falls keine Wettverstrickungen vorliegen, um wirtschaftlichen Gewinn oder Ruin, sondern um ein an und für sich unwichtiges Gut, nämlich einen sportlichen Sieg oder eine sportliche Niederlage.
Leistung ist dabei eine notwendige Bedingung sportiven Heldentums. Die Selbstprofilierung der Athleten erfolgt nicht durch abstrakte kommunikative Fähigkeiten im Umgang mit Geld, Macht oder Wahrheit, sondern auf der Grundlage physischer, psychischer und technisch-taktischer Kompetenzen. Auch die in anderen Sozialbereichen noch bedeutsamen Kriterien der Positionszuteilung wie Alter, Herkunft, Reichtum, Schönheit, Rasse, Geschlecht oder Religionszugehörigkeit spielen bei der Rangvergabe im Spitzensport ausdrücklich keine Rolle.
Steingewordene Institutionen der Heldenverehrung
Eine markante Zäsur für die Inflationierung der Heldenverehrung fand in der Bundesrepublik Anfang der 1980er Jahre mit der Zulassung der privaten Fernsehsender statt. Diese setzten ganz bewusst auf Sportstars und schufen eine Heldenindustrie, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer von den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten auf eigene Programme und Werbebotschaften zu lenken. Die Privaten gingen gezielt dazu über, wie zuvor bloß wenige Boulevardzeitungen ein Heldenmanagement zu betreiben. Sie informierten nicht mehr nur über sportliche Höchstleistungen, die auch ohne sie passiert wären, sondern versuchten, die Episoden sportiven Heldentums in eigener Regie herzustellen. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten haben sich inzwischen diesem Trend zur Inszenierung und Eventisierung von Sporthelden angeschlossen, um im Quotenkampf nicht zu unterliegen. Die Massenmedien bedienen damit systematisch die Helden- und Verschmelzungsphantasien eines Publikums, das selbst nicht zu außeralltäglichen Taten bereit oder fähig ist, und offerieren eine Ikonographie des Heldentums: Bilder und Töne von Situationen, in denen es ums Ganze geht, in denen spektakuläre Erfolge winken, aber auch dramatische Niederlagen passieren können. Die Geschichten, die mitgeteilt werden, handeln von Verwandlungen und den Konsequenzen, die sich hieraus für die beteiligten Personen ergeben. So kann das Publikum an der Heldenwerdung teilhaben, aber auch die Rückverwandlung der Heroen in Nicht- oder Antihelden miterleben oder gelungene oder missglückte Comebackversuche mitverfolgen.
Die Sportler erscheinen im Kontext dieser Geschichten als Retter und Erlöser, die das Publikum durch überraschende Aktionen vom quälenden Druck des Wartens auf den Erfolg oder die Wende des Geschehens befreien. Sie zeigen sich auch als Märtyrer, die sich für Verein, Volk und Vaterland opfern. Bisweilen treten sie als Rache- und Gerechtigkeitsengel auf, die alte Rechnungen begleichen und verletzte Ehrgefühle stellvertretend für die Zuschauer wiederherstellen. Eine weitere Heldenfigur, die in der Dynamik sportlicher Wettkämpfe geboren und theatralisch zur Aufführung gebracht wird, ist der tragische Held. Er verkörpert diejenigen, die im Sport auf der Strecke bleiben, weil sie in wichtigen Entscheidungs- und Notsituationen vor den Augen des Publikums dramatisch scheitern oder ein eklatantes Fehlverhalten zeigen.
Die Transformationen werden bis ins Mythologische gesteigert und in Sportepen und -legenden abgelegt. Man denke in diesem Zusammenhang nicht nur an die mediale Rekapitulierung heroischen Handelns anlässlich sportlicher Großereignisse, sondern auch an die Inhalte von Sportbüchern und -filmen oder an die steingewordenen Institutionen der Heldenverehrung in Gestalt von Sportmuseen oder Ruhmeshallen (Halls of Fame). Einrichtungen dieser Art für die Prominenz des Sports legen fest, was erinnert und was vergessen werden soll. Vor allem sagen sie unausgesprochen, wie Menschen sein sollten.
Das Publikum liebt und braucht die Verehrung
Das Heldensystem des Spitzensports ist in den letzten Jahren allerdings durch die Strahlkraft, die es zu erzeugen vermag, unter einen selbstzerstörerischen Druck geraten. Die Verheißung, in den Heldenhimmel aufgenommen zu werden, und die Angst, nach einer Aufnahme aus diesem wieder vertrieben zu werden, bringt Sportler und deren Umfeld immer mehr dazu, illegitime Mittel der Leistungssteigerung einzusetzen. Beispiele dafür hat auch dieses Jahr genug gegeben. Die inflationäre Nachfrage nach Helden sorgt so in einer subtilen Weise für ein Klima, in dem es immer schwieriger wird, ein Sportheld zu werden oder zu bleiben, der sich auch in Situationen der Versuchung durch Geld, Macht, Aufmerksamkeit oder Ehre an die traditionellen Regeln und Fair-play-Erwartungen hält.
Die weitverbreiteten Doping-Praktiken und die vielen anderen Formen der Leistungsmanipulation und Täuschung zeigen mit erdrückender Eindeutigkeit, wie schnell gefeierte Athleten sich vor den Augen einer zuschauenden Öffentlichkeit in Sünder und Schurken verwandeln können. Für das Publikum ist dies kein Grund, sich selbstgerecht zurückzulehnen und die eigene Tugendhaftigkeit zu feiern. Ohne ein auf Verehrung und Bewunderung eingestelltes Publikum gäbe es schließlich keinen dauerhaften Bedarf, den Status eines Sporthelden anzustreben.
Vielleicht besteht die größte Leistung eines Athleten im global entfesselten Spitzensport paradoxerweise darin, selbstbewusst darauf zu verzichten, unter allen Umständen ein Held oder eine Legende werden zu wollen. Aber können wir, die Zuschauer, dauerhaft mit einem solchen Verzicht leben? Sind wir zu einem Sichtwechsel bereit, auch wenn die eigenen Athleten erfolgreich sind und die hohen physischen, psychischen und sozialen Kosten des Sportheldentums kurzfristig hinter den Siegesfeier- und Ekstasekulissen verschwinden?