08.06.2010 · Der Bundesrechnungshof kritisiert die Förderung von Sportsoldaten durch die Bundeswehr und fordert „Haushaltsklarheit und -wahrheit.“ Etwa 850 Stellen sponsert der Steuerzahler via Armee mit rund 30 Millionen Euro pro Jahr.
Am Hindukusch verteidigt die Bundeswehr die Heimat. In Kanada hat sie im Februar das Ansehen der Bundesrepublik poliert: 21 der 30 Medaillen für Deutschland gewannen sogenannte Sportsoldaten (63 der 153 Aktiven desOlympiateams) bei den Winterspielen in Vancouver und Whistler. Ohne „Athleten in Uniform“ wäre die Olympiamannschaft also nicht die Hälfte wert gewesen. Und so wirbt der organisierte Sport weiter dankbar um die Finanzierung von Staatssportlern vor allem bei der Bundeswehr, aber auch bei Bundespolizei und Zoll. Ein hartes Brot in schweren Zeiten. Denn die am Montag angekündigte „großangelegte Streitkräftereform“ der Bundesregierung wird wohl auch vor dem Spitzensportprogramm nicht haltmachen.
Etwa 850 Stellen sponsert der Steuerzahler via Armee seit einer Aufstockung 2007 mit rund 30 Millionen Euro pro Jahr. Viel Sparpotential bietet sich zwar nicht an. Und die Sportpolitik stellt sich quer: „Der Sport ist schon dadurch geschützt, dass er keine großen Möglichkeiten zum Sparen bietet“, behauptet Klaus Riegert, der sportpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag. „Selbst wenn man die gesamte Förderung striche, würde das nicht viel helfen.“ In den Etats von acht Bundesministerien sind für den Spitzensport etwa 250 Millionen Euro pro Jahr veranschlagt.
Bundesrechnungshof: Spitzensportförderung „führt ein Eigenleben“
Doch just in dieser heiklen Phase des „Sparkraftaktes“ (Angela Merkel) behandeln Sport- und Rechnungsprüfungsausschuss einen Vorwurf des Bundesrechnungshofes (BRH). Die Spitzensportförderung, schreiben die Kontrolleure im Namen des Volkes, „führt ein Eigenleben“ innerhalb der Bundeswehr. Schon vor Monaten forderte der BRH das Militär auf, „Haushaltsklarheit und -wahrheit“ über die Kosten seines Sponsorings herzustellen. Der BRH kritisiert zudem, dass die Bundeswehr Spitzensportler ohne eigenes Konzept und auf der Basis eines Erlasses von 1968 fördere. Er verlangt Belege dafür, dass diese Förderung effektiver sei als etwa die Vergabe von Stipendien.
Konkreter wird der BRH nicht. Ob er damit auf eine verglichen mit den Spitzensportlern der Bundespolizei geringe Einsatzzeit in Uniform trotz voller Bezahlung hinweist, bleibt offen. Ebenso die Frage, warum Athleten der Polizei eine strenge Ausbildung zum später voll einsatzfähigen Polizisten erhalten und schon während ihrer Sportkarriere in Ausbildungsdienste eingebunden werden. So hätte man den Olympiasieger im Rennrodeln, Felix Loch, neulich auf dem Münchener Flughafen treffen können - im Polizeidienst. Sein Privileg beschränkt sich auf die Dehnung der Ausbildung von 2,5 auf vier Jahre.
Danckert: Spitzensportförderung auf dem Prüfstand
Was aber wird aus den Vollzeitsportlern der Bundeswehr nach ein paar Feldwebel-Lehrgängen? Nur noch in seltenen Fällen macht sie der Bund zu Berufssoldaten wie etwa den Bob-Olympiasieger André Lange. Er will sich in Köln auf der Trainerakademie zum Coach schulen lassen. In jedem Fall wird er nicht wie amerikanische Sportsoldaten in Afghanistan eingesetzt. Langes Sportkameraden fangen nach ihrer Karriere im Schutz der Kaserne etwas Neues an. Sie müssen ihren Tarnanzug wieder ausziehen.
Dem SPD-Abgeordneten Peter Danckert, der in der vergangenen Legislaturperiode dem Sportausschuss vorsaß und nun im Haushaltsausschuss Berichterstatter für den Etat des Innenministers ist, schwant nichts Gutes angesichts der Kritik aus dem Bundesrechnungshof: „Wenn diese Fragestellung öffentlich diskutiert wird, steht ganz schnell die Spitzensportförderung auf dem Prüfstand.“ Danckert interpretiert die Kritik so: „Im Kern sagt der Bundesrechnungshof: Wir brauchen keine Sportförderung bei der Bundeswehr.“ Der Bundesrechnungshof widerspricht Danckert. „Es ist nicht unser Mandat, grundsätzlich über Sportförderung zu befinden“, sagt sein Sprecher Martin Winter. „Aber wir befassen uns mit ihrer Umsetzung.“ Winter äußerte sich nicht zu Hinweisen, dass sein Haus auch die Sportförderung des Innenministeriums und damit die zentrale Spitzensportförderung Deutschlands untersuche.
Vierzig Prozent gehen auf das Konto des Verteidigungsministers
Die Medaillenzähler im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) verweisen immer wieder gerne auf den Beitrag der Bundeswehr. 209 Medaillen der vergangenen elf Olympischen Spiele seit 1992 gehen - im wahrsten Sinne des Wortes - auf das Konto des Verteidigungsministers. Das sind mehr als vierzig Prozent der Gesamtausbeute. Umso mehr sieht sich Danckert im Verein mit Norbert Barthle (CDU) als Kämpfer für den Sport im Haushaltsausschuss: „Manche Medaille hätten wir nicht gewonnen ohne die Förderung durch die Bundeswehr“, sagt der haushaltspolitische Sprecher der Union. Barthle hat recht.
Den Dauerauftrag der Bundesregierung von 1968 erfüllte die Armee bislang. In Zukunft wird ihr das schwerer fallen. CDU-Mann Riegert fordert nun den Sport auf, den drohenden Einschnitten mit einem Konzept zu begegnen. Es birgt Sprengstoff: „Es muss diskutiert werden, ob nur noch olympischer Sport und nicht mehr die nichtolympischen Sportarten gefördert werden, ob nur noch erfolgreiche und nicht mehr erfolglose Sportarten staatlich unterstützt werden“, sagt er: „Ich kann mir nicht vorstellen, Sport abhängig von seiner Effektivität im Hinblick auf Medaillen zu fördern. Aber wenn wir die Autonomie des Sports ernst nehmen, geben wir diese Fragen an ihn weiter.“
Danke für diesen Bericht - Wenn für Verteidigung kein Geld da ist, dann erst...
Christoph Schwiers (C.Schwiers)
- 08.06.2010, 14:11 Uhr
Fremdworte
Michael Meier (never1)
- 08.06.2010, 14:56 Uhr