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Sportler des Jahres Der deutsche Star ist die Mannschaft

19.12.2004 ·  Eitelkeiten und Einzelinteressen sind von gestern - der Teamgeist ist wieder ein Exportschlager. Die „deutschen Tugenden“ waren im Sportjahr 2004 wichtiger denn je.

Von Christian Eichler, Brüssel
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Dichtgestaffelt steht die Abwehr, mit der Frankreich seine Sprache gegen Fremdwörter verteidigt. „La Mannschaft“ hat es trotzdem geschafft. Auch die Engländer mühen sich ungern mit fremdartigen Buchstabenfolgen ab.

Eine Ausnahme aber machen sie bei „Die Mannschaft“: ein deutscher Markenbegriff im Ausland. Einer, der irgendwann nur bei den Deutschen selbst an Glanz verlor. Es kroch da eine leise deutsche Mannschaftsmüdigkeit, gespeist vom Verdruß über den schwunglosen Fußball von „La Mannschaft“.

Aus Graubrot wurden knusprige Brötchen

Die gab bei der EM in Portugal mal wieder genug Futter fürs rituelle Klagen, das ja auch ein deutscher Mannschaftssport ist. Doch was geschah? Es kam Olympia in Athen, es kamen die deutschen Handballer, die die Heimat begeisterten; es kamen die Hockeydamen, die wie aus dem Nichts Gold gewannen und sich so hemmungslos freuten, daß man innerlich mitfeierte; es kamen die deutschen Turner, die ihrem gelähmten Kollegen Ronny Ziesmer einen begeisternden Wettkampf widmeten.

Dann trat auf der schwäbische Bäckergeselle Jürgen Klinsmann und verwandelte das trockene Graubrot des deutschen Fußballs wieder in ein knuspriges Brötchen. Egal welche deutsche Mannschaft am Sonntag abend die Teamwertung der Wahl zum „Sportler des Jahres“ gewinnen wird - nicht nur sie wird der Gewinner des Jahres sein. Nie galt so sehr wie 2004: Der deutsche Star ist die Mannschaft.

Urknall deutscher Teamtradition

Seit 1947 werden die „Sportler des Jahres“ gekürt. Die Leichtathletin Marga Petersen und der Tennisspieler Gottfried von Cramm waren die ersten. Mannschaften standen in den Gründertagen noch nicht auf dem Wahlzettel: ein Geburtsfehler, der erst zehn Jahre später behoben wurde. So kam es, daß die Mutter aller Mannschaften, der Urknall deutscher Teamtradition, daß das „Wunder von Bern“ nie zur Ehrung bei der großen deutschen Sportlerauszeichnung gelangte.

Die Mannschaftswahl gab es noch nicht, und in der Einzelwertung hat es in 57 Jahren kein einziger Fußballer geschafft. Doch das „Wunder von Bern“ schaffte viel mehr: Es verankerte die „deutschen Tugenden“ im Mythen- und Wortschatz des Sports.

Grundtechnik aus der Urzeit der Menschwerdung

Diese Tugenden leben noch, es sind immer Mannschaftstugenden geblieben: die grimmige Geschlossenheit; der zähe Wille, zu kämpfen, zu leiden, ja zu dienen - „mannschaftsdienlich“ ist ein deutsches Wort, für das andere Sprachen keine gleichwertige Entsprechung haben. All das klingt fast soldatisch, was auch der Herkunft der „Mannschaft“ aus dem Militärischen und Maritimen zu entsprechen scheint.

Doch die eigentliche Tugend ist eine sehr zivile Eigenschaft: die Bereitschaft, zweckgebunden und zeitbegrenzt das Kollektive über das Individuelle zu stellen - eine Bereitschaft, geboren nicht aus Schwäche, sondern aus Schläue. Der hundertjährige Evolutionsbiologe Ernst Mayr, der „Darwin des 20. Jahrhunderts“, hat die Grundlage dieses Handelns so formuliert: „In primitiven Gesellschaften haben kleine Gruppen einen Vorteil, wenn alle kooperieren.“ So ist Mannschaftsgeist eine Grundtechnik aus der Urzeit der Menschwerdung - und eine, die auf dem Experimentierfeld der sozialen Evolution, das der Sport spielerisch darstellt, ihre Wirkung behalten hat.

Her mit dem frischen Rouge

So unverwüstlich sind diese deutschen Tugenden, daß sie diesen Sommer als EU-Export zu einer der größten Sensationen der Fußballgeschichte führten: Als auf den Tag genau fünfzig Jahre nach dem WM-Sieg von Bern, den der Essener Helmut Rahn mit seinen Toren ermöglichte, der Essener Otto Rehhagel mit Griechenland Europameister wurde.

Und beinahe sah es so aus, daß man ihn als Bundestrainer heimholen müsse, um die deutschen Tugenden reimportieren zu können, daß nur mit der Rehhagelschen Außenseiter- und Spielverderbertaktik angesichts der spielerischen Dürftigkeit deutscher Kicker eine Blamage bei der Heim-WM 2006 abgewendet werden könne. Rehhagel kam nicht, es kam der, den keiner erwartete, und siehe da, plötzlich fand der deutsche Fußball seine meistvergessene Mannschaftstugend zurück: den Spaß - weg mit dem bleigrauen Spiel, her mit dem frischen Rouge, nicht nur auf dem Trikot.

Heroische Anstrengungen

So schnell kann das gehen, denn der Mannschaftsgeist ist ein seltsamer Genosse; der große Hallodri in der Familie der Lebensgeister. Vielleicht ist er aber ein recht verläßlicher Konjunkturbote, Indikator nicht der Wirtschafts-, aber doch der Gemütslage. Im Sport jedenfalls, und vielleicht nicht nur dort, sieht es seit letzten Sommer aus, als zögen die Deutschen wieder an einem Strang.

Zumindest sehen sie, was es brächte. Man sah die heroischen Anstrengungen der Handballer, des Torwarts Henning Fritz, des Kreisläufers Christian Schwarzer im Jahrhundertspiel gegen Spanien. Öfter aber äußert sich Mannschaftsgeist im verborgenen, sichtbar nur für den Beteiligten, wenn der Kollege den Schritt, der weh tut, auch dann noch macht, wenn er nicht ihn selber gut aussehen läßt, sondern andere. Es ist das kleine, konkrete, alltägliche Heldentum, dessen Summe Mannschaftsgeist heißt. Das vielleicht Eigentümlichste an dessen deutscher Patentierung aber ist die Stärke, die er, wenn alles stimmt, auch dem gibt, der in einer finalen Situation ganz allein ist. Seit 28 Jahren haben Deutschlands Fußballer kein Elfmeterschießen verloren. Vom Siebenmeterpunkt in Athen warfen sich die Handballer ins Halbfinale, schossen sich die Hockeyspielerinnen ins Endspiel. Reiter und Fechter sind seit jeher als Mannschaft, in der sie letztlich auf Sattel und Planche auch allein sind, erfolgreicher als im Einzelwettbewerb.

Vom Solozwerg zum Teamriesen

In Athen trieb der Schwimmer Lars Conrad das Rätsel der Verwandlung vom Solozwerg zum Teamriesen auf die Spitze: Nachdem er die Norm für einen Einzelstart nicht geschafft hatte, führte er als letzter Schwimmer die deutsche Lagenstaffel zu Silber - mit einer Zeit, die schneller war als die des Siegers im Einzelrennen über 100 Meter Freistil.

Und wie die üblichen professionellen Eitelkeiten und Partikularinteressen in den Hintergrund treten können, zeigte Danilo Hondo vom Gerolsteiner-Radteam, als er für den T-Mobile-Rivalen Erik Zabel bei der Weltmeisterschaft im Oktober, wo ein einziges Mal im Jahr Nationalmannschaften die Firmenteams ersetzen, die eigene Chance opferte - Zabel verpaßte nur knapp den WM-Titel. Dieser Trend setzt sich fort, bis in die Weihnachtswoche hinein. Die deutschen Handballfrauen bei der EM: so gut wie seit langem nicht.

Die deutschen Fußballklubs in den europäischen Wettbewerben: vor einem Jahr schlecht wie nie, nun mit sechs Klubs im Achtelfinale, mehr hat keiner. Vor allem das Nationalteam: gewandelt von der Trauer- zur Spaßgesellschaft. Und wie so oft: Die Frauen haben alles vorgemacht. 2003 wurden die Fußballerinnen Weltmeister und dann, erst als zweites weibliches Team in 46 Jahren (neben den Tennisdamen 1987), „Mannschaft des Jahres“. Was nur scheinbar einen sprachlichen Widerspruch bildet. Denn es gibt Dinge, die als Mannschaft nur Frau schafft.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.12.2004, Nr. 51 / Seite 17
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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