19.12.2005 · Es war der Abend der Überraschungsgäste und der vorweihnachtlichen Rührstücke in Baden-Baden. Bei den Auszeichnungen zu den Sportlern des Jahres 2005 hatten weder Uschi Disl noch Ronny Ackermann mit ihren Laudatoren gerechnet.
Von Hans-Joachim Waldbröl, Baden-BadenLeise rieselte der Schnee, und die Besucher des Christkindl-Marktes, Ausgabe Baden-Baden, rissen sich von den gebrannten Mandeln los, um für die „Sportler des Jahres“ ein staunendes Spalier aus Fans und Autogrammjägern zu stellen. Wenn das keine Wunschkulisse für Wintersportler war! Deren Wahlchancen schmelzen über den Sommer nämlich meistens dahin wie die Flocken auf dem Pflaster vor dem Kurhaus, weil die abstimmenden Journalisten oft nur ein Monatsgedächtnis haben, das durch eine lange Vorschlagsliste wiederaufgefrischt werden muß.
Nachhilfe war diesmal nicht nötig, an Uschi Disl und Ronny Ackermann kam auf dem Stimmzettel keiner vorbei - was schon in der Loipe schwer genug ist. Deshalb standen die beiden ja da oben, die Doppelweltmeisterin von Hochfilzen im Biathlon und der zweifache Champion von Oberstdorf in der Nordischen Kombination, wie es sich gehört natürlich „völlig überrascht“ von ihrer Auszeichnung: Uschi Disl als erste überhaupt in ihrer attraktiven Fernsehsportart, Ronny Ackermann immerhin erst der dritte, 45 Jahre nach dem Olympiasieg 1960 von Georg Thoma und 37 Jahre nach dem Goldmedaillengewinn von Franz Keller.
Trophäe vom größten Gegner
Nur die Überraschungsgäste, die ihnen die begehrten Trophäen in die Hand drückten, konnten das Live-Erlebnis auf der Bühne und im Saal noch steigern. Oder hatte Uschi Disl etwa mit ihrem Bruder Stefan gerechnet? Wäre Ronny Ackermann auf Hannu Manninen gekommen? Der Gag mit dem größten Gegner im Weltcup der Kombinierer war den Regisseuren vom ZDF wirklich gelungen. Ausgerechnet die beiden härtesten Rivalen, die sich vor zwei Wochen in Lillehammer noch vor dem Ziel und hinter der Ziellinie unsportliche Gefechte geleistet hatten, standen nun brav, fast schüchtern nebeneinander.
Die besten Sportler 2005: Uschi Disl und Ronny Ackermann
Sie hatten sich, nach übereinstimmenden Aussagen der Streithähne, zwar schon kurz vorher auf Vermittlung der Schlichter vom Weltverband wieder versöhnt. Doch Ronny Ackermann, zuerst allein im Scheinwerferlicht, entschuldigte sich noch einmal vor großem Publikum für seine Stock-Stichelei - nicht ohne die kurze Vorgeschichte zu erzählen, die ihn ein wenig entlasten sollte. Von den „extremen Emotionen im Wettkampf“ sprach er und darüber, daß „der Hannu“ ihn auf der Piste nicht überholen lassen wollte.
„Ich bin gar nicht schwanger, leider“
Gleich nach dem abschließenden Wettkampf, bei dem der reuige Sünder am Sonntag noch um 15.30 Uhr beim Auslandseinsatz in der Ramsau gewesen war und es „dank Auto und Flugzeug so gerade vor meinem Aufruf“ nach Baden-Baden geschafft hatte, wunderte es ihn schon, daß Hannu Manninen im gleichen kleinen Privatflieger gesessen hatte wie er.
Aber kein Verdacht: „Hannu hat mir gesagt, daß er von hier aus mit dem Auto nach Frankfurt müsse und von dort nach Helsinki flöge. Seine Frau erwarte ein Baby, und da tue sich offenbar was.“ Alles geflunkert, nichts mit einem Christkind. „Ich bin gar nicht schwanger, leider“, sagte Heli Manninen, als sie mit ihrem Mann nach der Verleihung einsam im Saal an einem Tisch saß. Sie ist Lehrerin, hat sich extra am Montag freigenommen. Von Rovaniemi über Helsinki und Hamburg war sie nach Baden-Baden gekommen.
Ohne zu duschen in den Flieger
Viel zu erzählen hatten auch Bruder und Schwester Disl. „Wir haben uns schließlich einige Wochen nicht gesehen.“ Um das nachzuholen, hatte sich die „Disl, Uschi“ im slowenischen Osrblie, „ohne zu duschen“, gleich in den Sponsorflieger gesetzt und erst im Hotel das erfrischende Bad nachgeholt. „Ich hatte Gott sei Dank noch eine halbe Stunde, und das Kleid lag schon bereit.“
Ein knallrotes mit sehr, sehr freiem Rücken; die Lady in Red war kaum wiederzuerkennen in festlicher Abendrobe. Ungewohnt übrigens auch für die Wahlsiegerin selbst, die mit Armen und Händen gar nicht wußte, wohin. Warum sie überhaupt noch auf dieser Galabühne stehen konnte, vertraute sie dem Publikum an. Vor fünf Jahren ist Bruder Stefan schwer verunglückt.
Rührende Vorweihnachtsgeschichten
„Er hatte Gehirnbluten, und ich saß jeden Tag bei ihm am Krankenbett. Wenn das nicht gutgegangen wäre, hätte ich sofort mit dem Leistungssport aufgehört.“ Und die beiden ersten Einzeltitel nach fünfzehn Jahren sowie die Auszeichnung zur Sportlerin des Jahres verpaßt. Ein Happy-End, das sie so pausenlos strahlen ließ, wie man es nach sportlichen Siegen von ihr gewohnt ist.
Rührende Vorweihnachtsgeschichten - davon hatte auch ein abwesender Star zu berichten: Dirk Nowitzki, live aus Dallas eingeblendet, weil er am Abend mit den Mavericks ein Spiel auf dem Programm hatte, das Klublogo wie eine Aureole im Hintergrund. Der Würzburger hatte im Herreneinzel den zweiten Platz gemacht und mit dem deutschen Basketball-Nationalteam Rang eins belegt. Er will Weihnachten in Übersee mit seiner Familie und dem zwei Monate alten Neffen feiern.
„Wir haben nicht nur einen Dirk Nowitzki“
Während der „Schalte“ in die Vereinigten Staaten und vor seinem gewohnten Mittagsschlaf grüßte der 2,13 Meter lange Korbjäger von hoch oben herab, aber keineswegs arrogant seine Teamkollegen, mit denen er Europameisterschaftszweiter geworden war. „Mein erstes großes Endspiel.“ Bundestrainer Dirk Bauermann lobte den alle und alles überragenden Spieler, von dem die anderen EM-Zweiten und ihr Coach in großer Achtung, aber ohne Heldenverehrung sagten: „Wir haben nicht nur einen Dirk Nowitzki.“
Sonst hätten sie bestimmt nicht den FC Bayern München besiegt, der „nur“ Dritter wurde. Keiner der Fußballspieler, von denen die Basketballspieler laut Bauermann „im Ansehen noch Welten trennen“, ließ sich in Baden-Baden sehen. Auf dem riesigen Screen versicherte Manager Uli Hoeneß: „Wenn wir mal Erster werden, dann kommen wir auch.“ Schon vergessen? 2001 standen sie doch als Erste da - und ließen sich durch den verletzten Hasan Salihamidzic vertreten, der auf zwei Krücken die Bühne erklomm. Und nicht einmal eine Hand frei hatte, um die Trophäe anzunehmen.
Der eine wird Sportler des Jahres
gisbert heimes (gisbert4)
- 19.12.2005, 22:50 Uhr