04.10.2006 · Adidas erwartet viel von den Olympischen Spielen in Peking. Mithilfe der erwarteten Sportbegeisterung im Vorfeld des Ereignisses will das Unternehmen die Nummer 1 in China werden, erklärt Vorstandschef Herbert Hainer im Interview.
Von Christoph HeinHerbert Hainer war in den vergangenen Wochen gleich zweimal in Asien - in Peking, um sich über den Fortgang der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele zu informieren. Und dann in Singapur, um dort die asiatisch-pazifische Marketingkonferenz der Adidas AG zu führen. Wie kaum ein anderes deutsches Unternehmen ist Adidas von Asien abhängig: als Produktionsort, mehr und mehr aber auch als Markt. Auch mit seiner neuen Marke Reebok will der 52 Jahre alte Hainer den Auftritt vorantreiben.
Herr Hainer, der Rausch der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland ist verflogen. Spüren Sie einen Kater?
Für uns geht es noch weiter. Wir liegen voll im Zielkorridor, im Fußballbereich in diesem Jahr mehr als 1,2 Milliarden Euro Umsatz zu erreichen - 30 Prozent mehr als 2005 und 50 Prozent mehr als im Zuge der Weltmeisterschaft in Korea und Japan.
Das nächste große Ziel heißt aber Asien, mit dem Höhepunkt der Olympischen Spiele in Peking. Was ist für Sie drin?
Unser Ziel ist es, bis 2008 in Asien den Markenumsatz mit Adidas um knapp 500 Millionen Euro auf dann 2 Milliarden Euro zu steigern. Bis 2010 sollte die Marke auf etwa 2,5 Milliarden Euro kommen, eine Milliarde davon in China. Auch der Anteil Japans sollte bis dahin auf eine Milliarde gestiegen sein. China und Japan werden in vier Jahren also in etwa gleichauf liegen.
Welche Rolle spielen Ihre beiden anderen Bereiche - Reebok und Golf - in den kommenden Jahren?
In der Gruppe sind, wenn wir in Asien weiter zweistellig wachsen, 2010 knapp 3,5 Milliarden Euro Umsatz denkbar. Reebok und Taylermade Golf werden dabei immer wichtiger. Schauen Sie sich nur an, wie viele neue Golfplätze derzeit in China entstehen.
Welchen Anteil wird denn dann der Asien-Umsatz am Umsatz der Gesamtgruppe haben?
Heute steht Asien bei rund 20 Prozent unseres Gruppenumsatzes. 2010 sollte der Anteil bei etwa 25 Prozent liegen.
Das heißt, Sie kommen 2010 mit Adidas auf mindestens 14 Milliarden Euro Gesamtumsatz?
Eine konkrete Zahl für 2010 kann ich Ihnen noch nicht geben.
Wie sehen die Margen in Asien aus?
Wir erzielen in Asien mit 48 Prozent etwa dieselbe Marge wie in Europa. In Amerika liegt sie nur bei rund 38 Prozent.
Woher rührt der Unterschied?
In Europa kauft ein Verbraucher statistisch gesehen 1,7 Paar Sportschuhe jährlich. Der Amerikaner kommt auf sieben Paar im Jahr. Wo aber der Konsum so hoch ist, fallen die Preise.
Sie messen sich auch in Asien an Marktführer Nike?
Nur soviel: Unser Ziel ist es, bis zu den Olympischen Spielen in Peking die Nummer eins in China zu werden, bis 2010 die Nummer eins in ganz Asien. In der ersten Jahreshälfte sind wir in Asien organisch um 22 Prozent gewachsen. Unser Hauptwettbewerber meldet 13 Prozent Wachstum.
Um weiter so zu wachsen, müssen Sie den chinesischen Markt tiefer durchdringen...
Das machen wir auch. Momentan haben wir 2600 Einzelhandelsgeschäfte in China. Bis 2008 wird ihre Zahl auf 4000 in 540 Städten steigen, 2010 werden es 5000 sein.
Kommt nicht auch Reebok stärkeres Gewicht zu?
Einer der Hauptgründe für uns, Reebok zu kaufen, war das Nachholpotential der Marke in Asien. Richtig geführt, bietet sie enorme Möglichkeiten. Inzwischen steuern wir Adidas und Reebok in der Region gemeinsam, können die ganze Infrastruktur nutzen. Wir brauchen nur vor dem Kunden einen unterschiedlichen Auftritt, im Hintergrund läuft alles aus einer Hand. Ab dem kommenden Jahr beginnen wir mit der Einzelhandelsoffensive in China auch für Reebok: Aus derzeit 500 Geschäften werden 2010 etwa 2000 geworden sein - wir werden mehr als einen neuen Reebok-Laden täglich in der Volksrepublik eröffnen. Die Basketball-Begeisterung in China wird uns dabei helfen.
Welche Rolle spielt denn Indien in Ihrer Planung?
Indien ist für uns ein wichtiger Markt. Ich bin davon überzeugt, daß es in punkto Wachstum das nächste China für uns werden wird. Noch läuft es etwas langsamer, aber dafür ist das Wachstum nachhaltig. Indien investiert in Bildung, und Bildung ist der Reichtum von morgen.
Sie sind dort gut aufgestellt wie sonst nirgends...
Ja. Reebok ist in Indien die Nummer eins mit knapp 50 Prozent Marktanteil, Adidas die Nummer zwei mit gut 25 Prozent. Wir werden unseren Vorsprung mit Zähnen und Klauen verteidigen. Wir hoffen, 2010 in Indien eine Umsatzgrößenordnung von rund 250 Millionen Euro zu erreichen.
Stimmt es, daß Sie 20 Prozent Ihrer Produktion aus China abziehen und etwa nach Vietnam verlagern wollen?
Die Zahl kann ich nicht bestätigen. Richtig aber ist, daß uns die Quoten - oder, besser, die Strafzölle der Europäischen Union China gegenüber - zu einer Verlagerung zwingen. Das ärgert mich, denn durch Protektionismus ist noch niemand wettbewerbsfähiger geworden.
Sie sagen, Sie können die Preissteigerung nicht an die Konsumenten weitergeben. Wieviel macht sie denn aus?
Bei Lederschuhen können das 15 bis 25 Prozent des Produktionspreises sein. Deshalb verstärken wir unser Engagement in Vietnam gemeinsam mit unseren Subunternehmen. Die brauchen wir als Investoren, aber auch weil sie Erfahrung mitbringen. Vergessen Sie nicht: Wir lassen 200 Millionen Paar Schuhe jährlich herstellen - das muß reibungslos klappen.
Wie ist Ihre Fertigung denn aufgeteilt?
95 Prozent unserer Schuhe machen wir in Asien, die Hälfe davon in China. Bei Textilien liegt der Wert bei 75 Prozent in Asien. Bei Schuhen kommen wir auf 25 Lieferanten in Asien, bei Textilien auf etwa 250. Reebok hat schon eine Fertigung in Indien, und jetzt lassen wir erstmals auch Adidas in Südindien fertigen. Der Subkontinent könnte auf Dauer sicher ein größerer Produktionsmarkt für uns werden.
Wie unterscheidet sich Ihre Zielgruppe in Asien von derjenigen in Europa oder Amerika?
Bei den 15- bis 25jährigen ist der Unterschied so groß nicht. Ein Schuh, der nicht läuft, läuft nirgendwo. Derjenige, der weggeht wie geschnitten Brot, verkauft sich überall. Aber wir spielen bei Schuhen in Asien mehr mit Farben. Bei Textilien müssen wir zuallererst auf verschiedene Schnitte und die klimatischen Bedingungen achten. Deshalb haben wir in China nun ein eigenes Entwicklungszentrum aufgebaut.
Wächst Ihnen auf Dauer mit chinesischen Sportmarken wie etwa Li Ning eine Konkurrenz heran?
Li Ning muß nun aus China herauswachsen - das wird entscheidend. In China selber sind seine Produkte 30 bis 40 Prozent billiger als die internationalen Marken. Trotzdem aber wachsen wir schneller. Sobald die Verbraucher Geld haben, wollen sie auch die ausländische Marke tragen. Die letzten 35 Jahre haben Nike und wir jeweils bis zu 20 Milliarden Euro in Marketing und Kommunikation investiert. Solch riesige Summen gehen auch an China natürlich nicht spurlos vorbei.
Der Höhepunkt für Ihren Auftritt wird die Olympiade in Peking 2008. Sie sind der wichtigste Sponsor. Wie kommen Sie zurecht?
Es gibt keine Probleme. All unsere Programme werden durchgesegnet. Wir rüsten mehr als 100.000 freiwillige Helfer aus - mehr als je zuvor. Wir leisten uns mit einem dreistelligen Millionenbetrag in der vierjährigen Vorbereitungszeit die größte Investition, die wir jemals für eine Olympiade gewagt haben. Noch nie haben wir so früh begonnen, die Olympischen Spiele in unsere Kommunikation einzubinden. Das aber lohnt sich: Die Marktforschung sagt uns, wir werden unsere Ziele mit den Spielen sogar übertreffen. Wenn nur 10 Prozent der Chinesen unsere Produkte kaufen, haben wir 130 Millionen Kunden - fast soviel wie in Deutschland, England und Frankreich zusammen.
Haben Sie keine Angst, daß die fatale Menschenrechtssituation auf den China-Sponsor Adidas zurückschlagen könnte?
Wir beschäftigen indirekt über Subunternehmen rund 400.000 Menschen in Asien. Es gibt klare Anweisungen, wie die Fabriken aussehen müssen, wie sie geführt werden. Da hören Sie wenig Kritik, da fühlen wir uns gut aufgestellt.
Wie aber steht es um Sie in Verbindung mit dem Ruf des Landes?
Die Lage in China selber zu kritisieren ist nicht unsere Aufgabe, sondern diejenige der Politik.
Es könnte aber sein, daß sich Ihre enge Verbindung zur Olympiade negativ auswirkt...
Aber was wäre die Alternative? Daß wir die Spiele in Peking nicht unterstützen? Daß das Internationale Olympische Komitee die Olympiade nicht nach China vergibt? Das wäre doch erst das richtige Desaster. Wir brauchen Einbindung, nicht Ausgrenzung Chinas.
Haben Sie Sorge vor dem Thema Doping, das in China ja eine besondere Rolle spielen soll?
Doping ist schlecht für den Sport, die Sportartikelindustrie und die Gesellschaft. Schauen Sie nur jetzt auf den Radsport. Ich glaube aber, daß China nicht besser oder schlechter ist als andere Länder. Das Krebsgeschwür Doping wuchert weltweit.
Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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