03.04.2007 · Wenn Franz Beckenbauer kommt, gelten selbst beim „Laureus“ andere Regeln. Dem Vielgeehrten wurde der mittlerweile etablierte Sport-Oscar von seinen einstigen Widersachern Sir Bobby Charlton und Johan Cruyff überreicht. Jörg Hahn berichtet aus Barcelona.
Von Jörg Hahn, BarcelonaDer rote Teppich war nass. Barcelona erlebte einen stundenlangen Wolkenbruch. Sturm statt Strandleben bestimmte den achten „Laureus Award“. Die Fernsehteams kämpften trotz gelegentlichen Stromausfalls am Eingang zum Palau Sant Jordi auf dem Olympiagelände von 1992 um die besten Bilder der Prominenten. Nicht alle hielten sich an den „Dresscode Black Tie“: Daley Thompsen, der frühere britische Zehnkampf-Star, pfiff auf Smoking und Fliege und kam wie gewohnt in Sporthemd, Schlabberhose und Turnschuhen. Jeder Gastgeber weiß inzwischen, was ihm blüht, wenn er diesen Mann auf die Einladungsliste setzt.
Modisch perfekt in Form waren Damen wie Katarina Witt, Kati Wilhelm oder Franziska van Almsick. Im Saal komplettierte die Almsick einen gewichtigen Tisch mit den Klitschko-Brüdern und Oliver Bierhoff, dem Manager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Auf dem roten Teppich machten Männer wie Mika Häkkinen, Alberto Tomba und Boris Becker mächtig Eindruck. Bei Franz Klammer und Ilie Nastase waren sich alle einig, dass sie nie - aber auch niemals - ihre Frisuren aus den siebziger Jahren ändern dürfen, wenn sie unverwechselbar bleiben wollen. Letzte Anmerkung zur Etikette: Baseball-Kappe zum Smoking - wie beim früheren Boxer Axel Schulz - wird nicht deshalb besser, weil gleich mehrere so aufliefen. Stilsicher zeigten sich dagegen der frühere Rodler Georg Hackl und „Tatort-Kommissar“ Dominik Raacke, um zwei andere Deutsche zu nennen.
Zwei deutsche Goldmomente
Für die deutsche Delegation endete der regnerische Tag mit zwei goldenen Momenten: Spaniens König Juan Carlos und Fürst Albert von Monaco applaudierten, als Franz Beckenbauer für sein Lebenswerk und der dreifache Turiner Paralympics-Sieger Martin Braxenthaler als herausragender Behindertensportler des Jahres 2006 geehrt wurden. „Laureus“ wird getragen von den Unternehmen Daimler-Chrysler und Richemont, die Wahl trifft ein Gremium aus 45 internationalen Spitzensportlern. Diese Sportstars sind zugleich Botschafter der „Laureus“-Stiftung, die weltweit knapp fünfzig Hilfsprojekte für Kinder und Jugendliche initiiert und finanziert.
„Ich glaube nicht, dass der Sport die Welt verändern kann, wie dies unser Schirmherr Nelson Mandela formuliert hat“, sagte Beckenbauer in seiner Dankesrede. „Aber der Sport kann Gutes tun und Hoffnung vermitteln.“ Beckenbauer erhielt die gläserne Trophäe von Bobby Charlton und von Johan Cruyff, seinen großen Gegenspielern in den sechziger und siebziger Jahren. „Er ist ein wirklicher Fußball-Gigant“, sagte Cruyff, der im WM-Endspiel von 1974 unterlegene Holländer. Beckenbauer nannte das Jahr 2000 als einen Meilenstein in seinem „Fußball-Leben“, „als Sepp Blatter bei der Vergabe der Fußball-WM 2006 sagte: 'And the winner is Germany'. Wir haben insgesamt ja neun Jahre für diese Weltmeisterschaft gearbeitet. Deutschland hat sich verändert durch dieses Turnier. Es hat den Schwung bekommen, den es gebraucht hat.“
Beckenbauer war in Barcelona auf Durchreise. Er flog weiter zum Hinspiel im Viertelfinale der Champions League seines FC Bayern München an diesem Dienstag im Viertelfinale in Mailand (20.45 Uhr, FAZ.NET-Liveticker). „Ich habe im letzten Jahrzehnt viele Preise bekommen. Aber dieser ist besonders. Denn 'Laureus' ist nicht nur ein Kreis von Sporthelden, die ein- oder zweimal im Jahr zusammenkommen, um einen schönen Abend zu haben. Die sozialen Projekte machen 'Laureus' so sinnvoll.“ Für Beckenbauer machten die Organisatoren vieles möglich. Weil er einem anderen Autohersteller als Mercedes verpflichtet ist, wurden sogar die Wände umdekoriert, vor denen die Prämierten des Abends zum Fototermin anzutreten hatten. Für Beckenbauer wurde ein neutraler Hintergrund ohne jedes Firmenlogo aufgestellt. Im Übrigen musste „der Kaiser“ auf Anweisung der Fernsehregie noch einmal die Bühne räumen. Er war zu früh aufs Podium zu Charlton und Cruyff gestürmt.
Der Traum von Del Piero
Leichter hatten es der Veranstalter mit der russischen Stabhochsprung-Weltrekordhalterin Jelena Isinbajewa (Sportlerin des Jahres) und mit auch dem italienischen Fußball-Weltmeister Alessandro del Piero (als Repräsentant für die Mannschaft des Jahres). Jelena Isinbajewa trat auf wie eine Prinzessin - mit einem Diadem im Haar. „Richtig cool“ fand sie den Preis, sie gluckste und plapperte fröhlich. Del Piero genoss den Abend, „denn es ist ein hartes Jahr mit Juventus Turin nach dem Zwangsabstieg in der Serie B“, sagte er. Mit dem WM-Titel habe er sich einen Kindheitstraum erfüllt. Nun träume er von einer Rückkehr Juves an die Spitze des europäischen Fußballs.
Tennis-As Roger Federer aus der Schweiz wurde zwar schon zum dritten Mal in Serie zum Sportler des Jahres gekürt, fehlte aber ebenso wie die französische Tennisspielerin Amélie Mauresmo (Aufsteigerin des Jahres), ihre amerikanische Kollegin Serena Williams (Comeback des Jahres) oder der Surfer Kelly Slater
(Alternativsportler des Jahres). Der Amerikaner Slater bedankte sich per Videobotschaft lässig dafür, dass der „traditionelle Sport“ ihn gewählt habe. Die Impressionen vom Surfen, vom Snow- oder vom Kiteboarding oder auch vom Freestyle Motocross vermittelten einen Eindruck davon, wie sich der Sport im Fernsehen oder bei Olympischen Spielen in den nächsten Jahren verändern könnte. Der so genannte Actionsport hat immenses Potential - dagegen wirken die deutschen Biathleten und Rodler ziemlich hausbacken.
Braxenthaler taut auf
Auf der Bühne gab sich der Chiemgauer Martin Braxenthaler, in Turin 2006 Sieger in Slalom, Riesenslalom und Super-G, recht wortkarg. Eine Rede hatte er trotz seiner Nominierung nicht vorbereitet, vielleicht aus Aberglauben. Ihm sei ein Schauer über den Rücken gelaufen, als sein Name aufgerufen wurde, bekannte er. Der 35 Jahre alte sitzende Skirennfahrer, querschnittgelähmt seit einem Unfall 1994, dankte kurz allen Menschen, die ihm geholfen hätten, sein Los zu meistern und Karriere als Behindertensportlern zu machen. „Ich war vor dem Unfall Breitensportler ohne weitere Ambitionen“, erzählte er später. „Ich hätte auf der Bühne eine lange Rede halten können über die Akzeptanz des Behindertensports, aber ich bezweifle, dass ich viele Zuhörer gefunden hätte.“
Selbstbewusst sagte Braxenthaler, dass er die Sportler-Jury sicherlich mit seinen drei Paralympics-Titeln überzeugt habe. „Ich möchte immer an meinem Leistungen gemessen werden, ich möchte nicht mit meiner Leidensgeschichte im Mittelpunkt stehen“, sagte der Traunsteiner. Dass die Behinderten eigene Spiele haben, kurz nach Olympia, aber am selben Ort, bewertet er positiv. „Ich glaube, wir würden im ganzen Trubel untergehen, wenn unsere Rennen ins olympische Programm integriert wären.“ Braxenthaler war es wichtig, auf den Wandel der Paralympics hinzuweisen. „Die Transparenz ist größer geworden, weil es mittlerweile viel weniger Schadensklassen und damit weniger Sieger gibt als früher. Es ist dadurch zwar schwieriger geworden, eine Medaille zu gewinnen, aber die Wertigkeit eines Erfolges ist gestiegen.“ Sein eigener Marktwert ist am Montag in Barcelona wieder ein Stück gestiegen. „Dieser Award ist nach meinen Medaillen das Größte, was mir in meiner Karriere passiert ist.“ Das tut ihm gut, allein vom Sport kann er nämlich nicht leben. Braxenthaler arbeitet als Berater für Hersteller von Rollstühlen und anderen Hilfsmitteln für Behinderte.
Franz Klammers Hoffnungen
Franz Klammer übergab Braxenthaler die Trophäe. Der österreichische Skiheld nutzte die Feiertage von Barcelona auch dazu, für die Salzburger Olympiabewerbung um die Winterspiele 2014 zu werben. Klammer hat die Rolle des Bewerbungschefs erst kürzlich als Nachfolger des plötzlich ausgeschiedenen Berchtesgadeners Fedor Radmann übernommen. „Alle hier beglückwünschen mich zu dieser Aufgabe“, sagte Klammer. Aber überzeugen muss er das Internationale Olympische Komitee, am 6. Juli in Guatemala. Sotschi (Russland) und Pyeongchang (Südkorea) sind die Salzburger Herausforderer. „Es gibt nicht Bronze oder Silber bei diesem Wettbewerb“, sagt Klammer. „Wir wollen gewinnen.“
Barcelona erlebte viele Gewinner, viele Menschen in Feierlaune. Die Zeremonie litt aber darunter, dass der amerikanische Hollywood-Schauspieler Cuba Gooding jr. ein schwacher Moderator war. Eine spontane Flamenco-Einlage von Joaquin Cortes und der Auftritt der Sugababes hoben zwischendurch die Stimmung. Richtig ging die Party jedoch erst los, als die Fernsehkameras aus waren. Draußen prasselte weiter der Regen.
Die Weltsportler 2006 im Überblick:
Sportler des Jahres: Roger Federer (Schweiz) - Tennis
Sportlerin des Jahres: Jelena Isinbajewa (Russland) - Leichtathletik
Mannschaft des Jahres: Italiens Weltmeister-Team - Fußball
Newcomer des Jahres: Amélie Mauresmo (Frankreich) - Tennis
Comeback des Jahres: Serena Williams (USA) - Tennis
Behindertensportler des Jahres: Martin Braxenthaler (Traunstein) - Ski alpin/Monoski
Alternativsportler des Jahres: Kelly Slater (USA) - Surfen
„Lifetime Award“: Franz Beckenbauer - Fußball
„Spirit of Sport Award“: FC Barcelona (Spanien) - Fußball
„Sport for Good Award“: Luke Dowdney (Großbritannien) - „Fight for Peace“-Projekts in Rio de Janeiro