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Britta Steffen muss auf die Schwimm-Europameisterschaften verzichten und kümmert sich um Kinder "Nichts geschieht umsonst im Leben - auch nicht die Krankheit"

03.08.2010 ·  Die 26 Jahre alte Doppel-Olympiasiegerin von Peking 2008 möchte gerne Vorbild für junge Menschen sein. Man dürfe nicht so tun, als wäre der Weg zum Olympiasieg leicht. Kinder, sagt sie aber, könnten grausam sein. Sie selbst wurde in der Klasse gehänselt.

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FRAGE: Sie haben wegen einer Bronchitis Ihre Teilnahme an der Schwimm-Europameisterschaft in Budapest abgesagt. Nun fahren Sie doch hin. Wegen Paul Biedermann?

ANTWORT: Natürlich wegen Paul, aber auch um der Mannschaft die Daumen zu drücken. Die ARD hat mich eingeladen, und damit war ich überredet. Ich bin vergangenes Jahr noch geschwommen und werde in der Wintersaison hoffentlich wieder schwimmen.

Die Beziehung floriert, das Studium leidet?

ANTWORT: Über den Winter werde ich meinen letzten Kurs machen. Dann kann ich meine Bachelor-Arbeit schreiben, mein Praktikum machen und bin durch.

Sind Sie wirklich so krank, oder haben Sie in diesem Zwischenjahr den Sport Sport sein lassen?

ANTWORT: Mein Immunsystem war so angeschlagen, dass ich mir immer wieder Krankheiten eingefangen habe. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, ob ich mir das einbilde. Jetzt hat eine Blutuntersuchung ergeben, dass ich mir im Januar einen Virus eingefangen haben muss, als ich auf Reunion einen Wettkampf geschwommen bin. Ich bin froh, dass ich weiß, was es war und dass ich mich nun gesund auf die nächste Saison vorbereiten kann.

Hat die Erkrankung Ihnen geholfen, andere Prioritäten zu setzen?

ANTWORT: Nichts geschieht umsonst im Leben. Ich konnte in Ruhe studieren und musste nicht zweigleisig fahren. Machen wir uns nichts vor: Wer im Sport Goldmedaillen gewinnen will, will auch im Studium Einsen haben. Aber beides zugleich ist schwierig.

Sie machen ein Studium zum Wirtschaftsingenieur . . .

ANTWORT: . . . Fachrichtung Umwelt und Nachhaltigkeit . . .

. . . und beschäftigen sich mit Kinderarmut.

ANTWORT: Das ist Thema einer Hausarbeit: Woher bekommt man Gelder, um Projekte anzuschieben?

Haben Sie im Alltag mit Kindern zu tun?

ANTWORT: Ich bin Botschafterin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und besuche in dieser Funktion auch Schulen. Ich kann mich aus eigener Erfahrung erinnern, dass man als Kind Vorbilder sucht.

FRAGE: Und? Sind Sie ein Vorbild?

Wenn ich die Hälfte erreiche und die Hälfte der Kinder mitnimmt: Hej, die Britta hat auch viel Mist durchgemacht, sie hat für ein halbes Jahr mit dem Sport ausgesetzt, und dann ging's endlich gut, bin ich zufrieden. Man darf nicht so tun, als wäre der Weg zum Olympiasieg leicht. Ich dachte früher: Wenn Kinder besser sind als ich in der Schule, dann sind sie von Natur aus klüger. Dass zu allem, was du gut kannst, Übung und Selbstdisziplin gehören, erzählt dir niemand.

Wann haben Sie es verstanden?

ANTWORT: Ich war froh, als Franziska van Almsick mich nach Berlin geholt hat. Nicht alle Erfahrungen, die ich gemacht habe, waren schön. Aber sie haben mich auf meinem Weg weitergebracht.

Was erleben Sie nun in der Schule?

ANTWORT: Wenn man Kindern aus sehr einfachen Verhältnissen zeigt, dass man sich für sie interessiert, blühen sie auf. Sie fangen an zu erzählen und zu kuscheln. Ganz oft habe ich Kinder von sieben oder acht Jahren, die eigentlich fremdeln sollten, auf dem Schoß. Das ist einerseits schön, aber es macht mir auch Sorge, dass sie so schnell körperliche Nähe suchen. Kinder versuchen sich etwas zu holen, was sie zu Hause offenbar nicht bekommen. Das bringt sie in Gefahr, seelisch und körperlich ausgenutzt zu werden.

Was bedeutet das?

ANTWORT: Die Kinder spiegeln wider, so ist jedenfalls meine Wahrnehmung, dass es in der Gesellschaft fast nur noch um Materielles geht: Wie viel Kohle hat jemand, welches Auto fährt er oder sie, wie sieht das Haus aus? Kinder fragen mich öfter, ob ich Millionärin bin, und weniger, wie viele Stunden ich trainiere. Man hört eher "Der Ehrliche ist der Dumme" als "Es macht Spaß, anderen zu helfen".

Erinnert Sie das an Ihre eigene Kindheit?

ANTWORT: Kinder können grausam sein. Als ich eine Brille bekam, hieß es in meiner Klasse: "Brillenschlange". In solchen Momenten brauchen Kinder den Rückhalt durch ihre Eltern.

Kann Sport Sicherheit und Rücksichtnahme vermitteln?

ANTWORT: Viel zu wenig wird darüber gesprochen, dass Kinder Bewegung brauchen, um gesund zu bleiben. Schokolade macht nicht glücklich, sondern im Übermaß übergewichtig. Kinder, die das nie gelernt haben, werden so lethargisch, dass sie mit zehn Jahren schon fast verloren sind für Bewegung und Aktivität. Viel zu wenige Kinder haben Zugang zum Sport. Ich fand es gut, dass zu uns in den Kindergarten Trainer kamen, um Talente zu finden.

. . . die Überbleibsel der DDR-Talentsuche?

ANTWORT: Ohne diese Überbleibsel wäre ich wohl nicht zum Sport gekommen.

Sie haben bei einer Veranstaltung für die Olympischen Jugendspiele gesprochen, die Ende nächster Woche in Singapur beginnen. Vermitteln diese Spiele der Vierzehn- bis Achtzehnjährigen die Werte, die Sie so oft vermissen?

ANTWORT: Das Programm hat einen ganzheitlichen Ansatz. Wenn die jungen Sportler sich gegenseitig zu verstehen lernen bei den vielen geplanten gemeinsamen Aktivitäten, können sie erleben, dass Miteinander und Fairness etwas Schönes sind. Vielleicht wirkt das sogar als Doping-Prävention. Aber für alle diejenigen, die nicht an Olympischen Spielen teilnehmen, sollte es endlich täglich Sport in der Schule geben.

Die Fragen stellte Michael Reinsch.

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