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Sport in der Hansestadt : Hamburger Hochglanzstrategie

  • -Aktualisiert am

Klassiker: Auch der Marathon macht die Sportstadt Hamburg aus Bild: picture-alliance/ dpa

Große Ziele in der Hansestadt: Mit einem Zehn-Punkte-Plan will Hamburg den Sport in der Spitze und Breite stark fördern. Sogar eine Olympiabewerbung wäre in Zukunft wieder möglich.

          Normalerweise sitzt man bei Zeugniskonferenzen nicht mit im Raum. Dass man zu seinem Zeugnis später etwas sagen darf, ist auch ungewöhnlich. Der Hamburger Innen- und Sportsenator Michael Neumann (SPD) durfte. Neumann saß kürzlich im Rathaus und hörte sich beim ersten Sportkonvent an, wie fünf Fachleute das gerade abgelaufene erste Jahr seiner Dekadenstrategie „Hamburg macht Sport“ beurteilten. Was ihm zu Ohren kam, wird ihn kaum überrascht haben: Manches ist erreicht, vieles ist angeschoben und einiges noch gar nicht begonnen. „Wir haben mit der Dekadenstrategie ein Alleinstellungsmerkmal“, sagte Neumann, „aber bis wir überall auf der Handlungsebene ankommen, wird es noch anstrengend und teuer.“

          Neumann will den Sport in der Hansestadt von der Breite bis zur Spitze auf Hochglanz polieren. Diese in Deutschland einzigartige sportpolitische Ausrichtung soll irgendwann zu einer Hamburger Olympiabewerbung führen - und das, ohne den Breitensport zu vernachlässigen.

          Das Ziel: moderner Metropolensport

          Der 42 Jahre alte Berufspolitiker arbeitet seit März 2011 als Senator der Hansestadt. Damals war es eine seiner ersten Handlungen, die „Zukunftskommission Sport“ zu gründen. Dort grübeln Fachleute von Sportamt, Hamburger Sport-Bund, Olympiastützpunkt und Handelskammer unter dem Vorsitz des früheren Segel-Weltmeisters Michael Beckereit darüber, wie Breiten-, Schul- und Hochleistungssport besser verzahnt werden können. Aus den Ideen, Vorschlägen und Plänen der Kommission wurde die Dekadenstrategie „Hamburg macht Sport“. Sie beschreibt in zehn Zielen, wie der Sport bis 2020 zum modernen Metropolensport wachsen soll - mit der Vorgabe, dass sich Hamburg dann aussichtsreich um die Ausrichtung jeder internationalen Meisterschaft bewerben kann.

          Die Dekadenstrategie ist Leitlinie des Hamburger Sports. Sie ist unabhängig von der jeweiligen Regierung. „Es gibt jetzt eine Stringenz in der Sportpolitik“, sagt Neumann. Wo früher vieles nur ein Lippenbekenntnis war, sitzt jetzt einer, der es ernst meint - auch im Eigeninteresse: Sein Hauptressort, das Innere, lässt kaum Raum zum Glänzen. Mit dem Zukunftsressort Sport lässt sich beim Wähler punkten. Neumann gibt das zu. Er weiß, dass Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) seinen Kurs unterstützt.

          Dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) gefällt Neumanns Konzept so gut, dass Präsident Thomas Bach und Generalsekretär Michael Vesper den Hamburger Weg als „vorbildlich“ lobten - und damit die Diskussion lostraten, ob die Hansestadt sich für die Olympischen Spiele 2028 oder später bewerben sollte. Eine solche Bewerbung brauche lange Vorarbeit, sagt der Senator, sie dürfe nicht wie 2002 für alle überraschend sein: „Bevor wir uns für Olympische Spiele bewerben, sollten in den Hamburger Sporthallen keine Wasserhähne mehr tropfen.“ Vor zehn Jahren scheiterte Hamburg im internen Bieterwettbewerb um die Spiele 2012 trotz eines stimmigen Konzepts an Leipzig; auch, weil die Bewerbung wenig Rückhalt beim damaligen DSB hatte. Inzwischen krempelt Hamburg seine Sportpolitik derart aussichtsreich um, dass die Stadt auf Sicht einziger deutscher Kandidat für Sommerspiele sein könnte.

          Lampen an der Laufstrecke

          Der Sportkonvent ist dabei der Clou. Beim ersten Mal fiel die Kritik noch dezent aus. Ruder-Olympiasieger Eric Johannesen mahnte etwa an: „Die Vergütung und Arbeitsplatzsicherheit für Trainer müssen verbessert werden.“ Darüber hinaus forderte er, Hamburg solle im Rudern nicht nur Events ausrichten, sondern sich um internationale Meisterschaften bewerben. Neumann schrieb eifrig mit, sagte mit Blick auf die Finanzen aber auch: „Vor dem Wagen kommt das Wägen.“ Nicht alles soll gefördert werden. Dass der Judo-Weltcup ausfiel oder das Hockey-Masters einen neuen Standort sucht, kann und will Neumann nicht verhindern: „Der Staat kann nicht jede Ausfallbürgschaft übernehmen.“ Anderes schätzt er sehr - sein Lieblingsprojekt Wassersportspektakel etwa, das im Sommer 2013 wieder auf der Binnenalster stattfinden soll, dann um Kanu-Rennen und Stand-up-Paddling angereichert. Durch solche Veranstaltungen unter dem Motto „Die Stadt als Stadion“ soll Hamburg weiter an Profil als Sportstadt gewinnen.

          Seichte Sportunterhaltung: Stand-Up-Paddling gehört auch 2013 wieder ins Hamburger Programm

          Doch es geht Neumann nicht nur um spektakuläre Ereignisse mit vielen Zuschauern. Zwei Lieblingsthemen hat er in seine ehrgeizige Agenda aufgenommen, Freizeitsport und Integration. Jüngst ergab eine Umfrage, dass es in Hamburg 400.000 vereinslose Sportler gibt. Mit einfachen Verbesserungen will Neumann ihnen eine Heimat geben: Lampen an der Laufstrecke, dazu ein Café, in dem Freizeitläufer für ein paar Euro duschen, die Kleidung wechseln und hinterher etwas trinken können. Wem Joggen zu spießig ist, kann sich im Boom-Stadtteil Wilhelmsburg umschauen. Angeschoben mit Fördermitteln für die Internationale Gartenschau 2013, entstehen im strukturschwachen Süden Kletterhalle, Kanustrecke, Hochseilgarten und Skateranlage. Als innovativ über Deutschland hinaus bewerten Insider das Projekt, das sich vor allem an junge Menschen ohne Vereinsbindung richtet.

          Zum Thema Integration sagt Neumann: „Sport ist ein durchlässiger Gesellschaftsbereich, da fällt es einem Ausländer, der woanders keine Chancen in Deutschland sieht, viel leichter, eine Karriere zu starten.“ Dabei betrübt es ihn, dass die Hamburger Schwerpunktsportarten Rudern, Hockey und Beachvolleyball einen verschwindend geringen Anteil an zugewanderten Sportlern haben. Noch sind acht Jahre Zeit, im Rahmen der Dekadenstrategie Sport auch daran etwas zu ändern.

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