27.09.2007 · Im August 2008 schaut die Welt auf China: Während der Staat ein Jubelfest zur Steigerung seines Ansehens vorbereitet, denken Einzelne auch darüber nach, welche nachhaltigen Veränderungen die Olympischen Spiele für ihr Land bringen könnten. Michael Horeni berichtet aus Peking.
Von Michael Horeni, PekingEs ist ein Tag, wie gemacht von der Partei. Die Ausläufer des Taifuns „Wipha“ haben den Smog vom Himmel gewaschen, die Luft ist frisch, und im Norden tauchen die ansonsten vom giftigen Dunst verschleierten Berge auf. Zwei Tage wird der Smog brauchen, um die 16-Millionen-Stadt wieder in den Schwitzkasten zu nehmen. Aber dieser sonnige Tag ist ein Postkartentag in Peking, und dazu müssen nicht einmal Raketen in den Himmel geschossen werden, wie es die Regierung vorhat, um im nächsten Jahr die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele von Wolken zu befreien.
Am 8. August 2008, wenn die Welt auf China schaut, soll die Hauptstadt auch von oben erstrahlen (Siehe auch: Vorolympischer Besuch: Blond in Beijing). Aber dieser Morgen ist ein ganz normaler Septembermorgen, und trotzdem ist er etwas Besonderes für die „Beijing Sport University“. Das neue Semester hat begonnen, es ist das Olympia-Semester, und von überall aus dem Land kommen neue Studenten. 2484 sind es, und sie werden diesmal ihr Studienjahr ein paar Monate früher beenden. Die Uni wird für Olympiateams gebraucht, und Olympia ist wichtiger als die Lehre. Es ist wichtiger als alles andere für China.
Einschreibung im Freien
Am Eingangstor wird Li Fu aus dem Süden des Landes von einer überlebensgroßen Mao-Statue begrüßt. Dahinter offenbart sich ein kleines Stück Amerika, zumindest auf den ersten Blick. Das Sportministerium hat aus der Universität ein Kleinod gemacht. Vor vier Jahren, zum 50. Gründungstag der Universität, wurde alles sorgfältig renoviert und kostspielig erweitert. Noch immer werden neue Komplexe geschaffen. In ein paar Monaten müssen sie fertig sein, und sie werden fertig sein. Man sieht, dass Geld keine Rolle spielt. Li hat wie seine Kommilitonen keinen Blick für Mao, er sucht, zwei abgenutzte Koffer schleppend, seine Fakultät.
Die Fachbereiche haben Tische nach draußen gestellt. Die Einschreibung findet im Freien statt, unter Silberpappeln. Die Straßen der Universität wimmeln von stolzen Menschen, denn es sind nicht nur die neuen Studenten, die an diesem Tag gekommen sind. Es sind ganze Familien. „Auf einen Studenten kommen am ersten Tag drei Verwandte. Das gibt es nur in China“, sagt Yongmin Hua, Dozent an der Sport-Universität. Die Überbehütung, die aus dem ersten Tag an der Uni einen Familienausflug macht, ist eine der Folgen der Ein-Kind-Politik, und sie wirkt in diesem Fall besonders grotesk, weil Absolventen wie Li gute Chancen haben, einmal zur Elite des Landes zu gehören.
Aus „Olympic Garden“ wird „Champions Garden“
China hat sich vorgenommen, bei Olympia die Amerikaner zu überholen. Sie wollen der Welt zeigen, dass sie die neue Nummer eins sind, und das kann man auch als symbolischen Akt verstehen. Mit der Eröffnungsfeier in knapp einem Jahr soll das Feuer für die Weltmacht des 21. Jahrhunderts entzündet werden, und der Sport-Universität fällt bei dieser Unternehmung eine bedeutende Rolle zu. „Die Universität ist sehr wichtig für Chinas Sport. 60 bis 70 Prozent der Führungskräfte aus dem Sportministerium sind hier ausgebildet worden“, sagt Hua. Das sind die Gehirnzellen des Sports, die den Plan entworfen haben und vor Olympia mit Geld und Macht ausgestattet worden sind wie nie zuvor. Für die Muskelzellen, die hier ausgebildet wurden, ist ein Garten angelegt worden.
Eigentlich sollte er „Olympic Garden“ heißen, aber das hat das Internationale Olympische Komitee verboten. Jetzt heißt er „Champions Garden“. Der gepflasterte Weg hindurch ist Hollywood nachempfunden, auf Granitplatten haben Medaillengewinner, Weltmeister und Olympiasieger ihre Fußabdrücke gesetzt. Bei den Spielen in Athen hat die Universität mehrere Goldmedaillen geholt. Irgendwo in der Mitte gibt es eine Platte mit nur einem Fußabdruck. Der Fußabdruck gehört Wang Juan, sie hat bei den Paralympics im Weitsprung Silber gewonnen. Am Ende des Gartens sind noch viele Granitplatten unbeschriftet. Man hat vorgesorgt für 2008.
„Sport für Entwicklung, das finde ich sehr gut“
Hua hat jahrelang für eine regionale Parteigröße gearbeitet. Er hätte etwas werden können in der Partei oder beim Organisationskomitee. Er hatte Angebote, doch weit mehr als Macht schätzt Hua die akademische Freiheit. Er hat ein Jahr in der Schweiz studiert und in 300 Stunden Deutsch gelernt. Er spricht es mit einem leichten Berner Akzent. Hua lehrt Sport-Soziologie in Peking, es ist ein Exotenfach an einer Universität, die sich vorgenommen hat, vor allem Resultate und Sieger zu produzieren. Der Gründer der Universität war ein Kommandant des großen Revolutionsführers, und in militärischer Tradition steht die Universität noch heute. Deswegen ist auch Mao noch da. Hua aber spricht viel von Humboldt und Habermas, wenn er über China und den Sport spricht, und man merkt, dass Hua einen Traum hat. Es ist der Traum vom Sport für alle in seinem Land, und was dahinter aufscheint, ist nichts Geringeres als der Aufbau einer Zivilgesellschaft.
Mit dem Sport und dem Leben in China hat dieser Traum noch nicht viel zu tun. Es gibt dort nur einen Weg, wie Entscheidungen getroffen werden: von oben nach unten. So funktioniert auch die Sport-Universität. Die normalen Studenten sind in kärglichen Sechserzimmern untergebracht. Doktoranden wohnen zu zweit, sie bekommen auch besseres Essen. Die wenigen ausländischen Studenten dürfen auf dickeren Matratzen schlafen. „Sport für Entwicklung, das finde ich sehr gut“, sagt Hua. Es ist eine Idee der Vereinten Nationen, und es geht dabei nicht um Medaillen, sondern um den Kampf gegen Armut, für Bildung, für Gleichberechtigung, für Minderheiten, für Gesundheitsvorsorge, für ökologische Nachhaltigkeit und den Aufbau globaler Partnerschaft.
Hua: „Ein Fahrrad ist nur ein Transportmittel“
Hua muss viel Aufklärungsarbeit leisten. „Durch Olympia können die Leute viele verschiedene Sportkulturen kennenlernen“, sagt er, „dafür ist Olympia gut.“ Hua wünscht sich, dass die Chinesen verstehen, „dass Sport nicht nur Leistung ist, sondern auch Spaß“. Doch danach sieht es nicht aus. Nie zuvor waren Medaillen und Siege wichtiger, und deswegen kann sich Hua auch nicht so recht auf Olympia freuen. Er hat mit Sport anderes im Sinn, und was sich ändern soll, dafür erzählt er die Geschichte von China und den Fahrrädern. „Wir sind eine Nation des Fahrrads, aber warum zeigen wir dann im Radsport keine guten Leistungen? Weil hier niemand wie in Europa Fahrrad fährt, weil er Freude daran hat und es ihm guttut. Ein Fahrrad ist nur ein Transportmittel“, sagt Hua.
Der Soziologe denkt Sport vom Individuum, und das ist in China ein sehr fremder Gedanke. In den vergangenen Jahren habe sich einiges getan, findet Hua. Kein Vergleich zu den Zeiten vor zwanzig Jahren, „aber wir haben immer noch zu wenig Sportflächen für die normalen Leute. Richtig Sport kann man eigentlich nur in Schulen und Universitäten betreiben.“ An Sport auf dem Land darf man gar nicht denken, und in den Städten müssen die Leute sich Hallen und Plätze mieten, aber viele können das nicht. „Wir haben für Sport nur die Regierung und den Markt“, sagt Hua, „das ist zu wenig. Es fehlt die Gesellschaft.“
Auf einer Linie mit der Verbotenen Stadt
Wie der Staat den Sport versteht, ist ganz in der Nähe gut zu beobachten. Die Universität liegt unweit des neuen Olympiageländes. Es ist nahezu unmöglich, sich zu nähern. Das Olympiastadion ist Sperrgebiet. Aus Sicherheitsgründen dürfe niemand hinein, heißt es. Schon die Lage des Stadions gibt einen Hinweis auf die Ambitionen, die das Regime damit verbindet. Es liegt auf der Nord-Süd-Achse der Stadt, auf einer Linie mit der Verbotenen Stadt und dem Platz des Himmlischen Friedens, den beiden großen Monumenten der Vergangenheit. Bis zur Eröffnungsfeier wird das Olympiastadion so etwas wie das Verbotene Stadion sein.
Die vielen ineinander verwobenen Stahlträger wirken wie zufällig an ihrem Platz, dabei ist alles raffiniert durchdacht, so wie Vögel ihr Nest bauen. Die Pekinger nennen das Stadion auch liebevoll ihr Vogelnest. Dieses gibt es jetzt als Modell, manche überzogen mit Gold. Die teuerste Version kostet rund 400 Euro, sie ist gemacht aus dem gleichen Stahl wie das Stadion. Im Norden der Stadt liegt auch das Büro von Ulrike Ellmann. Abends kommen viele Chinesen auf die Wiese dorthin zum Thai Chi. Ulrike Ellmann leitet das Pekinger Büro der umsatzstärksten Eventagentur in Deutschland. Sie hat mit der glänzenden Seite von Chinas Aufstieg zu tun, sie gestaltet unter anderem Events für große deutsche Automobilfirmen und zuletzt auch für die beiden großen Sportausrüster.
„Die großen Firmen sind alle schon in China“
Wegen Olympia arbeitet die Agentur auch mit dem Deutschen Olympischen Sportbund zusammen. Die Agentur wird für die Spiele das Deutsche Haus in Peking herrichten. Es wird der deutsche Treffpunkt bei Olympia sein, so wie er das immer ist. Ulrike Ellmann merkt schon jetzt, was Olympia für deutsche Unternehmen bedeutet: „Die großen Firmen sind alle schon in China. Aber es zieht jetzt in der ganzen Breite an. Olympia ist ein must do“, sagt sie. „Es ist wie ein Startschuss.“ Mit der Dynamik und Schnelligkeit und auch den speziellen Regeln hat sie in Peking seit drei Jahren zu tun. Sie erlebt ein anderes Tempo als in Deutschland. „Wofür man bei uns sechs Monate braucht, geht hier oft in sechs Wochen.
John Yan hat auch mit der anderen Seite des Staates zu tun, mit derjenigen, die nicht immer will, dass alles läuft. Yan ist Vizepräsident eines Medienkonzerns. „Titan Sports“ ist das Flaggschiff des Konzerns, aber sieben weitere Magazine gehören noch dazu. Das Sportblatt erscheint dreimal die Woche und hat eine durchschnittliche Auflage von 1,5 Millionen. Es ist nicht nur die Sportzeitung mit der höchsten Auflage in China, es ist das stärkste Blatt überhaupt, sieht man einmal ab von der parteiamtlichen „Volkszeitung“.
Fußball-WM keine Generalprobe für Olympia
In der Donghuashi Road ist aber nichts davon zu sehen, dass hier eine Massenzeitung gemacht wird. Es gibt Probleme mit den Behörden, ein entsprechendes Firmenschild anbringen zu lassen. Bis zu den Spielen will „Titan Sport“ weiter expandieren. Sie werden dann täglich erscheinen und wollen 800.000 Exemplare jeden Tag verkaufen. Doch das wird nicht einfach. Denn die Spielzeiten auch der beliebtesten Profisportarten, Fußball und Basketball, sind vom Ministerium wegen Olympia radikal verkürzt worden, im Frühjahr ist Schluss. Den Klubs gefällt das nicht, sie haben weniger Spiele und weniger Einnahmen. Aber sie können nichts dagegen tun.
Auch für „Titan Sport“ ist das nicht gut. Die Leser lieben die aktuelle Berichterstattung. Die an diesem Wochenende in Schanghai endende Frauenfußball-WM ist für „Titan Sport“ daher keine große Sache, schon gar nicht, seit die Chinesinnen im Viertelfinale ausgeschieden sind. Eine Generalprobe für Olympia ist das nicht, dafür ist die Sache viel zu klein. Sieben Seiten haben sie dagegen vergangene Woche von der europäischen Champions League produziert. Die Spiele enden in China morgens gegen halb fünf, um acht ist das Blatt im ganzen Land zu haben. Davon können die Leser nicht genug bekommen. „Aber die olympische Idee versteht die Öffentlichkeit in China nicht wirklich“, sagt Yan.
Er hat die Ideale von Pierre de Coubertin auswendig im Kopf. „Es geht um den Geist, aber in China wird das wohl zu einer Medaillenzählshow.“ In der Zeitung wollen sie auch ihren Lesern in den kommenden Monaten näherbringen, was Olympia eigentlich bedeutet. Er weiß, dass es eine mühsame Aufgabe wird. Yan wird die Reporter um die Welt schicken, in die früheren Ausrichterstädte. Sie sollen berichten, wie sich die Städte danach entwickelt haben. „Wir wollen erzählen, was die Spiele bewirken können“, sagt Yan. Es geht um Veränderungen, die von Olympia ausgehen können, und das ist auch die Hoffnung von John Yan für sein Land.
Berlin ´36 lässt grüssen
Gabor von Zoltan (Putinras)
- 27.09.2007, 14:01 Uhr
Berlin 36
Ralf Schneider (ralf61)
- 27.09.2007, 16:04 Uhr
China, Olympia und Berlin
norbert hoffmann (nobby56)
- 27.09.2007, 16:10 Uhr
Fliessende Grenzen der Moral
Gabor von Zoltan (Putinras)
- 27.09.2007, 17:07 Uhr
Na und?
Marcel Meier (MarcelMeier)
- 27.09.2007, 22:48 Uhr