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Sport-Glosse Gold fürs Neandertal

01.11.2009 ·  Aborigines liefen schneller als Bolt. Tutsi-Männer sprangen höher als Sotomayor. Seit sich die Männer vom Jäger/Sammler zum Arbeiter/Angestellten entwickelten, sind ihre Leistungen mickriger geworden. Die Sportstars von heute sind die Schlappschwänze von gestern.

Von Thomas Klemm
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Für viele Menschen ist der Sport auch deshalb faszinierend, weil er Gewissheiten vorgaukelt. Sportliche Leistungen sind in Metern, Minuten, Toren und Punkten messbar, und weil sich die Erfolge in Rekordlisten und Tabellen niederschlagen, erscheinen sie als objektive Tatsachen: Kein Mensch kann schneller laufen als Usain Bolt 2009, kein Mensch höher springen als Javier Sotomayor 1983, und kein Deutscher ist so kräftig wie Gewichtheber Matthias Steiner, der nach seinem Olympiasieg 2008 als „stärkster Mann der Welt“ gerühmt wurde. Manchmal allerdings geraten Gewissheiten, die gerne in Superlativen abgefeiert werden, ins Wanken, und eine Höchstleistung wird plötzlich zu einer Glaubensfrage: Ist der Rekord auf natürliche Weise zustande gekommen? Spiegelt er das gestiegene Leistungsvermögen des Menschen wider - oder deutet er doch eher auf Fortschritte in der Pharmaindustrie hin? Zweifel an Resultaten beseitigen oder bestätigen in der Regel die Doping-Labors.

Jetzt hat sich ein Wissenschaftler aus einer anderen Disziplinen aufgemacht, angebliche Höchstleistungen zu relativieren. Der Anthropologe Peter McAllister hat jahrelang fossile Funde und historische Hinweise untersucht und ist zu Ergebnissen gekommen, die niederschmetternd sind für alle Fortschrittsgläubigen. Denn der moderne Mann, den der Australier ins Visier seiner Studien genommen hat, entpuppt sich im Vergleich zu seinen Ahnen aus grauer Vorzeit nicht gerade als Zier seines Geschlechts. Selbst der Trainingsaufwand von Hochleistungssportlern, so McAllister, komme nicht „an die Herausforderungen heran, die früheren Menschen bei der Jagd auf Tiere abverlangt wurden“. Seit sich die Männer vom Jäger/Sammler zum Arbeiter/Angestellten entwickelt hätten, seien ihre Knochen kleiner und ihre Muskeln mickriger geworden. Selbst die Frauen aus dem Neandertal hätten mehr Muskelmasse gehabt als die Männer aus dem jetzigen Europa. Die Sportstars von heute sind also nichts anderes als die Schlappschwänze von gestern.

Seine Provokationen weiß der Anthropologe zu belegen. 20.000 Jahre alte Fußabdrücke von Aborigines wiesen darauf hin, dass die Männer mit einem Tempo von 37 Kilometern pro Stunde Tiere gejagt hätten - auf Lehmboden! Hätten sie damals Laufschuhe mit Spikes und die moderne Trainingslehre gekannt, so McAllister, wären sie auf einer Stadionbahn dem 42 Kilometer pro Stunde schnellen Usain Bolt locker davongeeilt. Tutsi-Männer aus Ruanda hingegen hätten Javier Sotomayor alt aussehen lassen, weil Fotos bewiesen, dass sie früher bei Stammesfeiern bis zu 2,52 Meter hoch sprangen.

Und der Mann von heute? Er hält vor allem einen Weltrekord: in Bequemlichkeit.

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Jahrgang 1966, Sportredakteur.

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