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Sport an der Basis Eine Frage der Lebensqualität

10.03.2010 ·  Der große Sport findet im Kleinen statt: er ist wichtig für Lebensqualität, Integration und Volksgesundheit. Doch die Krise der Finanzen ist auch eine Krise des Sports in den Kommunen.

Von Christian Eichler, München
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er große Sport findet im Kleinen statt. Im Dorf, in der Kleinstadt, im Großstadtviertel - dort, wo die breite Basis ist und der große Teil des Sporttreibens. In diesem Sommer erhält diese lokale Kraft ein globales Schaufenster. Besucher des Deutschen Pavillons auf der Expo in Schanghai können dann eine Luftaufnahme studieren, auf der die Sportanlage einer süddeutschen Kleinstadt zu sehen ist. „Ein starker Sport“, so die Worte, mit denen Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), am Wochenende den Kongress „Starker Sport - starke Kommunen“ in München eröffnete, „macht Städte und Gemeinden stark und zu Orten mit hoher Lebensqualität.“ Das vereinseigene Sportgelände des TV Rottenburg ist auserwählt, stellvertretend für diese Art deutscher Lebensqualität zu stehen.

Sie leidet allerdings in vielen Teilen des Landes. Der öffentlichen Hand, speziell den Kommunen, geht es schlecht. „Wir sind vom Weltmeister des Sportstättenbaus in den siebziger und achtziger Jahren zum Verbandsligisten geworden“, sagt Andreas Klages, stellvertretender Direktor für Sportentwicklung im DOSB. Es gebe einen „gigantischen Sanierungs- und Modernisierungsstau“. Deshalb seien Sportstätten vom Katalysator des Sporttreibens zum Engpass geworden. Die Folge: „Die alte Aufgabenteilung Kommune baut, Verein nutzt funktioniert so nicht mehr. Die Vereine müssen einen höheren Anteil an den Sportstätten übernehmen.“ So wie in Rottenburg.

„Eine Krise der Finanzen ist immer auch eine Krise des Sports“

Nicht nur die Aufgabenteilung, auch die Kommunikation der beiden wichtigsten Stützen des Breitensports - Klubs und Kommunen - braucht neue Ideen und Impulse. Das war der Kernpunkt des von Klages mitorganisierten Kongresses, der auf die 2008 geschlossene Kooperation von DOSB, Deutschem Städtetag und Deutschem Städte- und Gemeindebund zurückging. Das im Titel genannte, kraftvoll klingende Doppel „Starker Sport - starke Kommunen“ sei angesichts der finanziellen Realität allerdings „kein Zustand, sondern eine Forderung“, räumt der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude ein.

Die Auszeichnung „Sterne des Sports“ honoriert die ehrenamtliche Arbeit in Deutschland. Die besten 17 von mehr als 90.000 Vereinen wurden von Bundeskanzlerin Merkel ausgezeichnet: „Ein kleines Dankeschön an alle, die sich ehrenamtlich engagieren.“

„Eine Krise der Finanzen ist immer auch eine Krise des Sports“, sagt Klages. In dieser Not rücken Kommunen und Klubs zusammen. „Die Städte wissen, dass sie starke Vereine brauchen“, so Ude, „und der Sport weiß, dass die Städte nicht absaufen dürfen.“ Der Kommunalpolitiker sagt: „Unsere Integrationsaufgaben sind ohne Sport nicht zu lösen. Die Vereine sind das erste und oft einzige Instrument der Integration“, dank gemeinsamer Sprache und gemeinsamer Regeln.

Der Arzt kann Sport im Verein verschreiben

Mehr und mehr müssten die Kommunen Teilaufgaben auslagern, so Ude, der in seiner Eröffnungsrede „mehr Kreativität in der Zusammenarbeit zwischen Kommunalpolitik, Verwaltung und Sportorganisationen“ anregte. Klages, der Mitorganisator des Kongresses, sieht dafür zahlreiche Schnittmengen - in Gesundheitspolitik, Prävention, Integration. Der Sport habe „viele Antworten auf die Herausforderungen der Gesellschaft“, auf demographischen Wandel, Integration, schulische Entwicklung.

Ein Beispiel ist ein Projekt in Nordhessen, das durch die Kooperation zwischen kommunalen Gesundheitsämtern, Krankenkassen, Ärztekammern und Vereinen möglich wurde. „Wenn jemand dort mit unspezifischen Rückenbeschwerden oder einer anderen der sogenannten Zivilisationskrankheiten zum Arzt geht“, so Klages, „kann der Arzt ihm Sport im Verein verschreiben, und die Kasse übernimmt die Kosten zum Teil oder sogar ganz.“ Dieses Angebot, über das viele Kongressteilnehmer „Bauklötze gestaunt“ hätten, solle demnächst auf ganz Hessen ausgeweitet werden.

„Die Ganztagsschule ist eine Realität, mit der der Sport leben muss“

Andererseits ist die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Vereinen durch den Wechsel vom neun- auf das achtjährige Gymnasium schwieriger geworden. Die Ausweitung der Schulzeiten in den Nachmittag führt zu Engpässen bei Hallenzeiten der Klubs und zu schrumpfender Freizeit bei Schülern, die oft zu Lasten des Vereinssports geht. Das erfordere eine größere Bereitschaft zur Zusammenarbeit, so Klages, etwa bei Detailabsprachen über Hallen- und Nutzungszeiten - und ebenso einen Bewusstseinswandel im organisierten Sport: „Die Ganztagsschule ist eine Realität, mit der der Sport leben muss.“

Solche kleinen, in der Summe der Gesellschaft aber gewaltigen Probleme und die Versuche, sie zu lösen, sind in der großen Öffentlichkeit nicht sehr präsent, weil dem Sport an der Basis, so Klages, „Aufmerksamkeit in der politischen Dimension“ fehle. Die Sportförderung durch den Bund bekam zuletzt eine Plattform durch die Medaillen der zahlreichen Staatssportler aus Bundeswehr oder Bundespolizei bei den Winterspielen in Vancouver. Viel weniger bekannt ist, „dass achtzig Prozent der öffentlichen Sportförderung, über drei Milliarden Euro im Jahr, von den Kommunen kommen“, wie Ude betont. Der große Sport ist an der Basis. Olympia ist nur das große Schaufenster.

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