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Spitzensportreform : Auf der Suche nach dem richtigen Weg

  • -Aktualisiert am

Schuften für Olympia: Jonathan Koch (rechts) und Lucas Schäfer mit ihren Kollegen Tobias Franzmann und Lars Wichert (von links) im Leichtgewichts-Vierer von Rio. Bild: Picture-Alliance

Die Spitzensportreform hinterlässt bei vielen Athleten zwiespältige Gefühle. Es herrscht Verunsicherung, ob die Kriterien den Bedürfnissen der Sportler gerecht werden. Vier Beispiele.

          Vor einem Monat hat die Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) das neue Konzept der Spitzensportförderung auf den Weg gebracht. Mehr Geld wird vom Bund zur Verfügung gestellt, doch nicht alle werden profitieren: Gefördert werden Disziplinen und Athleten, die in Zukunft Medaillen versprechen. Noch ist vieles unklar, doch der Rahmen steht. Viele Olympiateilnehmer treibt die Reform mit Blick auf ihre eigenen Perspektiven um - auch in Hessen. Vier Beispiele aus Rudern, Leichtathletik und Schießen.

          Planwirtschaft!

          Vor vier Jahren stellte Jonathan Koch sich schon einmal diese grundsätzliche Frage: Weitermachen mit dem Hochleistungssport, um nach seiner Teilnahme 2008 abermals die Chance auf Olympische Spiele zu haben? Oder loslassen und das Leben nach der Sportkarriere einleiten? Koch, der Leichtgewichtsruderer aus Gießen, entschied, eine weitere Olympiade dranzuhängen - unter einer Bedingung: Er wollte in die Sportfördergruppe der Bundeswehr aufgenommen werden, statt weiter auf finanzielle Förderung aus Stiftungen und Stipendien angewiesen zu sein. Das Studium der Sportwissenschaft stand wiederum hintan; Spannungen mit Dozenten, die bisweilen wenig für Kochs trainings- und wettkampfbedingte Abwesenheit übrighatten, inklusive. „Ich habe diese Opfer gerne gebracht“, sagt der 31-Jährige.

          „Wäre ich acht Jahre jünger, würde ich mich für das Studium entscheiden“: Jonathan Koch
          „Wäre ich acht Jahre jünger, würde ich mich für das Studium entscheiden“: Jonathan Koch : Bild: Picture-Alliance

          Neidisch blickt er nach Großbritannien, wo Mitglieder der Nationalmannschaft Verträge mit festem Gehalt und Studienplatzgarantie bekämen. Tatsächlich hat der britische Sport hinter sich, was hierzulande der DOSB jüngst auf den Weg gebracht hat: eine grundlegende Reform der Spitzensportförderung. Drei Dinge stören Koch jedoch am Konzept von DOSB und Bundesregierung. Durch das erklärte Ziel, Disziplinen nach ihrer Aussicht auf olympische Medaillen zu fördern, steige der Druck auf die Bundestrainer, ein paralleles Studium ihrer Athleten zu verhindern. „Ihnen geht es in erster Linie um ihre Existenz. Dass sie kein Verständnis haben, wenn ihre Sportler Zeit in der Uni verbringen, ist verständlich“, sagt Koch. „Das System wird diesem Konflikt nicht gerecht.“

          Auch die geplante Zentralisierung beurteilt er kritisch. Die Idee, Sportler an Stützpunkten zusammenzuziehen und aus ihrem funktionierenden Umfeld zu reißen, hält er für athletenunfreundlich. „Die Stützpunkte sind nicht attraktiv, sonst würden doch alle von selbst dorthin ziehen. Es jetzt so zu diktieren ist Planwirtschaft.“

          Drittens alarmiert ihn die Analyse der Erfolgsaussichten, auf der das ganze Fördersystem basieren wird: zu komplex, undurchsichtig, intransparent. „Ich sehe da vor allem ein Expertengremium, das die zukünftige Abhängigkeit von sich selbst in die Wege geleitet hat.“ Und überhaupt: „Wir als Gesellschaft können es uns doch leisten, Sportler zu Olympia zu schicken, die für Werte des Sports stehen und denen nicht zwingend eine Medaille um den Hals baumelt.“

          Dass seine Heidelberger Ruder-Kollegin Carina Bär, immerhin Olympiasiegerin von Rio, mit 26 kurzerhand ihre Karriere beendet hat, findet Koch angesichts all dessen rational. Der Athlet der Frankfurter Rudergemeinschaft Germania bleibt ganz gelassen, was seine eigenen Perspektiven betrifft. Er hat seine Bachelorarbeit abgegeben und will fortan seinem Masterstudium Vorrang einräumen. Es wird allmählich Zeit, sagt Jonathan Koch. Ob er weiter internationale Ambitionen hat? „Das hängt davon ab, wie sich unsere Sportart insgesamt entwickelt.“ Sein Fazit klingt ernüchtert: „Wäre ich acht Jahre jünger, würde ich mich für das Studium entscheiden.“

          Tokio fest im Blick

          Von Resignation ist bei Lucas Schäfer nichts zu spüren. Der gebürtige Marburger hält die Spitzensportreform nicht gerade für einen Segen. Mit dem neun Jahre älteren Koch saß er in Rio de Janeiro gemeinsam im Leichtgewichts-Vierer. Das Boot scheiterte im Halbfinale. Wie Koch wohnt Schäfer mittlerweile in Frankfurt. Er studiert in Gießen Ökotrophologie. Rio waren Schäfers erste Olympische Spiele. Der 22-Jährige legt sich fest: „In Tokio möchte ich noch mal fahren.“

          Anders als sein Partner ist Schäfer nicht Mitglied einer Sportfördergruppe des Bundes. Und im Gegensatz zu Koch steht er längst wieder voll im Training. Am ersten Advent stand „Kaderüberprüfungsmaßnahme“ in seinem Kalender: 2000 Meter maximale Power auf dem Ruderergometer, tags drauf 6000 Meter Langstrecke auf dem Kanal. Selbst bei Minusgraden raus aufs Wasser? Die Ruderer sind nicht zimperlich. Den eiskalten Formtest bestand Schäfer mit Bravour.

          Kürzlich hatte er einen Brief der Deutschen Sporthilfe im Briefkasten, in dem die Stiftung über ihre neue Förderstruktur informiert. Regelmäßig sickern dieser Tage zudem aus Kreisen des Verbandes Wasserstandsmeldungen zu ihm durch. „Es ändert sich fast täglich was.“ Die allgemeine Unsicherheit macht es für ihn nicht einfacher. Mit welcher finanziellen Unterstützung kann er künftig rechnen? „Du glaubst ja wohl nicht, dass du nicht weiter gefördert wirst“, hat ihm der Athletensprecher unlängst bescheinigt. Das beruhigt, zumindest ein wenig. Schäfer hofft, in die zweite Förderkategorie für Sportler in der erweiterten Weltspitze eingestuft zu werden, sobald die Reform greift. Das würde ihn besserstellen als zuletzt.

          Wohin geht die Reise? Lucas Schäfer
          Wohin geht die Reise? Lucas Schäfer : Bild: Picture-Alliance

          Doch glücklich stimmt ihn die gegenwärtige Lage nicht. Sein Blick richtet sich in die fernere Zukunft. Die geplante Zentralisierung, die Koch für unausgegoren hält, lässt auch Schäfer grübeln. Mutmaßliches Szenario: Der Verband beordert ihn nach Hamburg, während seine Freundin, ebenfalls Ruderin, an den Stützpunkt ihrer Bootsklasse nach Berlin ziehen muss. „Für die persönliche Situation wäre das extrem schlecht. Aber mir ist bewusst, dass so etwas passieren kann.“

          Junge Leistungssportler wie er können am Olympiastützpunkt auf die Dienste des Karriereberaters zurückgreifen. Dieser wird vor allem dann wichtig, wenn es perspektivisch für ihn um die Vereinbarkeit mit einem Fernstudium gehen wird. Ein möglicher Umzug macht Lucas Schäfer jedenfalls zu schaffen. Der 22-Jährige sucht den Vergleich mit einem Sportpferd: „Das kann man in einen anderen Stall stellen, aber ob es sich dort dann auch genauso wohl fühlt?“ Auch dies wird ein Aspekt der Reform sein: Dem mündigen Sportler ein Ambiente zu bieten, in dem sportlicher Erfolg auch unter veränderten Bedingungen gedeihen kann.

          Krux mit den Medaillen

          Bis kurz vor Weihnachten war Diana Sujew mehrere Wochen in Warendorf. Es war einer der obligatorischen Fortbildungslehrgänge für die Mittelstreckenläuferin der LG Eintracht Frankfurt, die der Sportfördergruppe angehört. „Mit der Bundeswehr als Arbeitgeber kann ich mich nicht beschweren“, sagt sie.

          Auch ihre Disziplin steht mit der Spitzensportreform auf dem Prüfstand. Wird tatsächlich streng nach Medaillenaussicht gesiebt, hätten deutsche Leichtathleten auf den Mittel- und Langstrecken keinen leichten Stand: Die Weltelite, vornehmlich aus Äthiopien und Kenia, scheint übermächtig, bei internationalen Titelkämpfen ist häufig schon die Qualifikationsnorm oder das Halbfinale ein Erfolg.

          Mehr war auch für Diana Sujew bei ihren ersten Olympischen Spielen nicht drin. Die Reform sei natürlich Thema beim Lehrgang gewesen. Der einhellige Tenor sei gewesen: „Das kann so nicht funktionieren.“ Auf Medaillen reduziert zu werden, findet sie, wird der Sache nicht gerecht. Was dies betrifft, versucht man am Olympiastützpunkt zu beruhigen.

          Mittelstreckenläuferin Diana Sujew kurz vor dem Start des 1500-Meter-Halbfinales von Rio
          Mittelstreckenläuferin Diana Sujew kurz vor dem Start des 1500-Meter-Halbfinales von Rio : Bild: Picture-Alliance

          Das mit den Medaillen ist in ihrem Fall sowieso so eine Sache. Im Frühjahr erfuhr Diana Sujew von der ihr zuerkannten Bronzemedaille von der EM in Helsinki. Aus 2012. Per Twitter. Die Frankfurterin, die eigentlich nur Sechste geworden war, verdankte dies der Doping-Sperre der ukrainischen Mittelstreckenläuferin Anna Mischtschenko. Der Leichtathletik-Weltverband hatte sie bis August 2017 gesperrt. Zuvor waren schon Europameisterin Asli Cakir Alptekin (Türkei) und die viertplazierte Russin Jekaterina Ischowa wegen Dopings suspendiert worden. Ihre erste Reaktion? „Ich habe geweint - aber ich wusste nicht, ob vor Freude oder Frust.“ Es ist ein eindrücklicher Beweis, wie trügerisch Ergebnislisten sein können.

          Dabei gewinnt Diana Sujew den Plänen positive Aspekte ab. Sie sei ein Fan von Zentralisierung, sagt sie. Ihr geht es jedoch in erster Linie um ausgedehnte Trainingslager, bei denen sich die deutsche Spitze ihrer Disziplin versammelt. Amerikaner und Briten machten es nicht anders. Doch da sind ja auch noch die Heimtrainer. Umzug? Damit beschäftigt sie sich nicht. Jüngst ist sie in die Trainingsgruppe von Georg Schmidt gewechselt. Ihre Ambition: Tokio 2020 - dann womöglich sogar auf der 5000-Meter-Strecke. Das Perspektivteam formiert sich bereits.

          Nach Gold, vor Olympia

          Es gibt aber auch jene, denen die Reform kein Kopfzerbrechen bereitet. Olympiasieg und Hochzeit: Besser hätte das Jahr 2016 für Christian Reitz kaum laufen können. Bei einer Kreuzfahrt in der Karibik gaben er und seine Freundin Sandra (geb. Hornung und ebenfalls Schützin) sich kurz vor Weihnachten das Jawort. Dank des Triumphes von Rio geht derzeit monatlich ein stattlicher Betrag auf seinem Konto ein, insgesamt 20.000 Euro gibt es als Prämie.

          Goldschütze: Christian Reitz kann auf ein großartiges Jahr zurückblicken - und hat bereits die nächsten Olympischen Spiele im Visier.
          Goldschütze: Christian Reitz kann auf ein großartiges Jahr zurückblicken - und hat bereits die nächsten Olympischen Spiele im Visier. : Bild: Picture-Alliance

          Dem neuen Spitzensportkonzept sieht Reitz gelassen entgegen. „Ein Stützpunktkonzept haben wir bei den Schützen schon lange“, sagt der 29-Jährige. Seit zwei Jahren wohnt er in Regensburg, trainiert dort am Leistungsstützpunkt und besucht regelmäßig den Bundesstützpunkt in München. Vorher wohnte Reitz im Rhein-Main-Gebiet. Aus Kriftel, wo er nach wie vor für den hiesigen Klub in der Bundesliga antritt, zog es ihn schließlich in die Oberpfalz - auch weil es in Kriftel ein Überangebot an hervorragenden Schützen gebe, sagt er.

          Reitz ist bei der hessischen Bereitschaftspolizei angestellt und dort seit Anfang 2015 vom Dienst freigestellt. Der Olympiasieger, dessen Rat in Fachfragen auch international geschätzt wird, kann sich seitdem als Vollprofi auf seinen Sport konzentrieren. Beileibe nicht alle Schützen sind in einer solch komfortablen Position - Einsparungen, denkt er, könnten andere durchaus treffen. Spitzensportreform hin oder her: Die Perspektiven des Mannes, der mit dem Weltmeistertitel 2014, Gold bei den Europaspielen 2015 und Olympiagold 2016 im Prinzip alles erreicht hat in seiner Sportart, bleiben unverändert. „Olympia 2020 ist wieder das Ziel“, sagt Christian Reitz.

          Quelle: F.A.Z.

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