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Schach-Weltmeister Carlsen : Zwischen Micky Maus und Monty Python

  • -Aktualisiert am

Denken hilft: Magnus Carlsen beim WM-Finale in Sotschi Bild: dpa

Magnus Carlsen ist anders, das zeigt sich auch in seinem Spiel im WM-Finale gegen Viswanathan Anand. Die Norweger lieben ihren Schach-Weltmeister – und verzeihen ihm seine Eigenarten am Brett.

          Die Monate vor einer Schach-WM sind voller Geheimnisse. Selbst das kleinste Detail, das ein Lager herauslässt, wird registriert. Weltmeister Magnus Carlsen meidet die Presse, so gut es geht, aber über Twitter oder Facebook ein paar Brocken preiszugeben bereitet ihm anscheinend Vergnügen. Die Fotos der vergangenen Wochen zeigten ihn vor einer nebligen Bergwand, mit einem Micky-Maus-Heft, unter einem Donald-Duck-Hut.

          Da fragt man sich: Bereitete sich der 23-jährige Norweger auf die Weltmeisterschaft in Sotschi auch richtig vor? Nahm er seinen indischen Herausforderer Viswanathan Anand überhaupt noch ernst? Als Carlsen am Dienstag erstmals seit 2011 gegen den Inder verlor, wurden diese Fragen wieder diskutiert. Schließlich hatte er den spielfreien Tag vor dieser dritten WM-Partie damit verbracht, hinter seinem Hotel Basketball zu spielen.



          Hätte er nicht besser das Damengambit studiert? Hat er vielleicht gar nicht nötig. Am Samstag jedenfalls zwang Carlsen seinen indischen Herausforderer in der sechsten Partie nach 38 Zügen zur Aufgabe. Damit führt der Titelverteidiger zur Hälfte des Matches mit 3,5:2,5 Punkten. Die siebte Partie ist für diesen Montag (13.00 Uhr) angesetzt. Zum WM-Sieg sind 6,5 Punkte nötig.

          In Norwegen ist Carlsen eine ganz große Nummer. An die drei Dutzend norwegische Reporter sind nach Sotschi gereist. Ohne sie wäre die Kulisse im Medienzentrum der Olympischen Winterspiele ziemlich traurig. Es gibt kaum Zuschauer und kaum Journalisten aus anderen Ländern. Nach jeder Partie beantworten die Spieler ein paar Fragen. Dann geht Anand unbehelligt ab, und der norwegische Pulk drängt sich um Carlsen.

          Vor einem Jahr hat er Anand mit 6,5:3,5 Punkten geradezu deklassiert. Es war der langweiligste Titelkampf seit zwanzig Jahren. Auf die Neuauflage ihres einseitigen Duells hat die Welt nicht gewartet. Bis auf Norwegen. Das Match ist auf allen Titelseiten der Zeitungen zu finden und eröffnet oft sogar die Hauptnachrichten. Fernsehsender und Websites übertrumpfen sich gegenseitig mit Liveübertragungen.

          Sie beginnen um 13 Uhr und halten den ganzen Nachmittag über die Menschen von der Arbeit ab. Glaubt jedenfalls der Bürgermeister von Oslo, der die städtischen Angestellten öffentlich zur Disziplin gemahnt hat. Am Sonntag vor einer Woche hat jeder dritte Norweger Carlsens Sieg am Bildschirm mitverfolgt. Man darf davon ausgehen, dass die Hälfte von ihnen nicht die Regeln beherrscht. Aber es geht nicht wirklich um Schach. Es geht um Carlsen.

          Derzeit führt der Norweger gegen Viswanathan Anand mit 3,5:2,5

          Ein Weltstar wie Bobby Fischer oder Garri Kasparow ist er nicht. Zumindest noch nicht. Im vergangenen Jahr liebäugelte er damit, sich eine Wohnung in New York oder London zu nehmen. Der 23-Jährige ist zwar zu Hause ausgezogen, aber nicht weiter als ein paar Kilometer entfernt in einen angrenzenden Osloer Vorort. Autofahren ist nicht sein Ding. Wenn ihn nicht sein Vater fährt, nimmt er den Bus. So viel Bodenständigkeit gefällt seinen Landsleuten.

          Und erst seine von viele Norwegern geteilte Sportbegeisterung. Er fährt leidenschaftlich Ski, spielt Tennis, Fußball, Basketball, Beachvolleyball. Neuerdings sogar Golf. Er ist zur Fußball-WM nach Brasilien gereist, zur Tour de France, und er ist jetzt nicht das erste Mal in Sotschi. Dort hat er sich schon die Winterspiele angesehen. Um nach einer Partie den Kopf frei für die nächste zu kriegen, hat er früher oft nachts am Computer gepokert. Heute tut’s auch Fußballschauen.



          Magnus Carlsen ist anders, das zeigt sich auch in seinem Spiel. Im Gegensatz zu Anand und vielen anderen Spitzenspielern strebt er keine forcierten, weit vorbereiteten Varianten an, um möglichst viel aus der Eröffnungsphase zu holen. Er will die Gegner nur möglichst früh aus ihrer Vorbereitung bringen und ihnen eine Stellung aufdrängen, die ihnen nicht liegt. Auch Carlsens Humor ist etwas eigen und nicht unbedingt typisch für seine Generation. Ganze Monty-Python-Sketche kann er auswendig.

          In der Schachwelt galt Carlsen schon als schrullig oder, weniger wohlwollend, als „antiautoritär verzogen“, seit er als Teenager in die Welt der Eliteturniere stieß. Er brachte, oft als einziger Teilnehmer, seine eigene Verpflegung mit zu den Partien: Saft und Nüsse. Es wurde belächelt, wie er sich übers Brett lehnte, quer über seinen Stuhl fläzte oder auch die Beine ineinander verschlang.

          2013 deklassierte Carlsen Anand in dessen indischer Heimat

          Das würde sich mit dem Erwachsenwerden legen, glaubte man. Von wegen. Auf Pressefotos sieht man das deshalb selten, weil bei Turnierpartien nur während der ersten Minuten fotografiert werden darf. Carlsen lümmelt am Brett wie eh und je, und die Markenklamotten, für die er auch modelt, sind dann ziemlich zerknittert.

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