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Sotschi-Kommentar : Doch keine Freiheit für Sport-Schwule

Empörung: In New York protestieren Homosexuelle gegen die Olympiaveranstalter Bild: AP

Das Hin und Her um die Anwendung der Anti-Homosexuellen-Gesetzes während der Olympischen Winterspiele in Sotschi zeigt: IOC und Fifa müssen künftig Mindestanforderungen an den Menschenrechtsstandard der Gastgeberländer zu den Vergabekriterien zählen.

          Es hat eine Weile gedauert, aber inzwischen scheint den russischen Machthabern aufgegangen zu sein, welche Absurdität sie mit der neuen Spezies der Sport-Schwulen beinahe geschaffen hätten. Ihre Ankündigung, sie wollten für die Zeit der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi  Homosexuellen tatsächlich ihre Menschenrechte zugestehen und sie nicht diskriminieren, haben sie wieder zurückgenommen. Zunächst hatten sie dem Internationalen Olympischen Komitee die Zusage gemacht, das viel kritisierte Anti-Homosexuellen-Gesetz, das „Propaganda“ für gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierung streng verbietet, werde ausgesetzt - solange die Flamme lodert. Aber inzwischen haben Kreml-Chef Putin und seine Männer wohl eingesehen, dass sie nicht einfach am Menschenrechtshahn sitzen und ihn zeitweise ein kleines Stückchen aufdrehen können, nur um ihrem Lieblingsspielzeug, dem Sport, eine Freude zu machen.

          Woraus sich weitere Fragen ergeben. Wie will Russland mit möglichen schwulen Sportlern und anderen Gästen während der Leichtathletik-Weltmeisterschaften umgehen, die demnächst in Moskau beginnen? Und was will die russische Justiz tun, wenn sich bis zur Fußball-WM 2018, die ebenfalls in Russland stattfindet, ein Nationalspieler zu seiner Homosexualität bekennen und mit öffentlichen Traumpässen und Torschüssen Schwulen-Propaganda betreiben sollte?

          Sowohl das Internationale Olympische Komitee (IOC) als auch der Welt-Fußballverband (Fifa) stehen vor einem neuen Problem. Sie geben sich als philanthropische Organisationen, die zum Beispiel keine Diskriminierung wegen sexueller Orientierung tolerieren. Bisher haben sie sich bei ihren Gastspielen unter allerlei die Menschenrechte verletzenden Diktaturen - zuletzt 2008 bei den Olympischen Sommerspielen in Peking und 2012 bei der EM in der Ukraine - darauf herausgeredet, dass ihr Einfluss sich nicht auf die Politik von Regierungen, sondern nur auf ihre eigene Sphäre erstrecke.

          Alte Denke funktioniert nicht mehr

          Der Anspruch, der dahintersteckt, lautet, dass sie ihre Großereignisse vergeben können, wohin sie wollen, solange dort nur die Bevölkerung unterdrückt wird und nicht die olympische oder die Fußballfamilie. Und jetzt? Die Gesetzgebung in Russland verletzt auch die Rechte der Sportler, Zuschauer, Kampfrichter und Medien aus dem Ausland. Die alte Denkschleife funktioniert nicht mehr.

          Nun ist es an der Zeit, dass sich IOC und Fifa endlich mit einer alten Forderung befassen: Dass zu den Vergabekriterien, die Bewerber für Großereignisse erfüllen müssen, auch Mindestanforderungen an den Menschenrechtsstandard eines Gastgeberlandes gestellt werden. Solche Überlegungen stören manchmal die ökonomischen Erwägungen. Aber sie könnten die Sport-Giganten auch vor fatalen Fehlern schützen, etwa der Vergabe der Fußball-WM 2022 an Qatar. Dort wird Sex unter Männern mit sieben Jahren Gefängnis bestraft.

          Quelle: F.A.Z.

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