Home
http://www.faz.net/-gub-12vp1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Sorana Cirstea Einfach keine Zeit für die Schulbücher

 ·  Sorana Cirstea wollte in Paris nebenbei für das Abitur lernen. Statt für das Examen zu büffeln, lernt sie bei den French Open in Paris die angenehme Seite ihres Berufs kennen. Schuld an der Tennis-Leidenschaft ist eine Deutsche.

Artikel Bilder (7) Lesermeinungen (0)

Es hat viele Vorteile, wenn man als Tennisprofi im Viertelfinale der French Open steht: Man hat mindestens schon einmal 132.500 Euro verdient und sich viele Punkte für das Fortkommen in der Weltrangliste gesichert. Für Sorana Cirstea hat das überraschende Vordringen in die Runde der letzten acht noch einen weiteren angenehmen Effekt.

„Jetzt wissen sie in meiner Schule, dass ich nicht schwänze. Sie können ja im Fernsehen sehen, dass ich in Paris bin“, sagt die 19 Jahre alte Rumänin. Im August stehen die Abschlussprüfungen an. Deshalb hatte sie auch Schulbücher mit nach Frankreich genommen, aber sie ist noch nicht dazu gekommen, für ihr Examen zu pauken: „Ganz ehrlich, ich habe noch nicht gelernt. Ich habe mich nur auf das Turnier konzentriert.“

Die 1,76 Meter große junge Frau hat das mit unerwartet großem Erfolg getan: Sie hat sich im Stade Roland Garros zu einem wahren Favoritenschreck gemausert. Die Rumänin hat als 41. der Weltrangliste gleich zwei Top-Ten-Spielerinnen aus dem Wettbewerb geworfen, erst die Dänin Caroline Wozniacki (10.) und am Montagabend in einer Marathonpartie von 2:44 Stunden Spielzeit mit 3:6, 6:0 und 9:7 die Serbin Jelena Jankovic (5.), die im Vorjahr 18 Wochen die Weltrangliste anführte.

„Caroline ist meine beste Freundin auf der Tour“

In den vergangenen beiden Jahren hatte die Serbin bei den French Open jeweils das Halbfinale erreicht – ein Ziel, das jetzt für die Außenseiterin aus Targoviste in Reichweite scheint. An diesem Mittwoch spielt Sorana Cirstea um den Einzug in die Vorschlussrunde gegen die Australierin Samantha Stosur (32. der Weltrangliste), eine weitere Außenseiterin, die mit ihrem Erfolg über die russische Olympiasiegerin Elena Dementjewa (4.) in der dritten Runde ebenfalls für einen Favoritensturz gesorgt hat.

Überhaupt geht es in diesem Jahr in der Damenkonkurrenz drunter und drüber: Von den Top Ten der Weltrangliste hatten sich vor dem Viertelfinale außerdem noch die serbische Titelverteidigerin Ana Ivanovic (8.), die amerikanischen Wimbledonsiegerin Venus Williams (3.) und die Russin Vera Zwonorewa (6.) vorzeitig verabschiedet. Dafür hat Paris auf einmal ein neues Starlet: Sorana Cirstea. Mit vier Jahren schwang die gebürtige Bukaresterin erstmals ein Racket – und daran ist eine Deutsche schuld: „Ich habe mit Tennis wegen Steffi Graf angefangen. Ich habe sie ständig im Fernsehen gesehen. Ich erinnern mich gut, wie fokussiert und ernsthaft sie immer beim Tennis war.“

Zwar hat sie als Teenager für Furore gesorgt und wurde in der Weltrangliste der unter Vierzehnjährigen als Nummer eins geführt, aber ihre Profikarriere kam nie so recht in Schwung, obwohl alte Widersacher aus Jugendtagen wie die Dänin Caroline Wozniacki kometenhaft aufstiegen. „Caroline ist meine beste Freundin auf der Tour. Wir verbringen viel Zeit miteinander. Es hat mich inspiriert, wie sie nach oben kam, aber für mich war es schwerer, weil ich wollte, dass alles ganz schnell geht. Und als das nicht klappte, war ich schwer enttäuscht.“ Erst in den letzten Monaten hat sie Geduld gelernt – und auf einmal ist sie in Paris endlich da, wo sie schon lange sein wollte: „Endlich habe ich das Niveau erreicht, das ich mir vorstelle.“

„Ich bin glücklich. Ich hoffe, das ist nur der Anfang“

Als sie am Pfingstmontagabend auf den Platz ging, waren die alten Größen des rumänischen Tennis komplett versammelt: Ion Tiriac, Ilie Nastase und Virginia Ruzici. Sie sahen ein Match, in dem ihre junge Landsfrau besonders im letzten Satz ebenso mit den Nerven kämpfte wie die hohe Favoritin. Die Endphase war sicherlich kein Tennisleckerbissen, beide lebten vorwiegend von den Fehlern der anderen. Jelena Jankovic hatte beim Stand von 6:5 im dritten Satz bei eigenem Aufschlag einen 30:0-Vorsprung. „Da hätte ich das Match gewinnen müssen“, sagte die sichtlich enttäuschte Serbin.

Der einen Leid, der anderen Freud „Ich bin glücklich, wie ich spiele. Ich hoffe, das ist nur der Anfang“, sagt Sorana Cirstea, aber erst einmal muss sie etwas anderes zu Ende bringen. Sie geht zu Hause auf ein ganz normales Gymnasium und gibt Englisch und Geographie als ihre Lieblingsfächer an. Nur wenn sie ihrem Job als Tennisprofi nachgeht, nimmt sie sich schulfrei. Große Entschuldigungsschreiben muss sie nicht verfassen: „Wenn ich nicht da bin, wissen die Lehrer ja, dass ich ein Turnier spiele.“ Und ganz besonders dann, wenn sie dabei auch noch für solche Schlagzeilen sorgt wie derzeit in Paris.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1948, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Vorbei an Ronaldo

Von Peter Penders

Ein Dortmunder stand in dieser Saison in der Champions League in allen Spielen von An- bis Abpfiff auf dem Platz und wird noch einen weiteren Rekord aufstellen. Der Bundestrainer ist darüber wohl am meisten verblüfft - oder erleichtert. Mehr 4

Ergebnisse, Tabellen und Statistik