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Snooker : Keine Visionen, kein Star

  • -Aktualisiert am

Lasse Münstermann war einst die große deutsche Hoffnung Bild: ddp images/dapd/Berthold Stadler

Wenig Geld und wenig Interesse am Vereinssport sind die Hauptprobleme des Snooker-Sports in Deutschland. Die WM in Sheffield findet wieder ohne deutsche Teilnehmer statt.

          14.000 Euro erhält jeder Spieler, der sich für die erste Runde der Snooker-Weltmeisterschaft qualifiziert hat, die am Samstag in Sheffield beginnt. Unabhängig vom Turnierverlauf haben die 32 Teilnehmer damit schon dreimal mehr an Preisgeld eingespielt als Lasse Münstermann in seiner gesamten Laufbahn. Münstermann galt stets als hoffnungsvollstes deutsches Talent, er hat sich nach zehn Jahren als Profi nun aber aus dem Sport zurückgezogen. Dass in den nächsten Jahren erstmals ein deutscher Spieler an der Weltmeisterschaft teilnehmen wird, erscheint damit unwahrscheinlicher denn je.

          Das liegt neben der bescheidenen finanziellen Situation im deutschen Snooker auch an mangelndem Interesse am Vereinssport. „Wir sind froh über 20 Zuschauer bei unseren Spielen“, sagt Björn Thomeit. Der Sechsunddreißigjährige ist zweiter Vorsitzender und Sponsor des Bundesligaklubs Neu-Ulm. Dass der Zulauf im Verein trotz guter Fernsehquoten und vieler Zuschauer bei Turnieren wie den German Masters zu wünschen übriglasse, sei ihm unerklärlich, sagt Thomeit. Doch Geld für eine stärkere Öffentlichkeitsarbeit und Jugendtraining sei nicht vorhanden. 5000 Euro investiert Thomeit pro Jahr nach eigenen Angaben in den Neu-Ulmer Verein, der aktuell den fünften von acht Plätzen in der ersten Bundesliga belegt. „Für viele Vereine geht es nur darum, irgendwie zu überleben“, sagt er. Einige Teams seien schon absichtlich ab- oder nicht aufgestiegen, um sich weiter finanzieren zu können. „Ein Talent wie Lasse Münstermann unter diesen Bedingungen zu formen ist nahezu unmöglich“, sagt Thomeit.

          Verband ist knapp der Insolvenz entgangen

          Das bestätigt auch Thomas Hein, der deutsche Snooker-Bundestrainer: „In den nächsten fünf Jahren wird es höchstwahrscheinlich keinen deutschen Spieler bei der WM geben“, sagt Hein, der zusammen mit Rolf Kalb 17 Tage lang die Weltmeisterschaft bei „Eurosport“ kommentieren wird. Dort ist das Interesse größer: 230 Stunden und damit mehr als je zuvor überträgt der Sender live von der Weltmeisterschaft, denn die Einschaltquoten sind so gut, dass der Sender immer häufiger Snooker zeigt statt Fußball oder Leichtathletik. Fast eine Million Zuschauer sahen vergangenes Jahr das Finale, in dem sich Ronnie O’Sullivan seinen vierten WM-Titel sicherte.

          Dem deutschen Vereinssport hat das bisher allerdings nicht geholfen. Die Deutsche Billard-Union (DBU), in die Snooker seit 1999 ebenso wie Pool oder Karambolage eingegliedert ist, hat im vergangenen Jahr eine Insolvenz nur knapp abwenden können, indem sie die Mitgliedsbeiträge massiv erhöhte. Verbindlichkeiten im sechsstelligen Bereich wurden bekannt, DBU-Präsident Manfred Pürner trat zurück. „Die DBU stand am Abgrund“, sagt Michael John, der im Februar zum neuen Präsidenten gewählt wurde, nachdem ein Übergangspräsidium den Verband fast ein Jahr geführt hatte. „Für Visionen ist momentan nicht die richtige Zeit“, sagt John. „Es geht erstmal um das Aufräumen und Herstellen einer soliden Operationsbasis.“

          Investitionen in die Nachwuchsförderung des Snookers sind damit in den kommenden Jahren ausgeschlossen. „Der Verband hat ganz andere Probleme“, sagt Bundestrainer Hein. „In solch einer Situation hat man natürlich keine Chance, einen Topspieler zu produzieren.“ Doch für die Zukunft ist er trotzdem vorsichtig optimistisch. „Wir haben immer mehr Tische zur Verfügung, das Durchschnittsalter bei Turnieren sinkt, insgesamt gibt es eine viel breitere Basis“, sagt er.

          Stars gibt es nur im Ausland: Deutschland wartet noch auf einen Ronnie O’Sullivan

          Dennoch gibt es in Deutschland nur rund 5000 Snooker-Spieler, während man in Großbritannien von sechs Millionen ausgeht. Mit Marco Fu (Hongkong), Dechawat Poomjaeng (Thailand) und Ding Junhui (China) spielen in diesem Jahr auch nur drei Teilnehmer aus dem aufstrebenden asiatischen Raum im Crucible Theatre in Sheffield mit. Hinzu kommt noch der Australier Neil Robertson - die anderen 28 Starter stammen aus Großbritannien.

          Ein neuer Start

          In Deutschland würde wohl nur ein eigener Topspieler den Sport noch populärer machen. „Das Einzige, was uns fehlt, ist ein charismatischer Spieler im Fernsehen“, sagt Hein. Hätte man hierzulande einen O’Sullivan oder Judd Trump, die nicht nur gut spielen, sondern auch mit ihrem Auftreten die Leute anziehen, könne man die TV-Quoten „noch mal verdreifachen“ rechnet er vor. „Wir würden gerne in den fünften Gang schalten, stecken aber immer noch im dritten fest.“

          Vielleicht schaltet der deutsche Snooker-Motor aber schon schneller hoch als gedacht. Patrick Einsle, neben Münstermann der deutsche Topspieler in den vergangenen Jahren, möchte anscheinend noch einmal einen Versuch wagen. 2010 hatte Einsle freiwillig die Main-Tour, eine Reihe der wichtigsten Turniere des Jahres, verlassen. Am 27. April will der Füssener noch einmal einen neuen Anlauf beim Amateur Cup starten. Die besten drei von zwölf Spielern erhalten eines der begehrten Main-Tour-Tickets. Einsle könnte seinen Bundestrainer und alle Skeptiker widerlegen - denn ein Main-Tour-Ticket berechtigt auch zur Teilnahme an der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2014.

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